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Britische Premierministerin auf Reisen : Unter Pastorentöchtern

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Angela Merkel empfängt die neue britische Premierministerin Theresa May zum Antrittsbesuch

„Vielen Dank, es freut mich sehr, hier zu sein:“ Einen freundlichen Satz in gebrochenem Deutsch hatte Theresa May zu ihrem Antrittsbesuch als neue britische Premierministerin gestern mit zu Bundeskanzlerin Angela Merkel nach Berlin gebracht. Doch schnell folgte gestern Abend vor den Kameras im Kanzleramt die knallharte Position für die anstehenden Brexit-Verhandlungen: Ihr Volk wolle raus aus der EU, und zwar mit dem Ziel, „den Zustrom von Migranten aus der EU wieder unter Kontrolle zu bringen“. Handel und Güterverkehr sollten freilich weitergehen, das sei schließlich auch „wichtig für unsere Handelspartner.“

 

Die kühle Premierministerin könnte sich schnell als neue „Eiserne Lady“ entpuppen. Den Wunsch, den EU-Zuzug zu begrenzen und zugleich im Binnenmarkt zu bleiben, hatte Gastgeberin Merkel mehrfach als Rosinenpickerei kritisiert, die es für die Briten keinesfalls geben werde. Merkel ging da-rauf nicht weiter ein, schließlich werde erst dann verhandelt, wenn London in Brüssel die Scheidung beantragt habe. May machte klar, dass damit vor Ende des Jahres nicht mehr zu rechnen sei. Hatte Merkel in der Frage bislang aufs Tempo gedrückt, will sie sich jetzt überraschend in Geduld üben: Eine gute Vorbereitung der Briten sei wichtig und im EU-Interesse.

Die Deutschlandflagge und das blaue EU-Banner wehten vor dem Kanzleramt im heißen Sommerwind, und in der Mitte der „Union Jack“, als sich die beiden Politikerinnen erstmals begegneten. Um Gleichschritt bemüht, schritten beide über den roten Teppich.

Dass die Nachfolgerin von David Cameron zuerst die Kanzlerin besuchte, wurde in der Hauptstadt als gutes Zeichen interpretiert: Die deutsch-britische Freundschaft soll die Brexit-Turbulenzen überstehen. Und auf der Insel ist klar: In den Brexit-Verhandlungen hat Merkels Stimme großes Gewicht. Klar ist aber auch, dass Merkel die Briten die Folgen des Brexit spüren lassen will, um Nachahmer abzuschrecken.

Mit wem es Merkel in den Verhandlungen zu tun bekommt, das war gestern Nachmittag im britischen Parlament schon gut zu beobachten: Mit scharfer Zunge lieferte sich die 59-jährige May einen Schlagabtausch mit Labour-Chef Corbyn. Und ihre erste Botschaft nach der hastigen Amtsübernahme: Brexit heißt Brexit – es gibt kein Zurück. Als ersten offiziellen Schritt verzichtete London gestern auf die Ausübung der rotierenden EU-Ratspräsidentschaft, die 2017 angestanden hätte.

Als konservative Pragmatikerinnen und zwei von ganz wenigen Frauen in den vordersten Führungspositionen der Politik haben May und Merkel durchaus Gemeinsamkeiten. Beide sind seit langem verheiratet und kinderlos und gehen in ihrer Freizeit gerne wandern. Beide sind ehrgeizige Pastorentöchter. Spätestens bei den Schuhen ist allerdings Schluss mit aller Ähnlichkeit. In Pumps mit Leopardenfellmuster wurde die Kanzlerin noch nicht gesichtet.

Vor Mays Berlin-Visite hatte sich Joachim Gauck zu Wort gemeldet: „Die Pose des Gekränkten bringt uns hier nicht weiter“, mahnte er. Bei Kanzlerin Merkel war eine solche Pose bislang nicht zu beobachten.

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erstellt am 20.Jul.2016 | 21:00 Uhr

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