Jerusalem : „Trump makes Israel great“

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Ausgelassene Feiern zum Jerusalemtag am Sonntag  Foto: Max-Stefan Koslik
Ausgelassene Feiern zum Jerusalemtag am Sonntag Foto: Max-Stefan Koslik

Eine Begegnung mit dem heutigen Israel 70 Jahre nach der der Gründung des jüdischen Staates

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14. Mai 2018, 20:45 Uhr

Wenn in diesen Tagen im jüdischen Viertel in Jerusalem eine Autotür geöffnet wird, dringt nicht etwa Musik von Netta, der Eurovisions-Song-Contest-Gewinnerin aus Israel, durch das stets überlaut aufdrehte Autoradio nach draußen, sondern „Halleluja“ – in welcher musikalischen Variante auch immer. Die jüdische Bevölkerung in Jerusalem feiert Donald Trump.

Der Präsident der USA ist auf Tausenden Plakaten in der Stadt zu sehen. Auf ihnen steht „Trump is a Friend of Zion“ oder „Trump makes Israel great“. Auch die gewalttätigen Ausschreitungen gestern im Gazastreifen, drei Autostunden von Jerusalem entfernt, werden nichts an der einsamen Entscheidung des US-Präsidenten ändern. Selbst wenn es die gewalttätigsten seit Jahren sind und sie viele Tote und Verletzte forderten.

Die Botschaft der USA wurde gestern offiziell von Tel Aviv nach Jerusalem verlegt, zunächst in ihr dortiges Konsulat. Die Gershon-Agon-Road in Jerusalem wurde dafür nicht einmal abgesperrt. Die US-Fahne weht weithin sichtbar. Wer sollte auch hier, im jüdischen Teil der Stadt, demonstrieren? Blutige Proteste gibt es an den Hunderten Checkpoints im Westjordanland und im Gazastreifen.

Mögen die Nachrichten aus der Heiligen Stadt in diesen Tagen auch noch erschreckend werden. Die Proteste vergehen. Die Botschaft bleibt – und damit für die Juden in Israel die internationale Anerkennung Jerusalems als Hauptstadt Israels, zunächst durch die USA.

Jerusalem ist eine in Zeit und Raum und Glauben geteilte Stadt. Die Geschichte wird hier nicht in Jahrhunderten, sondern in Jahrtausenden gerechnet. Für drei Religionen ist die Stadt auf dem Berg „Zion“ heilig. Für die Juden. Die Christen. Die Muslime. Diese biblische und altorientalische Welt überfordert diese Zeilen. Man kann sie an anderen Stellen studieren. In der heutigen Welt ist Jerusalem vor allem eine zweigeteilte Stadt mit realen Mauern, Passierscheinen, Aufenthaltserlaubnissen und Einreiseverboten.

„Donald Trump bricht Völkerrecht“, sagt Suleiman Abu-Dayyeh, Leiter der Palästinaabteilung der Friedrich-Naumann-Stiftung in Jerusalem. „Israel bricht Völkerrecht. Und die Welt schaut zu.“ Suleiman wurde in Jala bei Betlehem geboren. Er ist Palästinenser mit Aufenthaltsstatus in Jerusalem, den er jährlich verlängern muss.

Es gibt Genehmigungen für ein dauerhaftes Aufenthaltsrecht. Es gibt zeitlich begrenzte Genehmigungen. Es gibt keine Genehmigungen für Palästinenser, sich in Jerusalem oder irgendwo in Israel aufzuhalten. Es gibt Checkpoints, Mauern, Grenzzäune, Schüsse... Überall in Ost-Jerusalem und im Westjordanland, das nach den Osloer Verträgen von 1993 und 1995, die Yassir Arafat mit Yitzhak Rabin und Bill Clinton ausgehandelt hat, schrittweise in die Selbstverwaltung der Palästinenser übergehen sollte. Inzwischen gibt es 500 000 israelische Siedler im Westjordanland. Rabin fiel 1995 einem Attentat zum Opfer. Ein religiös-fanatischer israelischer Jura-Student erschoss ihn in Tel Aviv.

Doch für Rabin galt immer, was das israelische Parlament im Januar 1950 proklamierte: Die Hauptstadt Israels ist Jerusalem. Zwar änderte sich die Interpretation nach UN-Einspruch kurze Zeit später auf „West-Jerusalem“, doch auch Rabin wiederholte 1995 den Anspruch auf die gesamte Stadt. 2017 erkannte Russland Jerusalem als Hauptstadt an. Insofern kam Trump sogar ein wenig spät.

Der Dirigent der Berliner Staatsoper, Daniel Barenboim, australisch-israelischer Abstammung, forderte Anfang des Jahres nach der Trump-Entscheidung in einem Gastbeitrag für die „Zeit“: „Jerusalem ist für das Judentum ebenso eine Heilige Stadt wie für den Islam und das Christentum. Im Rahmen einer gleichberechtigten Zweistaatenlösung sähe ich keinerlei Problem damit, West-Jerusalem zur Hauptstadt Israels und Ost-Jerusalem zur Hauptstadt Palästinas zu machen.“

Genau das, was seit Jahren für die internationale Gemeinschaft als die beste Lösung galt, hat der US-Präsident nun wohl verhindert. Vorgestern, am Jerusalemtag, zogen Tausende Jugendliche der Siedlerbewegung durch die Altstadt rund um den Tempelberg und quer durch das muslimische Viertel. Überwacht – vielleicht auch beschützt – durch Regierungstruppen. Eine Siegesgeste, die sich gestern, als die US-Botschaft offiziell ihre Arbeit aufnahm, erneuerte. Suleiman Abu-Dayyeh fürchtet Vergeltung: „Die Hamas wird sagen, siehst du, auf die USA und auf Trump kann man sich nicht verlassen. Das haben wir immer gesagt.“ Der ewige Konflikt. Wie er ausgehen wird, kann heute niemand sagen. Was aber schon feststeht: Die Palästinenser werden wohl die Verlierer sein. Eine junge Frau in Ramallah nahe Jerusalem, die wir an diesem Tag besucht haben und die nicht nach Jerusalem einreisen darf, sagt: „Das Problem ist nicht die Religion. Das Problem ist der Staat.“ Obwohl Jerusalem und damit Ramallah nicht einmal 100 Kilometer vom Mittelmeer entfernt liegen, können sie und ihre Familie nicht dorthin fahren. Ihre Familie kann nur in die jordanische Wüste fahren, und dabei ist Israel doch ihr Land. Auch deshalb ist sie gegen eine Zwei-Staaten-Lösung: „Ich will, dass meine Tochter später nicht das Land verlassen muss, um schwimmen zu gehen.“

Ab Sonnabend beginnt diese Zeitung eine Serie zu Israel.

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