Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt : Stille, Rosen, goldener Riss

Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, spricht anlässlich der Einweihung der Gedenkstätte.
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Berlins Regierender Bürgermeister, Michael Müller, spricht anlässlich der Einweihung der Gedenkstätte.

Gedenken an die Opfer des Attentates auf den Berliner Weihnachtsmarkt.

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19. Dezember 2017, 20:55 Uhr

Um 12.07 Uhr setzt der Regen ein. Die Angehörigen der Opfer, die Verletzten des Anschlags auf dem Berliner Weihnachtsmarkt und Helfer kommen gerade von der Andacht in der Gedächtniskirche, stellen sich vor dem Mahnmal auf, einem mattgoldenen Riss, der sich wie eine Narbe durch den Stein des Breitscheidplatzes und die Stufen hoch zur Kirche zieht. Sie wärmen ihre Hände an Gläsern mit kleinen Kerzen, einige weinen. Bundeskanzlerin Angela Merkel steht oberhalb der Stufen, im schwarzen Mantel, das Gesicht von Gram gezeichnet, den Blick zu Boden gesenkt.

Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundestagspräsident Wolfgang Schäuble, das halbe Bundeskabinett, Berlins Regierender Bürgermeister Michael Müller haben sich rund um die Kanzlerin versammelt. Müller hält eine kurze Ansprache. „Wir trauern mit Ihnen um geliebte Menschen, wir teilen Ihren Schmerz“, sagt er. Der Attentäter Anis Amri habe „viele Menschen getroffen, er hat die Menschlichkeit getroffen“.

Ein Jahr nach dem Attentat sind die Angehörigen am Tatort, dort, wo elf Menschen aus sechs Ländern auf schreckliche Weise aus dem Leben gerissen und mehr als 70 weitere verletzt worden waren. Or Elyakim aus Israel, der seine Mutter Dalia bei dem Anschlag verlor, ist einer der ersten, der nach Müllers Rede über die auf dem Boden liegenden weißen Rosen steigt, seine Kerze vor den Namenszug seiner Mutter stellt, der in die Stufen eingraviert ist. Kurz hält er inne, dann wendet er sich ab.

Die Namen aller zwölf Toten stehen nun für immer im Pflaster des Breitscheidplatzes, darüber eine Inschrift: „Zur Erinnerung an die Opfer des Terroranschlags auf dem Weihnachtsmarkt am 19. Dezember 2016. Für ein friedliches Miteinander aller Menschen. Es starben in dieser Nacht…“

Es ist ein stilles Gedenken, ein Innehalten, und endlich stehen die Opfer im Mittelpunkt, eingerahmte Fotos von ihnen sind neben den eingravierten Namen aufgestellt. Die Angehörigen, die sich vom Staat und von Kanzlerin Merkel im Stich gelassen fühlten, waren in die Gestaltung des Denkmals und den Ablauf des Gedenkens eng eingebunden. Erst die Andacht, dann die Einweihung des goldenen Risses, ein Empfang im Abgeordnetenhaus von Berlin. Später folgen eine Mahnwache, eine Friedensdemonstration und eine Lichterkette. Am Abend schließlich, um 20.02 Uhr, dem Zeitpunkt, als Anis Amri mit seinem Laster in den Weihnachtsmarkt gerast war, läuteten die Glocken der Gedächtniskirche. Der Weihnachtsmarkt blieb gestern den ganzen Tag über geschlossen.

Die Politik hat ein Jahr lang gebraucht, um der Opfer würdig zu gedenken. Neben dem Behördenversagen, das den Anschlag erst ermöglichte, und neben den Pannen und Versäumnissen bei der Betreuung nach der Tat hat das viele Betroffene tief geschmerzt. „Viele Hinterbliebene und Verletzte – viele von Ihnen – haben sich nach dem Anschlag vom Staat im Stich gelassen gefühlt“, sagt Bundespräsident Steinmeier bei der Andacht. Die Gesellschaft dürfe dem Terror nicht nachgeben, mahnt er, aber: „Das darf nicht dazu führen, dass wir den Schmerz und das Leid verdrängen.“

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