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Selbstmordanschlag in Ansbach : Terror in der Kleinstadt

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Abermals erschüttert eine Gewalttat Bayern. Mitten in der idyllischen Barockstadt Ansbach sprengt sich ein Selbstmordattentäter in die Luft

Warum in Ansbach? Ein islamistisch motivierter Anschlag ausgerechnet in der fränkischen Kleinstadt-Idylle. Diesen Sonntagabend wird Thomas Meister, zweiter Pfarrer der St. Gumbertus-Gemeinde, wohl nie vergessen: Er feiert mit Freunden im Pfarrgarten, als er kurz nach 22 Uhr plötzlich hinter der hohen Gartenmauer einen lauten Knall hört. Er läuft los. Draußen, auf dem kleinen Platz am Hauptzugang zu dem Gelände des Musikfestivals „Open Ansbach“, stößt der Geistliche auf viele blutverschmierte Menschen.

Anfangs spricht die Polizei noch von einer „Gasexplosion“ und lässt damit viele zunächst an ein Unglück glauben. Doch noch in der Nacht wird klar, dass die kleine Stadt in Mittelfranken Ziel eines Bombenanschlags geworden ist. Fünfzehn Menschen werden verletzt, vier davon schwer.

 

Der Attentäter, ein 27-jähriger Flüchtling aus Syrien, wird getötet. Nicht auszudenken, was passiert wäre, wenn der Mann auf das Festivalgelände mit etwa 2000 Besuchern gelangt wäre. Doch er hatte keine Eintrittskarte – und wurde am Eingang abgewiesen.

Die Ermittler gehen davon aus, dass er mit der Metallsplitter-Bombe im Rucksack so viel wie mögliche Festivalbesucher auf der „Reitbahn“ mit in den Tod reißen wollte. Es wäre ein weitaus größeres Blutbad geworden. Am Tag danach erhärtet sich der Verdacht: Die Umstände der Tat deuten auf den ersten islamistischen Selbstmordanschlag in Deutschland hin.

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Immer mehr Details über den syrischen Asylbewerber, der sich selbst in die Luft sprengte, kommen im Laufe des gestrigen Tages ans Licht. Herrmann berichtet, auf einem Handy hätten Ermittler ein Video einer Anschlagsdrohung des Täters gefunden. Einen Racheakt kündigte er an, als Vergeltung gegen Deutsche, weil sie Muslime umbrächten. Und der Täter beziehe sich auf Abu Bakr al-Bagdadi – den Anführer der Terrormiliz IS.

 

Rückblick: Im Morgengrauen treffen an den weitläufigen Absperrungen rund um den Tatort ratlose und verunsicherte Passanten auf ebenso ratlose Polizisten. Zu den etwa 200 Beamten, die am Abend aus ganz Bayern zusammengezogen wurden, gehören auch Uniformierte einer Polizeihundertschaft aus München. „Wir waren erst am Freitag und Samstag beim Amoklauf im Olympia-Einkaufszentrum eingesetzt“, berichtet einer von ihnen. Erst in der Nacht zum Samstag hatte ein Amoklauf das öffentliche Leben in der bayerischen Landeshauptstadt München gelähmt, ein paar Tage zuvor ein junger Flüchtling mit einer Axt in einer Regionalbahn in Würzburg Schrecken unter der Bevölkerung verbreitet. Nun also auch Ansbach.

Wie konnte es soweit kommen? Fragen und Antworten zum Selbstmordanschlag in Ansbach

Was brachte den Syrer zu seiner Bluttat?

Der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU) geht von einem islamistischen Hintergrund aus. Auf dem Handy des Täters sei ein Video mit einer Anschlagsdrohung entdeckt worden, sagte er gestern. Der Syrer habe darauf einen Racheakt gegen Deutsche angekündigt, weil sie Muslime umbrächten. Laut einer ersten Übersetzung des arabischen Textes berufe sich der Täter auf den Anführer der Terrormiliz „Islamischer Staat“, Abu Bakr al-Baghdadi. Ein Bezug zum IS-Terrorismus könne als Motiv nicht ausgeschlossen werden, ebenso wenig aber die psychischen Probleme des Täters, sagte Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU).

Was  ist über den Täter bekannt?

Er war vor zwei Jahren aus Syrien  nach Deutschland gekommen. Sein Asylantrag wurde vor anderthalb Jahren abgelehnt, weil er bereits in Bulgarien Flüchtlingsschutz zuerkannt bekommen hatte. Der Syrer reichte mehrere Atteste ein, die seine psychische Labilität bescheinigten und seine Abschiebung verhinderten. Er war wegen zweier Suizidversuche in einer Psychiatrie gewesen. Am 13. Juli ordneten die Behörden  abermals seine Ausreise an und drohten mit der Zwangsabschiebung nach Bulgarien. Das Ansbacher Sozialamt beschrieb den 27-Jährigen als „freundlich“ und „nett“, Anwohner als „unauffällig“.

Reichen die Abschieberegeln nicht aus?

Bayerns Innenminister Herrmann fordert eine Verschärfung: Wenn jemand gegen die Rechtsordnung in Deutschland verstoße, müsse schon auf niedrigere Schwelle als bisher deutlich werden, dass er das Land wieder zu verlassen hat. Und Bayerns Justizminister Winfried Bauback (CSU) erklärte, „im Bereich der Regeln des Aufenthaltsrechts und bei der strafrechtlichen Verfolgung besteht Ergänzungsbedarf“. Auch der nordrhein-westfälische Innenminister Ralf Jäger (SPD) fordert ein Nachbessern bei der Umsetzung von Abschiebungen: So könnten abgelehnte Asylbewerber nur mit staatlichen Fluglinien  abgeschoben werden. Wenn Abgeschobene randalieren, weigere sich der Pilot, sie mitzunehmen. „Wenn das so weitergeht, brauchen wir für diese Abschiebungen noch mindestens zwanzig Jahre.“

Wie viele der Flüchtlinge sind psychisch labil?

Offizielle Zahlen gibt es dazu nicht, Experten schätzen, 40 Prozent aller Flüchtlinge hätten eine Trauma-Störung. „Aber nicht jeder Flüchtling mit Trauma ist gefährlich“, mahnt Bernd Mesovic, stellvertretender Geschäftsführer von Pro Asyl, im Gespräch mit unserer Redaktion.

Was tut die Politik, um das Problem anzugehen?

Eine behördlich organisierte Beobachtung oder gar Kontrolle der psychischen Befindlichkeit von Asylbewerbern gibt es nicht. Zwar haben Flüchtlinge in den ersten 15 Monaten Anrecht auf eine Psychotherapie. Das reicht aus Sicht von Unions-Innenpolitiker Mayer aber nicht. „Es muss eine Überwachung und Kontrolle geben, verbunden mit der Frage: Ist eine stationäre Unterbringung angezeigt?“

 
Kommentar von Tobias Schmidt: Genau hinschauen
Würzburg, München, Reutlingen, Ansbach: Mit der Attacke auf ein Musikfestival  im fränkischen Ansbach ist ein weiterer Damm gebrochen. Der 27-jährige Syrer wollte sich damit bei Deutschen rächen, weil sie Muslime töten. Der islamistische Terror ist  in der Bundesrepublik angekommen. Und doch muss differenziert werden: Hinweise, in Deutschland seien internationale Terrorzellen aktiv, gibt es – noch – nicht. Und trotz des Bekennervideos auf dem Handy des Ansbach-Täters verweist Bundesinnenminister Thomas de Maizière (CDU) zu Recht auf die psychischen Probleme des Flüchtlings. Um kaltblütigen Massenterror organisierter Islamisten hat es sich nicht gehandelt. Das bringt den Opfern nichts, in den Ohren der Angehörigen mag die Unterscheidung gar zynisch klingen. Aber das genaue Hinschauen kann helfen, nicht in Panik zu verfallen: Deutschland ist eines der sichersten Länder der Welt.  Daran ändern München und Ansbach nichts.

 

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