Frauenquote : „Teilzeit ist oft eine Sackgasse“

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Bundesfamilienministerin Manuela Schwesig (SPD) zu Frauenquote, Kindergeldstreit, Lohnungleichheit und Frauentag

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06. März 2015, 12:42 Uhr

Familienministerin vs. Finanzminister: Manuela Schwesig kritisiert Wolfgang Schäuble (CDU), der das Kindergeld offenbar um nicht mehr als sechs Euro monatlich erhöhen will. Rasmus Buchsteiner sprach mit der SPD-Politikerin über diesen Streit, die Frauenquote, das Gesetz gegen Lohnungleichheit bei Männern und Frauen und den Internationaler Frauentag.

Worauf können sich die Familien beim Kindergeld einstellen?
Schwesig: Die Familien haben mehr Unterstützung verdient. Deshalb ist es wichtig, dass wir jetzt die Familienleistungen erhöhen. Es geht nicht nur um eine Kindergelderhöhung, sondern wir brauchen einen Kinderzuschlag, der vor allem Familien mit kleinen und mittleren Einkommen hilft. Und wir müssen die Alleinerziehenden besser unterstützen.

Was wird jetzt aus Ihrer Ankündigung, Alleinerziehende und Geringverdiener spürbar zu entlasten?
Familien dürfen nicht das Sparschwein der Nation sein. Ich bin es gewöhnt, dass in den Sonntagsreden die Familien immer gelobt werden – und wenn es um ihre Entlastung geht, der Rotstift angesetzt wird. Die Familien können sich sicher sein, dass ich für sie kämpfen werde. Die Verhandlungen mit dem Bundesfinanzminister sind noch nicht abgeschlossen.

Heute soll der Bundestag grünes Licht für die gesetzliche Frauenquote geben: Sie wird knapp 200 Frauen zu lukrativen Aufsichtsratsmandaten verhelfen. Aber die Verkäuferin, die Polizistin oder die Krankenpflegerin haben nichts von der Quote, oder?
Nur wenn es an der Spitze Gleichberechtigung gibt, wird sich das auch innerhalb des Betriebs durchsetzen. Unser Gesetz wird vor allem für Unternehmen mit großen Belegschaften gelten. Mich ärgert, dass mancher Konzern es nicht für nötig hält, sich zu bewegen. Ein Unternehmen aus der Gesundheitsbranche mit 54 000 Beschäftigten in Deutschland, davon zwei Drittel weiblich, hat keine einzige Frau in Vorstand und Aufsichtsrat. Dort wird aber über die Arbeits- und Lohnbedingungen für Frauen entschieden.

Arbeitgeberpräsident Ingo Kramer hält die Quote für das falsche Signal und beklagt, dass die Politik ihre Hausaufgaben bei der Vereinbarkeit von Beruf und Familie nicht gemacht habe. Können Sie die Sorgen der Wirtschaft ohne weiteres in den Wind schlagen?

Das sind doch Ablenkungsmanöver! Wenn Herr Kramer richtig liegen würde, dürften Frauen, die sich gegen eigene Kinder entschieden haben, auf dem Weg in die obersten Führungsetagen keine Schwierigkeiten mehr haben. Aber das ist nicht der Fall. Die Mehrheit der Abiturienten, der Studierenden und Uni-Absolventen in Deutschland ist weiblich. Da muss man sich schon fragen, warum diese qualifizierten Frauen es nicht bis in die Aufsichtsräte schaffen. Drei Viertel der Frauen sind der Meinung, dass es in unserer Arbeitswelt ungerecht zugeht. Mein Job ist nicht, die Männer von den Wirtschaftsverbänden glücklich zu machen. Ich will für die Frauen, die all die Arbeit leisten, etwas bewegen.

Von der Wirtschaft verlangt die Politik die Einhaltung der Frauenquote. Dabei sind bisher nicht einmal im Öffentlichen Dienst besonders viele Frauen in den Top-Positionen. Sollte der Bund hier nicht mit gutem Beispiel vorangehen?
Was Frauen in Führungspositionen angeht, ist der Öffentliche Dienst besser als die Privatwirtschaft. Aber es gibt noch Luft nach oben! Mir ist wichtig, dass der Bund ein Vorbild ist. In meinem Ministerium sind bereits die Führungsetagen zur Hälfte mit Frauen besetzt.

Frauen erhalten in Deutschland im Schnitt rund 22 Prozent weniger Lohn als Männer. Werden Arbeitnehmerinnen bewusst benachteiligt und gezielt unterbezahlt?
Mit diesem Lohnunterschied dürfen wir uns nicht abfinden. Frauen werden auf unserem Arbeitsmarkt strukturell benachteiligt. Die Berufe, für die sie sich oft entscheiden, werden häufig schlechter bezahlt. Die letzten großen Lohnsteigerungen hat es in Branchen gegeben, in denen vor allem Männer arbeiten – zum Beispiel in der Metall- und Elektroindustrie.

Experten sehen fast ausschließlich die Berufswahl und die hohe Teilzeitquote von Frauen als Grund für die Lohnunterschiede. Kann man daran mit einem Gesetz überhaupt etwas ändern?
Ja, definitiv. Ich will mit meinem Gesetz eine Debatte anstoßen. Mir ist wichtig, dass die Frage breit diskutiert wird, woher die Lohnunterschiede kommen.

Warum arbeiten so viele Frauen in Teilzeit?

Für Frauen ist Teilzeit oft eine Sackgasse. Deshalb ist es gut, dass Andrea Nahles einen Rechtsanspruch auf Rückkehr in Vollzeit verankern wird. Aber selbst wenn man die Berufswahl von Frauen oder Teilzeitquote außer Acht lässt: Es bleiben immer noch sieben, acht Prozent Lohnunterschied, für die es keine nachvollziehbare Erklärung gibt. Das liegt auch daran, dass Frauen schlechter bezahlt werden als Männer mit der gleichen Tätigkeit.

Frauenquote, Lohnunterschiede – weshalb überlässt die Politik solche Themen nicht den Tarifpartnern?
Die Gewerkschaften unterstützen meine Vorschläge, auch die Frauenquote. Wir sollten uns darüber Gedanken machen, warum 60 Prozent der Deutschen der Meinung, dass wir keine echte Demokratie haben, weil sie meinen, dass die Wirtschaft alles bestimme und nicht die Politiker.

Am Sonntag ist Internationaler Frauentag. Abgesehen von der Quote und dem Gesetz gegen Lohnunterschiede – was wollen Sie in diesem Jahr noch für die Frauen bewegen?
In Deutschland hat für mich das Thema Gerechtigkeit für Frauen oberste Priorität. Darüber hinaus will ich ein neues Prostituiertenschutzgesetz auf den Weg bringen. Bisher war es in Deutschland leichter, ein Bordell zu eröffnen als eine Frittenbude. Das werden wir ändern! Mir ist wichtig, dass wir in der Frauenpolitik auch international wieder Verantwortung übernehmen. Ich werde Anfang nächster Woche in New York bei den Vereinten Nationen sprechen. Wir müssen energischer als bisher darauf aufmerksam machen, dass Frauenrechte in vielen Ländern der Welt mit Füßen getreten werden.

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