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Islamwissenschaftlerin : „Terror braucht Aufmerksamkeit“

vom
Aus der Onlineredaktion

Die Islamwissenschaftlerin Katharina Pfannkuch spricht über die Propaganda-Strategie des IS

Mit dem Lkw-Anschlag auf den Berliner Weihnachtsmarkt am 16. Dezember ist der Terrorismus endgültig in Deutschland angekommen. Fernsehen, Radio und das Internet berichteten im Minutentakt. Nützt die ausführliche Berichterstattung der Medien den Terroristen? Mit der Islamwissenschaftlerin Katharina Pfannkuch sprach Armin Kung über das Dilemma der Medien und die Medienstrategie des „Islamischen Staates“.

Nach dem Anschlag in Berlin beanspruchte der sogenannte IS die Tat schnell für sich. Militärisch gesehen gewinnt die Terrormiliz nichts von solchen Anschlägen. Welches Kalkül steckt dahinter?

Pfannkuch: Ziel ist eine größtmögliche Aufmerksamkeit, besonders in den Medien und im Internet. Die Terroranschläge sind Propaganda für die eigenen Anhänger und Werbung für potentielle Rekruten. Die daraus entstehende Angst soll eine gefühlte Allgegenwärtigkeit erzeugen, die nicht der Realität entspricht. Und sie spaltet sowohl die muslimische Welt als auch die restliche Gesellschaft. Jeder hat plötzlich das Gefühl sich positionieren zu müssen. Die Vorurteile gegenüber Muslimen, die nach solchen Anschlägen aufkommen, können wiederum auch junge Menschen in die Arme des IS treiben, weil sie sich dort Anerkennung erhoffen.

Kann man von einer islamistischen Medienstrategie sprechen?

Wir kennen keine Aussagen des sogenannten IS über seine Medienstrategie. Aber die Professionalität, mit der Propaganda betrieben wird, spricht für ein gezieltes Vorgehen. Es existieren IS-Medienstützpunkte, die hochqualitative Videos erstellen. Die Aufmachung dieser Formate ist zum Teil jener von arabischen Fernsehsendern nachempfunden, um seriöser zu wirken. Der IS veröffentlichte sogar eine eigene Zeitschrift, im Stile von Hochglanzmagazinen, welche jeder Internetnutzer herunterladen kann. Angeblich waren in den vom IS besetzten Gebieten auch Printversionen dieser Zeitschrift erhältlich. Die Idee mit der Zeitschrift hat sich die Terrormiliz übrigens von Al-Qaida abgeschaut.

Kopiert der Islamische Staat seine Medien-Strategie von Al-Qaida?

Nur zum Teil. Der Unterschied ist, dass alle Terrorgruppen im Vergleich zum sogenannten Islamischen Staat eher verschlossen waren. Sie kommunizierten über geheime Foren im Internet und veröffentlichten nach ihren Anschlägen schlecht gemachte Bekennervideos. Berühmt waren die verwackelten Bilder Osama bin Ladens aus einer Höhle in Afghanistan. Der IS ging noch einen Schritt weiter. Die Miliz produziert selbst hochwertiges Medienmaterial und versucht es zu verbreiten. Sie setzt damit deutlich stärker auf mediale Propaganda, als alle islamistischen Terrorgruppen in der Vergangenheit. Außerdem wollen sie vermutlich so mächtig und seriös erscheinen wie ein echter Staat.

Wie sehen die Methoden konkret aus?

Die Professionalität erkennt man allein daran, dass sich die Gruppierung exakt auf ihr Zielpublikum einstellt. Wenn der IS junge Männer erreichen will, setzt er in der Propaganda auf eine Ästhetik, die aus Action-Filmen und Computerspielen bekannt ist. Die weibliche Zielgruppe soll bewusst mit Bildern von Kalaschnikows vor rosafarbenem Hintergrund und umher flatternden Schmetterlingen angesprochen werden. Der sogenannte Islamische Staat betreibt Zielgruppen-gerechtes Marketing.

Wenn Aufmerksamkeit dem Terror nützt, was können dann Medien anders machen?

Die Terroristen nutzen unsere freie Presselandschaft für sich aus. Jeder Artikel und jeder Beitrag bedeutet Aufmerksamkeit für ihre Sache. Es ist ein Dilemma der Pressefreiheit. Aber die Medien können gewisse Dinge beachten. Sie sollten sich des Propaganda-Spiels des IS bewusst sein. Ein zu starker Fokus auf die Attentäter stilisiert diese zu Berühmtheiten. Im besten Fall beschränkt sich die Berichterstattung über die Täter auf die bekannten Fakten und vermeidet eine Ikonisierung. Auf keinen Fall sollte IS-Material, wie von Enthauptungen und Hinrichtungen, gezeigt werden. Auch sollte man nicht Religion und Ideologie vermischen, wie es etwa der Fall ist, wenn ein Foto einer Frau mit Kopftuch neben einer Schlagzeile über islamistischen Terrorismus zu sehen ist. Trotzdem bleibt der Terrorismus ein Problem für die Berichterstattung, für das kein Patentrezept existiert.

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