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Sexueller Missbrauch : Tatort Schule

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Zwei Fälle pro Klasse: Bundesregierung startet deutschlandweite Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“

svz.de von
erstellt am 13.Sep.2016 | 21:00 Uhr

Sexueller Missbrauch an Schulen? Wenn ein Mädchen im Sommer mit Rollkragenpullover in die Klasse komme, „dann macht sie das eventuell auch, um die Knutschflecke vom Täter zu verstecken“, sagt Catharina Beuster, Mitglied im Betroffenenrat beim Bundesmissbrauchsbeauftragten. Sie weiß, wovon sie spricht, denn sie wurde als Schülerin selbst von einem Lehrer missbraucht. Die Bundesregierung will nun mit der deutschlandweiten Initiative „Schule gegen sexuelle Gewalt“ dem Missbrauch innerhalb und außerhalb der Schule den Kampf ansagen.

„Wir müssen davon ausgehen, dass in jeder Schulklasse mindestens ein bis zwei Mädchen und Jungen sind, die von sexueller Gewalt betroffen sind“, sagte Johannes-Wilhelm Rörig, Missbrauchsbeauftragter der Bundesregierung, gestern bei der Vorstellung der Initiative in Berlin. In absoluten Zahlen bedeutet das: Jährlich werden Schätzungen zufolge rund 300 000 Kinder in Deutschland sexuell missbraucht.

Offiziell tauchen allerdings nur gut 12 000 Fälle in der Kriminalstatistik auf. Die Übergriffe würden zumeist in der Familie oder dem nahen Umfeld stattfinden, aber eben auch in Schulen und anderen Einrichtungen. Oft geschehe der Missbrauch durch andere Jugendliche und Kinder und immer häufiger über digitale Medien, so Rörig. Oft blieben die Schulen jedoch hilflos und untätig. „Viele Lehrerinnen und Lehrer haben Angst vor Falschbeschuldigungen oder wissen nicht, was sie im Verdachtsfall tun können.“ Obwohl Kinder einen Großteil ihrer Zeit in der Schule verbringen, bleiben Hinweise auf sexuelle Übergriffe vielfach unbeachtet. „Wenn ein Lehrer regelmäßig mit einer Schülerin die Pausen hinter einer verschlossenen Tür verbringt, dann braucht die Schülerin vielleicht einfach mal eine Lehrerin, die die Tür aufmacht“, veranschaulicht Catharina Beuster das erlebte Wegschauen. Wenn ein Schüler auffällig werde, weil er sich nicht mehr konzentrieren könne, könne das ebenfalls ein Anhaltspunkt sein.

„Schule ist ein Tatort“, konstatiert auch die Bundesvorsitzende der Gewerkschaft Erziehung und Wissenschaft (GEW), Marlis Tepe. Die GEW und der Verband Bildung und Erziehung (VBE) haben die Initiative mitentwickelt, die in Zusammenarbeit mit den Kultusministerien der 16 Bundesländer erarbeitet wurde. Am Montag startet das Projekt als erstes an den 6000 Schulen von Nordrhein-Westfalen. Die anderen Bundesländer sollen bis Ende 2018 mit im Boot sein. Mehr als 30 000 Schulen in Deutschland sollen dann ein Schutzkonzept gegen sexuelle Gewalt einführen. Der Bund stellt dafür jährlich rund 250 000 Euro zur Verfügung.

Zudem sollen Betroffene fachliche Hilfe bekommen, etwa von Schulpsychologen. Schulleiter und Lehrer erhalten eine Infomappe und können sich über das Fachportal im Netz informieren. Beantwortet werden Fragen, wie man Signale von Missbrauchsopfern erkennt und welche Schritte zu unternehmen sind, wenn ein Verdacht aufkommt. Am Ende soll ein passgenaues Konzept entwickelt werden.

Weitere Infos unter:
www.schule-gegen-sexuelle-gewalt.de

 

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