Streitbar : Untergang des christlichen Abendlandes

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Das Problem mit der abendländischen oder christlich-tradierten Selbstvergewisserung liegt darin, dass beides nicht existent ist, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
15. April 2017, 16:00 Uhr

Dresden. Oh je. Hauptstadt der Bewegung zur Verteidigung des Abendlandes. Doch langsam ist die Luft raus. Pegida ist nicht mehr das, was es einmal war. Der Jour fixe der Wutbürger „kämpft gegen die eigene Bedeutungslosigkeit an“. Nachlesen kann man das in der Lokalpresse. Die „Dresdner Neueste Nachrichten“ zitieren einen Versammlungsleiter, der den Grund für den Pegida-Kater kennt: „Weil sich nichts tut, weil die Reden langweilig sind, weil es immer dieselben Gesichter sind.“ Weil Pegida also so ist, wie es Deutschland gerne hätte: Langweilig, ohne jeden Austausch und stockkonservativ. Offenbar hat sich die Bewegung in ihrer Hauptstadt fast totgelaufen. Jetzt feiert nur noch der Bodensatz das Abendland. Zeit, Bilanz zu ziehen, gut zwei Jahre nach den Anfängen.

„Patriotische Europäer gegen die Islamisierung des Abendlandes“ – das verbirgt sich hinter dem Akronym Pegida. Zu Hochzeiten „spazierten“ Zehntausende durch die sächsische Landeshauptstadt, in der zwar eine der meistbesuchten Kirchen Deutschlands steht; doch für Gottesdienste interessiert sich kaum jemand, der die wieder aufgebaute Frauenkirche bestaunt. Ähnlich ist es mit Pegida. Die Retter des Abendlandes dürften kaum wissen, was sie da eigentlich verteidigen. Die angeblichen Patrioten brauchten und brauchen das Abendland lediglich als Etikett, während sie es auf die von ihnen halluzinierte Islamisierung abgesehen haben. Pegida war seinem Selbstverständnis nach Notwehr. Und die wurde immer mal wieder bis zum Exzess gesteigert. So warnte der einst erfolgreiche und angesehene Katzenromanautor Akif Pirinçci vor Flüchtlingen als „Invasoren“, fantasierte von einer „Umvolkung“ und sprach gar von einer „Moslem-Müllhalde“. Das Amtsgericht Dresden stellte Pirinçci deshalb einen Strafbefehl in Höhe von 11  700 Euro zu. 180 Tagessätze zu je 65 Euro wegen Volksverhetzung. Pirinçci, der auch „Gauleiter gegen das eigene Volk“ in seiner Rede erwähnte, kündigte Einspruch gegen diesen Strafbefehl an.

Wem Pegida zu schmuddelig, Dresden zu weit ab, Demonstrationen zu umständlich und langatmige Reden von Hobbyintellektuellen zu nervig waren, wich gerne auf die Formel von der „jüdisch-christlichen Tradition“ aus, um sich vom Islam abzugrenzen. Auch hier dasselbe Phänomen: Die „christlich-jüdische Tradition“ ist so hohl wie der Begriff „Abendland“. Es gibt diese Tradition nur in den Köpfen von Paranoikern, die durch die Inklusion der Juden die eigene Front gegen den Islam vergrößern wollen. Das versucht etwa die sogenannte „Alternative für Deutschland“, die plump und dreist verkündet, sie stünde an der Seite der jüdischen Gemeinden hierzulande. Die Vorsitzende Frauke Petry sprach von ihrer Partei gar als „einer der wenigen Garanten jüdischen Lebens“ in Zeiten „illegaler antisemitischer Migration nach Deutschland“.

Wie schnell Juden jedoch exkludiert werden können, zeigte sich vor wenigen Tagen mal wieder. Die Jugendorganisation der FDP, die Jungen Liberalen, beschloss auf ihrem Bundeskongress, jüdisches Leben in Deutschland unmöglich zu machen: „Die individuelle Religionsfreiheit endet dort, wo sie in das Recht auf körperliche Unversehrtheit anderer eingreift. Wir sprechen uns gegen jegliche Form der nicht medizinisch indizierten, irreversiblen körperlichen Veränderung an Kindern aus, wenn diese ohne den ausdrücklichen Wunsch der Betroffenen erfolgen sollen“, schrieben die FDP-Pimpfe ganz arglos. Von den Verteidigern des Abendlandes, den „Garanten jüdischen Lebens“ und den Rittern und Rettern der „christlich-jüdischen Tradition“ war nichts zu hören. Kein Aufschrei bei AfD, Pegida & Co.

Die Beschneidung von Jungen am achten Tag nach ihrer Geburt ist das verbindlichste Ritual im Judentum. Wer das per Gesetz in Deutschland verbietet, verbietet damit faktisch das Judentum in Deutschland. Ein solches Ansinnen steht freilich in einer sehr deutschen Tradition.

Wie weit her es mit der „christlich-jüdischen Tradition“ ist, zeigt insbesondere die unregelmäßig, dafür aber stets heftig aufblitzende Diskussion um die Beschneidung. 2012 stufte das Kölner Landgericht Beschneidungen als Körperverletzung ein und stellte sie unter Strafe. Es war der Startschuss einer erbitterten Debatte, in der der damalige Präsident des Zentralrats der Juden, Dieter Graumann, fassungslos mit ansehen musste, dass jüdischen Eltern aus allen Ecken und Richtungen unterstellt wurde, grausam oder bösartig den eigenen Kindern gegenüber zu sein. „Viele haben die Diskussion missbraucht, um in dieser Frage altbekannten Antisemitismus zu transportieren“, sagte Graumann damals. Ähnlich ging es auch jetzt in den Online-Kommentarspalten rund um den Beschluss der Jungen Liberalen zur Sache. FDP-Chef Christian Lindner hat mittlerweile zum Glück unmissverständlich klargestellt, dass seine Partei jüdische Beschneidungen befürwortet, wenn sie nach den Regeln der ärztlichen Kunst vorgenommen werden.

Das Problem mit der abendländischen oder christlich-jüdisch-tradierten Selbstvergewisserung liegt darin, dass beides schlicht nicht existent ist. Die Bundesrepublik des Jahres 2017 bezieht sich auf eine Verfassungswirklichkeit, in der – bis auf wenige Ausnahmen wie das Adoptionsrecht für Homosexuelle – jeder nach seiner Façon glücklich werden kann. Und auch die einstigen deutschen Teilstaaten hatten nicht viel mit dem Abendland am Hut. Die Bundesrepublik der Jahre 1949 bis 1990 war ein prowestliches Projekt und Wirtschaftswunder, in dem Kirchen an Ostern und Weihnachten fürs Folkloristische zuständig waren. Die DDR brach gleich völlig mit dem Christentum und stellte alles, was nicht mit der eigenen sozialistischen Lehre unter einen Hut zu bekommen war, unter einen Generalverdacht – insbesondere die Kirchen, die deshalb und nicht wegen der Theologie Ende der 1980er-Jahre zu Keimzellen des friedlichen Widerstands gegen das SED-Regime wurden.

Und was ist mit der Islamisierung? Auch wenn paranoide Megaphonhalter in Dresden anderes verkünden, handelt es sich bei Flüchtlingen und Migranten, die heute zahlreich nach Deutschland kommen, nicht um Invasoren, die dieses Land unter den Halbmond stellen wollen, sondern um Menschen, die sehr irdischen und mörderischen Konflikten zu entrinnen versuchen.

So entpuppen sich die beiden wesentlichen Bezugspunkte der Dresdner Demonstranten – das Abendland auf der einen und die Islamisierung auf der anderen Seite – als Fantasien.

Diese Woche ist Ostern, das höchste Fest der Christen. Man könnte angesichts der bereits erfolgten Entabendlandisierung Deutschlands dazu aufrufen, sich mal wieder mit dem Christentum zu befassen. Nur wozu? Weil ein paar Verzweifelte in einer Identitätskrise stecken und mit der Moderne überfordert sind?

Der Blick nach hinten wird denen und dem Rest des Landes nicht einen Schritt weiterhelfen. Es geht nicht ums Abend- oder Morgenland, sondern um ein Hier und Jetzt, in dem alle glücklich sein können – ob sie nun ihre Kinder beschneiden lassen, Kruzifixe tragen oder Religion für überflüssig halten. Das ist schon schwer genug. Aber der Liberalismus hat auch nie behauptet, leicht zu sein.

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