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Während Urlaub in Spanien : Türkei lässt Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli festnehmen

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Was dem deutschen Staatsbürger vorgeworfen wird, ist unklar. Sicherheitskreise werten das Vorgehen als Affront gegen Deutschland.

svz.de von
erstellt am 19.Aug.2017 | 18:03 Uhr

Köln/Berlin | Der türkischstämmige Kölner Schriftsteller Dogan Akhanli ist auf Betreiben der Türkei in Spanien festgenommen worden. Aus dem Auswärtigen Amt hieß es am Samstag zunächst nur, man kenne den Fall und bemühe sich um konsularische Betreuung. Akhanli lebt seit seiner Flucht aus der Türkei 1991 in Deutschland und hat ausschließlich die deutsche Staatsbürgerschaft. Was ihm vorgeworfen wird, ist zunächst unklar. Sein Anwalt Ilias Uyar sagte, der Festnahmeantrag sei aus der Türkei gekommen. Dies bestätigte auch die spanische Polizei. Der Schriftsteller werde in Kürze den Justizbehörden überstellt, sagte ein Sprecher spanischen Medien.

Das Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei ist derzeit schwer belastet. Erst am Freitag hatte der türkische Staatschef Recep Tayyip Erdogan die wahlberechtigten Deutsch-Türken aufgerufen, bei der Bundestagswahl am 24. September nicht für SPD, CDU oder Grüne zu stimmen. Bundeskanzlerin Angela Merkel hat sich daraufhin eine Einmischung in den Bundestagswahlkampf scharf verbeten.

Anwalt Uyar sagte dem Kölner „Stadt-Anzeiger“, bei der spanischen Polizei habe ein Dringlichkeitsvermerk der internationalen Polizeibehörde Interpol vorgelegen. Akhanli wurde demnach am Samstagmorgen im Urlaub in Granada in seinem dortigen Domizil festgenommen. In seinen Werken befasst sich der 1957 geborene Schriftsteller auch mit der Verfolgung der Armenier in der Türkei.

Dogan Akhanli im Portrait

Der Schriftsteller hat früh Erfahrungen mit politischer Verfolgung gemacht. Als junger Mann ging er nach dem türkischen Militärputsch 1980 in den Untergrund. Er wurde als Mitglied der kommunistischen TDKP gesucht und 1984 verhaftet. Von 1985 bis 1987 war er in Istanbul in einem Militärgefängnis inhaftiert. In dieser Zeit sei er auch gefoltert worden, berichtete Akhanli später. Im Jahr 1991 setzte er sich nach Deutschland ab, wo er als politischer Flüchtling anerkannt wurde und später die deutsche Staatsbürgerschaft annahm.

„Ich schreibe auf Türkisch, aber ich lebe in Deutschland. Das ist eine schwierige Situation, denn ich bin nicht Teil der deutschen Literatur, ich bin Teil der türkischen Literatur“, sagte der in Köln lebende Schriftsteller einmal in einem Interview. Weil er im deutschsprachigen Raum in einer anderen Sprache schreibe, verstehe er sich als Schriftsteller im Exil.

Akhanli ist Mitarbeiter des Vereins „recherche international“, der sich mit der Aufarbeitung der im vergangenen Jahrhundert begangenen Völkermorde befasst und auch die Verbrechen an den Armeniern immer wieder zum Thema gemacht hat. Der 1957 in der Türkei geborene Autor hatte sich im Buch „Die Richter des jüngsten Gerichts“ selbst mit der Verfolgung der Armenier befasst.

Sein Roman „Der letzte Traum der Madonna“ (2005) wurde von türkischen Kritikern zu einem der zehn besten des Jahres gekürt. In Deutschland wurden seine Projekte für einen offenen Umgang mit historischer Gewalt und für Versöhnung mehrfach ausgezeichnet, etwa vom Bündnis für Demokratie und Toleranz.

Akhanli versteht sich selbst als politischer Schriftsteller, aber: „Die Literatur ist mir näher als die Politik.“ Vor allen Dingen wolle er gute Geschichten erzählen. Wenn man aber über Genozid, Vergessen und die heutigen Probleme der Türkei schreibe, da könne man nicht sagen, dass man das nur aus Lust an Literatur mache.

 

Dem „Spiegel“ zufolge werteten Sicherheitskreise die Festnahme als erneuten Affront der Türkei gegen Deutschland. Der Grünen-Abgeordnete Volker Beck teilte mit, das türkische Vorgehen sei „eindeutig rechtsmissbräuchlich“. Er forderte Bundesaußenminister Sigmar Gabriel auf, sich unverzüglich für Akhanlis Freilassung einzusetzen. Gabriel war am Vortag als Reaktion auf den Terroranschlag in Barcelona nach Spanien gereist. „Wie weit wollen wir Erdogan in Europa noch kommen lassen?“, fragte Linke-Chefin Katja Kipping auf Twitter.

Grünen-Chef Cem Özdemir forderte eine Neubewertung der polizeilichen Zusammenarbeit zwischen Türkei und EU.

SPD-Kanzlerkandidat Martin Schulz bezeichnete die Festnahme als „ungeheuerlichen Vorgang“. „Das Verhalten von Präsident Erdogan trägt inzwischen paranoide Züge“, sagte der SPD-Chef der „Bild am Sonntag“. „Es muss mit aller Vehemenz darauf gedrungen werden, dass Herr Akhanli nicht in die Türkei ausgeliefert wird und stattdessen schnellstmöglich freigelassen wird.“ Es sei schon ein Skandal, wenn Erdogan in der Türkei unschuldige Menschenrechtsaktivisten und Journalisten verhaften lasse, sagte Schulz. „Wenn er dies nun auch außerhalb des Territoriums der Türkei versucht, müssen wir uns als Europäer dem entschlossen entgegenstellen und sagen: So nicht!“

Die Schriftstellervereinigung PEN teilte mit, das Verfahren gegen Akhanli sei „eindeutig politisch motiviert“. Vizepräsident Sascha Feuchert forderte die spanischen Behörden auf, den Autoren keinesfalls an die Türkei auszuliefern.

Akhanli war im Oktober 2011 in Abwesenheit von einem Gericht in der Türkei vom Vorwurf des Raubes und Totschlags freigesprochen worden, der Freispruch wurde aber wieder aufgehoben. Ihm wurde vorgeworfen, 1989 an einem Raubmord auf eine Wechselstube in Istanbul beteiligt gewesen zu sein. Er lebt seit seiner Flucht aus der Türkei im Jahr 1991 in Deutschland und ist deutscher Staatsbürger.

2010 war er auf einem Flughafen in Istanbul festgenommen worden, als er in die Türkei einreisen wollte, um seinen todkranken Vater zu besuchen. Er wurde verhaftet und blieb in Untersuchungshaft, bis der Richter am ersten Verhandlungstag entschied, dass Akhanli das Gefängnis verlassen dürfe. Wenige Tage später kehrte er nach Deutschland zurück.

Akhanli Anwalt zufolge lag bei Interpol eine sogenannte Red Notice gegen den Schriftsteller vor. Damit kann ein Land dazu auffordern, eine gesuchte Person ausfindig zu machen und vorläufig festzunehmen. Es handelt sich nicht um einen Suchauftrag im Namen von Interpol selbst und nicht um einen internationalen Haftbefehl. Laut Interpol entscheiden die Länder selbst, wie sie mit einer Red Notice umgehen.

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