Manuela Schwesig : Turbo-Karriere geht in Berlin weiter

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MV-Sozialministerin Manuela Schwesig wird die nächste Bundesfamilienministerin / Nach der Personalentscheidung in Berlin sprachen wir mit der aus Brandenburg SPD-Politikerin

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16. Dezember 2013, 00:34 Uhr

Am Dienstagnachmittag war sie eine Mutter wie viele andere: Mit ihrem Sohn Julian an der Hand bummelte Manuela Schwesig über den Schweriner Weihnachtsmarkt – das Handy ausgeschaltet, die Aufmerksamkeit ganz dem Sechsjährigen zugewandt.

Selten sind solche Momente in der letzten Zeit geworden für die Frau, die auf ihrer Internet-Seite über sich selbst schreibt: „Das Thema, für das ich stehe, ist die Familie…“ Als Verhandlungsführerin für dieses Thema hatte die SPD ihre stellvertretende Bundesvorsitzende in die Koalitionsverhandlungen mit der Union geschickt. Bereits zuvor, bei den Sondierungen, hatte sie für ihre Partei ausgelotet, was künftig möglich ist für Familien. So gut wie jedem war da schon klar, was seit Freitag inoffiziell bekannt ist und gestern von SPD-Chef Sigmar Gabriel offiziell verkündet wurde: Manuela Schwesig, 39, verheiratet, Mutter eines Sohnes und bislang Ministerin für Arbeit, Gleichstellung und Soziales des Landes Mecklenburg-Vorpommern, wird die neue Bundesfamilienministerin.

Damit beginnt ein neues Kapitel einer Turbo-Karriere: Erst vor knapp elf Jahren, mit 28, trat Manuela Schwesig in die SPD ein. Noch im selben Jahr wurde die Diplom-Finanzwirtin, die aus Seelow bei Frankfurt (Oder) stammt und zu dieser Zeit im Schweriner Finanzministerium arbeitete, Mitglied im SPD-Kreisvorstand Schwerin. Rasch machte sie Karriere in der SPD-Fraktion der Schweriner Stadtvertretung, 2005 wurde sie in den Landesvorstand ihrer Partei gewählt, 2008, mit 34, als Landesministerin vereidigt. Seit 2009 ist die Frau aus dem Osten eine der Stellvertreterinnen des SPD-Bundesvorsitzenden, seit März dieses Jahres zudem stellvertretende SPD-Landesvorsitzende in Mecklenburg-Vorpommern.

Spekulationen über einen möglichen Wechsel nach Berlin hatte Manuela Schwesig selbst bis zuletzt zurückgewiesen: erst der Mitgliederentscheid, dann die Personalentscheidungen. Als die Koalitionsverhandlungen begonnen hätten, sei der Fahrplan für ein mögliches schwarz-rotes Kabinett wirklich noch nicht abgesteckt gewesen, betonte die designierte Bundesfamilienministerin gestern in einem Telefonat mit unserer Redaktion. „Die Personalien wurden erst in den letzten Tagen besprochen.“

Doch in Stellung gebracht hatte sich Schwesig längst. Schon vor der letzten Bundestagswahl gehörte sie dem Kompetenzteam des damaligen SPD-Spitzenkandidaten Frank-Walter Steinmeier an. Und auch im Team von Peer Steinbrück wollte und konnte niemand auf die Powerfrau aus dem Nordosten verzichten.

Nach Angela Merkel, Claudia Nolte und Christine Bergmann soll nun also zum vierten Mal die Chefin des Familienressorts aus dem Osten kommen. Zu Plänen für das Amt möchte sich Manuela Schwesig vor der Vereidigung am Dienstag noch nicht äußern. Grundsätzlich stehe sie „für eine moderne Familienpolitik, die die Vereinbarkeit von Familie und Beruf zum Ziel hat – dazu gehören gute Ganztagsschulen und -kitas, aber auch mehr Zeit für die Familie“. Die Position als Bundesfamilienministerin eröffne ihr die Möglichkeit, in Berlin jetzt vieles mit auf den Weg zu bringen, wofür sie sich in den letzten fünf Jahren schon als Ministerin in Mecklenburg-Vorpommern eingesetzt hat: Mindestlohn, gute Kinderbetreuung, mehr Qualität in der Pflege und mehr Geld für Pflegende, Kampf gegen Kinderarmut, gegen Gewalt und für Chancengleichheit.

Dass zum politischen Erbe ihrer Vorgängerin im Amt, Kristina Schröder (CDU), auch das Betreuungsgeld gehört, nimmt Manuela Schwesig vorerst gelassen – auch wenn sie bislang seine größte Kritikerin war. „Das Betreuungsgeld haben CDU und FDP eingeführt, ich habe es nicht zu verantworten – und ich sehe es weiter nicht positiv.“ Das Bundesverfassungsgericht müsse nun die Rechtmäßigkeit dieser Familienleistung prüfen, dann sehe man weiter.

Wer Manuela Schwesig kennt, weiß, dass das nicht das letzte Wort in der Sache gewesen sein wird. Denn wenn sie etwas ist, dann hartnäckig. Und zielstrebig. Und bienenfleißig.

Nicht jeder kommt damit zurecht. Ebensowenig wie mit ihrer medialen Omnipräsenz. Ob Maybrit Illner, Anne Will, Günter Jauch, Frank Plasberg oder Sandra Maischberger: Sie alle laden die gutaussehende Politikerin mittlerweile nur zu gern als Pendant zu den ewig gleichen Anzugträgern ein. Das Publikum reagiert zum Teil genervt – und analysiert jede Bewegung, jeden Satz. Das Ergebnis: Bei öffentlichen Auftritten wirke Manuela Schwesig oft hölzern, so, als trage sie nur auswendig Gelerntes vor, sagen ihre Kritiker.

Dass sie es auch anders kann, bewies die Ministerin vor knapp zwei Wochen bei Markus Lanz. In dessen Talkshow ließ sie Olli Pocher und Paul Panzer mit ihrer Schlagfertigkeit alt aussehen – und erntete auf ihrer Facebook-Seite eine Flut von Komplimenten.

Balsam auf die Seele der Politikerin, die auch von der politischen Opposition nicht gerade mit Samthandschuhen angefasst wird. In puncto Arbeitsmarktpolitik ein Ausfall, in Gleichstellungsfragen blass und durch den Spagat zwischen Berlin und Schwerin so überfordert, dass in ihrem Ministerium vieles lieben bleibe – so lautete die vernichtende Kritik. Begleitet wird sie von wenig schmeichelhaften Beinamen wie Küsten-Barbie, Frau Emsig, das schönste Gesicht der SPD…

Manuela Schwesig lächelt darüber hinweg: Bei Männern sei es ganz egal, wenn sie ständig im gleichen Anzug rumlaufen würden, Frauen dagegen würden immer noch nach ihrem Äußeren bewertet, auch in der Politik. Und dann scherzt sie: „Mit der Zeit wird sich das Thema Aussehen auch bei mir erledigen. Dafür wird schon allein der Schlafmangel in der Politik sorgen“, und lacht.

Der wird in der Tat in der nächsten Zeit wohl noch zunehmen: „Ich bleibe Mecklenburg-Vorpommern treu“, betonte Manuela Schwesig gestern. „Ich werde weiterhin stellvertretende SPD-Landesvorsitzende sein. Und auch mein Bürgerbüro in Schwerin wird es weiter geben.“ Allerding werde sie ihr Landtagsmandat „im nächsten Jahr nach einem geordneten Übergang abgeben“.

Sie werde weiter mit ihrem Mann und ihrem Sohn in Schwerin leben, betont Manuela Schwesig – „das wird ein Spagat, aber den haben viele andere Pendler in Mecklenburg-Vorpommern auch.“ Und genau genommen bewältige sie diesen Spagat ja auch schon seit vier Jahren, seit sie stellvertretende Parteivorsitzende ist. An jedem Wochenende würden ihr Mann und sie die kommende Woche planen: Wer kann wann für den gemeinsamen Sohn da sein? Wann muss die Schwiegermutter einspringen? „Egal wo ich bin und wie lange der Termin dauert, ich versuche anschließend immer, nach Hause zu kommen, um meinen Sohn morgens wecken und mit ihm frühstücken zu können.“ So oft wie möglich hätte sie ihn bisher auch zur Schule gebracht. „Für die Familie sage ich auch konsequent Termine ab“, beteuert Manuela Schwesig. Auch an den Wochenenden versuche sie alles, um wenigstens einen Tag für ihre Männer freizuhalten. Dann wird ausgiebig gefrühstückt, Rad gefahren, zusammen gekocht – und die Krönung des freien Tages sei der Mittagsschlaf – „es heißt zwar, dass man nicht vorschlafen kann, aber ich sammle dann Kraft für die nächste Woche“. Ob das auch im neuen Amt möglich sein wird? „Ja, darauf werde ich achten.“


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