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Hintergrund: 25 Jahre Deutsche Einheit : Strickjacken-Diplomatie

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Wie Kohl und Gorbatschow letzte Hindernisse für deutsche Einheit beseitigten.

von
erstellt am 15.Jul.2015 | 08:00 Uhr

„Kaum war ich in meinem Zimmer, ließ Gorbatschow anfragen, ob wir einen Spaziergang machen wollten“, erinnert sich Helmut Kohl an seinen Besuch in Archys im Kaukasus vor 25 Jahren.

15. Juli 1990: Es sind die entscheidenden Gespräche über die Deutsche Einheit. Gorbatschow hat auf seine Datscha am Ufer des Flusses Selemtschuk geladen. „Ich zog meine schwarze Strickjacke an, und wenig später gingen wir am Selemtschuk entlang.“ Am Ufer reichen sich Gorbatschow und Kohl die Hände. Später machen der Bundeskanzler und der sowjetische Präsident mit ihren Außenministern und Mitarbeitern im Wald Rast an einer Sitzgruppe aus Baumstämmen. „Keiner von uns hatte Lust, in diesem Augenblick über ‚große Politik‘ zu reden, und so plauderten wir über Gott und die Welt“, schreibt Kohl in seinen „Erinnerungen“. Historische Stunden, die die Welt veränderten.

Die Bilder von der Strick-jacken-Diplomatie gehen um die Welt: Beim Besuch in Gorbatschows Heimatort gelingt es, letzte Hindernisse auf dem Weg zur Einheit zu beseitigen – nicht nur für die Deutschen ein Glücksfall der Geschichte. Moskau gibt grünes Licht für die Nato-Mitgliedschaft und eine uneingeschränkte Souveränität des wiedervereinigten Deutschlands. Gorbatschow, der Erfinder von Glasnost und Perestroika, von Kohl anfangs misstrauisch beäugt, wird zum Wegbereiter der Wiedervereinigung.

Die Gespräche werden geprägt vom guten persönlichen Verhältnis zwischen Kanzler und Kreml-Chef. Gelöst plaudern beide zunächst über Privates. Gorbatschow erzählt von seiner Familie, von seinem Großvater, der Stalin und Lenin verehrt habe. Er gratuliert aber auch zum Sieg der Bundesrepublik beim Finale der Fußball-WM in Italien. Zuvor hatte Präsidenten-Gattin Rais-sa beim Spaziergang einen Blumenstrauß für Helmut Kohl gepflückt. Doch der Kanzler bleibt zunächst zurückhaltend.

Gemeinsam waren Kohl und Gorbatschow in den Kaukasus geflogen – in der sowjetischen Präsidentenmaschine. Vor dem Start hatte der Kanzler noch einmal Druck gemacht und auf die volle Souveränität des vereinten Deutschlands und eine Nato-Mitgliedschaft gepocht. Wenn das nicht zu erreichen sei, wäre es besser, nicht in den Kaukasus, sondern wieder nach Hause zu fliegen, gibt Kohl seinem Gastgeber in Moskau zu verstehen. „Wir sollten fliegen“, entgegnet Gorbatschow.

Als die Einigung am 16. Juli 1990 unter Dach und Fach ist, machen sich Gorbatschow und Kohl gemeinsam auf den Weg ins 150 Kilometer entfernte Schelesnowodsk. In einem alten Sanatorium treten sie vor die Weltpresse.
 

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