Bundestagswahl 2017 : Umjubelte Verlierer und ein neuer Jäger

Er wollte Kanzler werden. Jetzt fuhr die SPD unter Martin Schulz das schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl in ihrer Geschichte ein.
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Er wollte Kanzler werden. Jetzt fuhr die SPD unter Martin Schulz das schlechteste Ergebnis bei einer Bundestagswahl in ihrer Geschichte ein.

Die Kanzlerin gewinnt die Wahl, aber die SPD mag nicht mehr. AfD und FDP katapultieren sich in den Bundestag. Aber wie soll die Reise nach Jamaika gelingen?

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24. September 2017, 21:49 Uhr

Verlierer lassen sich feiern, Gewinner jubeln kaum. Und über allem die Erkenntnis: Deutschland ist nach rechts gerückt. Die Union verliert an Rückhalt, die SPD stürzt ab, die AfD steigt auf, die FDP steigt wieder ein. Merkel ist angeschlagen, doch sie kann weiterregieren – aber wie? Der Wahlabend im Überblick:

CDU: Der Sieg

Dann kommen sie doch noch, die „Angie! Angie!“-Rufe, als die Kanzlerin gegen 18.40 Uhr auf die Bühne im Konrad-Adenauer-Haus tritt. Doch der Jubel ist gedämpft. Zu heftig sind die Tiefschläge für die Union, die verdaut werden müssen. „Man braucht nicht drum herumzureden, wir hatten uns natürlich ein besseres Ergebnis erhofft“, räumt Angela Merkel ein. Der Einzug der AfD bedeute eine „außerordentliche Herausforderung“, der sie sich annehmen wolle.

Die „strategischen Ziele“ seien aber erreicht, versucht die Kanzlerin, eines der schlechtesten Ergebnisse der Union schönzureden. „Gegen uns kann keine Regierung gebildet werden“, ruft sie, und erntet wieder Beifall und „Angie!“-Rufe. Doch der Schock in der CDU-Zentrale sitzt tief.

Es ist einer der bittersten Siege für die Union. „Wir müssen das jetzt aufarbeiten“, sagt einer aus der Führungsriege. Eine Million Wähler habe die Union an die AfD verloren, „ein Weiter-so kann es nicht geben“. Sowieso nicht: Denn mit wem soll Merkel regieren? Was bleibt, ist nur eine Jamaika-Koalition mit der in den Bundestag zurückgekehrten FDP und den erstarkten Grünen. Und die stehen in der Flüchtlings- und Klimapolitik auf maximalem Konfrontationskurs zur CSU. Die Kanzlerin in der Klemme.

SPD: Der Absturz

„Heute ist ein schwerer und ein bitterer Tag für die deutsche Sozialdemokratie“, räumt Martin Schulz die Niederlage ein. Das Entsetzen steht ihm ins Gesicht geschrieben. Kurz nach 18.30 Uhr, im Willy-Brandt-Haus herrschen Schockstimmung und Frust – eigentlich. Doch durchs Atrium schallt es „Martin, Martin“. Der gescheiterte Hoffnungsträger bedankt sich freundlich. Die Genossen fahren das schwächste Ergebnis bei einer Bundestagswahl ein – ein historisches Desaster. Die SPD blickt in den Abgrund. Doch, und daran lässt Schulz keinen Zweifel, will er die Erneuerung seiner Partei nach dieser Schlappe organisieren – als Vorsitzender. „Es ist völlig klar, dass der Wählerauftrag an uns der der Opposition ist“, erklärt er und schließt Schwarz-Rot damit definitiv aus. „Mit dem heutigen Abend endet die Zusammenarbeit von CDU und CSU.“ Die Genossen reagieren mit begeistertem Jubel. So, als falle eine zentnerschwere Last von ihren Schultern. Es gebe da keine Hintertüren, versichern Spitzengenossen. Nach zwei Großen Koalitionen ist die Sehnsucht nach Opposition wie mit Händen zu greifen.

Doch stellt sich die Frage, ob das Nein zur GroKo tatsächlich das letzte Wort ist, sollten Verhandlungen über eine Jamaika-Koalition scheitern. Neuwahlen fürchten die Genossen schließlich wie der Teufel das Weihwasser.

AfD: Der Aufstieg

„AfD, AfD, AfD“, rufen sie immer wieder. „Gauland, Gauland“, tönt es durch den Saal. Und schließlich stimmen sie die Nationalhymne an. Hochstimmung bei der Wahlparty – drittstärkste Kraft. Während sich die Anhänger in den Armen liegen, gibt Spitzenkandidat Alexander Gauland den Ton vor. „Wir haben es geschafft. Wir sind im Deutschen Bundestag. Und wir werden dieses Land verändern“, ruft der 77-Jährige seinen Parteifreunden unter frenetischem Jubel zu. Die neue Bundesregierung könne sich warm anziehen. „Wir werden sie jagen“, heizt er bei der AfD-Wahlparty ein. „Wir werden die Regierung vor uns hertreiben. Wir werden uns unser Land und unser Volk zurückholen.“

Die Rechtspopulisten feiern ihren Erfolg mit Hunderten von Gästen zwischen Diskokugeln, Partytheke und Tanzfläche im „Traffic Club” in einem Hochhaus am Alexanderplatz. Das Medieninteresse ist groß, auch international. Von BBC bis CNN – die Rede ist von einem „Sensationssignal“ der Merkel-Gegner.

Draußen gibt es heftige Proteste. Die AfD-Party findet unter massivem Polizeischutz statt. Am Abend eskaliert die Lage, es fliegen erste Flaschen, die Sicherheitskräfte riegeln alles ab. „AfD-Rassisten-Pack!“, skandieren Demonstranten.

FDP: Der Wiedereinzug

Christian Lindner und die FDP haben ein grandioses Comeback hingelegt und ziehen nach vier Jahren Abstinenz wieder in den Bundestag ein. Und mehr noch: Wenn es nicht wieder eine Große Koalition geben soll, haben die Liberalen bei einer Regierungsbildung ein gewichtiges Wörtchen mitzureden.  Jubel für Lindner in der Parteizentrale der FDP in Berlin.

Kann die FDP den Preis für Jamaika hochtreiben? Es wäre zumindest ein gefährliches Spiel. Über allem schwebt das Gespenst von Neuwahlen. Eine wichtige Personalentscheidung ist bereits gefallen: FDP-Chef Lindner wird Fraktionschef. „Der Erneuerungsprozess der FDP ist nicht abgeschlossen. (...) Ab morgen wird gearbeitet“, kündigt er an.

Grüne: Der Jubel

Katrin Göring-Eckardt stehen Tränen der Erleichterung in den Augen, als sie über den grünen Laufsteg zum Mikrofon geht. Cem Özdemir neben ihr ist die Anspannung noch ins Gesicht geschrieben. „Wer hätte das gedacht?“, ruft ihnen ein Grüner durch den Jubel zu. „Wer hätte das gedacht?“, wiederholt Göring-Eckardt ins Mikrofon. Eine Partei atmet auf. Zweistellig und dritte Kraft im Bundestag, das offizielle Wahlziel, ist nicht erreicht. Gestern Abend ist das fast egal, immerhin nicht letzter. Wenn die Grünen jetzt eine Jamaika-Koalition mit Union und FDP sondieren, dann sind sie kleinster Partner – aber kein einfacher, versichert Özdemir. „Wir sind kein gerupftes Hühnchen, über das sich die anderen hermachen können“, frohlockt Ex-Parteichef Reinhard Bütikofer. Die Grünen wollen nun drei Ministerien, sie wollen Zugeständnisse beim Kohleausstieg, bei Elektroautos – aber das wird nicht reichen. Man werde die Einladung zum Gespräch annehmen, sagt Özdemir.

Linke: Ernüchterung

Gejubelt wird wenig, als bei der Wahlparty im Festsaal Kreuzberg die Hochrechnungen mit den Linken-Zahlen eingespielt werden. Vereint sind die Partygäste im regelmäßigen Aufheulen und Buhrufen, wenn die Zahlen für die AfD kommen. Parteichefin Katja Kipping raunt: „Gemischte Gefühle – für uns ist es o.k., aber gesellschaftlich ...“. Spitzenkandidat Dietmar Bartsch beschreibt, wie die Linke ihre Stellung im Sechs-Fraktionen-Bundestag behaupten will: Sie will weiter etwas Besonderes sein, wenig mit den etablierten Parteien wie Union oder SPD gemein haben. „Da müssen wir deutlich machen: Wir haben mit dieser Politik nichts zu tun.“ Doch ist jetzt nicht die AfD die eigentliche Alternative?

Spitzenkandidatin Sahra Wagenknecht sieht jetzt als Hauptaufgabe, „dass dieser enorme Rechtsruck, dass der nicht in vier Jahren nochmal weitergeht. Das wäre wirklich die Hölle.“ Doch wie soll es nun bei der Linken weitergehen? „Wir werden der soziale Oppositionsführer bleiben“, ruft Wagenknecht.

Hintergrund: Wie geht es weiter?
Nach der Bundestagswahl geht es an die Bildung der neuen Regierung. Spätestens 30 Tage nach der Abstimmung muss der Bundestag erstmals zusammenkommen, das wäre der 24. Oktober. Bis dahin amtiert die bisherige Koalition. Der Alterspräsident eröffnet die konstituierende Parlamentssitzung mit einer Rede. Dann wird unter anderem über den Bundestagspräsidenten abgestimmt. Den Bundeskanzler wählen die Abgeordneten in einer späteren Sitzung, in der in der Regel auch die gesamte Regierung vereidigt wird. 2013 trat Angela Merkel (CDU) erst in der vierten Bundestagssitzung am 17. Dezember ihre erneute Kanzlerschaft an – also fast drei Monate nach der Wahl.
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