Rechte Slogans im Alltag : Verrohung in der Asyldebatte

Rechte Slogans sickern in den Alltag. Begriffe wie Lügenpresse“ und „Volksverräter“ schwirren durch die öffentlichen Debatten

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07. August 2016, 21:00 Uhr

„Dreckspack“, „schwarze Affen“, steht da in Posts auf Facebook, und „Dachau muss wieder aufgemacht werden“. Für alle sichtbar, frei zum Liken, Teilen, Übertrumpfen. Die Aussagen von Anhängern der AfD oder Pegida, das beobachtet Heidrun Kämper vom Institut für Deutsche Sprache, haben große Nähe zur NS-Sprache – und auch zur NS-Wirklichkeit. Es braucht für eine Verrohung der Sprache also keine neuen Wörter, die extremer wären als je zuvor.

Offen ausgedrückter Hass nehme zu, sagt Kämper. Die Hemmschwelle sei gesunken, ganz offen die Sprache der Nationalsozialisten zu verwenden, Parolen wie „Deutschland erwache!“. Sprache zu beeinflussen, auch über ihre eigenen Kreise hinaus, das gehöre zur Strategie der Rechten, erklärt Rechtsextremismus-Experte Johannes Baldauf von der Amadeu-Antonio-Stiftung. „Es ist ein Erfolg des Populismus, dass jeder weiß, was der Kontext ist, wenn jemand das Wort ,Lügenpresse’ in den Mund nimmt.“ Dass Menschenverachtung in die öffentliche Sprache eindringt, sei neu, sagt Anatol Stefanowitsch, Sprachwissenschaftler an der Freien Universität in Berlin.

Noch problematischer ist: Menschen mit rechten Einstellungen, das belegt die aktuelle „Mitte“-Studie der Universität Leipzig, sind zunehmend offen dafür, Gewalt anzuwenden. Fast 20 Prozent der Befragten sagen, sie seien bereit, sich „mit körperlicher Gewalt gegen Fremde durchzusetzen“. Gegen die Angstrhetorik von rechts entsteht etwa in Bayern gerade die Initiative „Mut zu Mut“. Die Gruppe will den nach rechts gerückten Diskurs wieder justieren.

Damit dürfte sie einige Arbeit haben. Denn althergebrachte rechtsextreme Einstellungen haben zwar laut „Mitte“-Studie nicht zugenommen, Judenhass also, Überfremdungsängste, Führerfantasien oder ein verharmlosender Blick auf die NS-Vergangenheit. Es gebe aber, sagt einer der Studienautoren, mehr Aggression gegen einzelne Gruppen. „Rechte Begriffe und Slogans gehen vielen heute leichter über die Lippen, der Schrecken schwindet“, sagt auch Kämper. Das liege auch daran, dass heute weniger Zeitzeugen des NS-Regimes leben als früher. Sie hatten das Bewusstsein, dass sich etwas wie der Holocaust nicht wiederholen dürfe - jegliche Art von NS-Affinität war tabu. In den Generationen danach habe sich das geändert.

Ob man nun für AfD, Pegida und Co. ist oder dagegen: Über Flüchtlinge und die Parolen der Rechtspopulisten wird viel geschrieben, viel gesprochen, auch im Privaten. Das geht kaum, ohne diese Parolen zu verwenden - und sei es im Zitat. Diesem Dilemma entkommt man nicht, auch die Medien tun sich damit schwer.

„Lügenpresse“, „Volksverräter“, „Überfremdung“ - Wer über die eigene Sprache nachdenkt, bemerkt vielleicht an sich selbst, dass nach vielen Diskussionen über Asylpolitik solche Wörter leichter auszusprechen sind. „Wenn man sich viel damit beschäftigt, muss man ständig besonders aufmerksam sein, sich diesem Effekt zu entziehen“, sagt Stefanowitsch. „Aber es steht etwas auf dem Spiel.“ Sich nicht zu distanzieren von herabwürdigenden Wörtern, berge die Gefahr, harmlos wirkende Muster zu übernehmen.

Auch das kann Ressentiments schüren: Im Juni erhob Innenminister Thomas de Maizière (CDU) diesen nicht belegbaren Vorwurf gegen Ärzte, die Flüchtlinge untersuchen, und indirekt gegen Asylbewerber: „Es kann nicht sein, dass 70 Prozent der Männer unter 40 Jahren vor einer Abschiebung für krank und nicht transportfähig erklärt werden.“ Entsprechende Zahlen gibt es nicht, musste sein Ministerium zugeben. Dass de Maizère zugleich vor verrohter Sprache warnt, könnte Taktik sein.

Diese Methode hat die AfD für sich entdeckt. Jemand aus der Partei bricht ein Tabu, spricht etwa vom Schießen auf Flüchtlingskinder und nimmt es wieder zurück. Mit großem Widerhall. Dann wirke menschenverachtende Sprache zunehmend normal.

Sophie Rohrmeier

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