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Franz Müntefering : „Sterben ist Teil des Lebens“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Debatte um aktive Sterbehilfe ist neu entflammt – Franz Müntefering lehnt unterstützten Suizid ab

Es soll eine neue Ethikdebatte im Bundestag werden: die Auseinandersetzung mit der Sterbehilfe. Noch ist nicht klar, wie groß die Meinungsunterschiede bei diesem Thema sind. Rasmus Buchsteiner sprach mit Franz Müntefering, früherer SPD-Vorsitzender und Präsident des Arbeiter-Samariter-Bundes.

Politiker wollen gewerbsmäßige Sterbehilfe in Deutschland verbieten. Warum ist die Zeit dafür reif, Geschäftemacherei mit dem Tod zu unterbinden?

Müntefering: Es ist gut, dass die Debatte über die letzte Strecke des Lebens jetzt geführt wird. Ich bin gegen jede Form aktiver Sterbehilfe. Aber das ist für jeden Abgeordneten eine Gewissensfrage. Natürlich weiß ich, dass es Menschen gibt, die verzweifelt sind, einsam, verwirrt, die nicht mehr weiter wissen und den Tod herbeisehnen. Ihnen müssen wir helfen – aber nicht bei der Selbsttötung, sondern mit guter Schmerzmedizin und Begleitung. Das geschieht ja auch. Gute Palliativstationen garantieren, dass Schwerkranke bis zum Tode menschenwürdig leben können.

Sie haben Ihre zweite Frau selbst bis zum Tod begleitet – was war die wichtigste Erfahrung, die Sie dabei gemacht haben?

Schwerkranken ist es in der letzten Lebensphase besonders wichtig, Vertraute, Partner, Kinder, Geschwister in ihrer Nähe zu haben. Dann kann das letzte Stück für die, die gehen, und die, die bleiben, noch zu einer wichtigen Phase mit Freude und erfüllter gemeinsamer Zeit werden. Sterben ist ein Teil des Lebens. Mich ärgern bestimmte Töne in der Debatte.

Was stört Sie besonders?

Es wird gefordert, dass jeder – ob krank oder nicht – jederzeit das Recht auf Hilfe beim Selbsttöten haben soll. Man will ausschließen, dass man im Alter „trottelig“, vergesslich und pflegebedürftig lebt. Ich empfinde das als arrogant gegenüber denen, die auf Pflege angewiesen sind und denen, die pflegen. Ich möchte nicht in einem Land leben, in dem sich jeder, der das Leben satt hat, mal eben die Todespille geben lassen kann, sogar noch auf Rezept.

„Mein Tod gehört mir“, sagen viele. Woher kommt dieser Wunsch?

„Mein Tod gehört mir“ halte ich für eine problematische Formel. Wir Menschen sind auch füreinander verantwortlich. Wenn neben mir einer vor den Zug oder aus dem Fenster springen will, versuche ich natürlich, ihn aufzuhalten. Persönliche Freiheit ist mehr als „Ich kann mit mir machen, was ich will“. Hinter dieser Haltung steht jede Menge Egozentrik, jedenfalls keine Solidarität.

Was ist die richtige Antwort auf dieses Denken?

Wir müssen die Angst vor den letzten Metern des Lebens nehmen. Hospiz- und Palliativdienste sind gesetzlich vorgeschrieben, aber noch nicht stationär und ambulant überall vorhanden. Das eilt sehr. Und Perfektionssucht und Nützlichkeitserwägungen müssen verschwinden. Die Würde des Menschen ergibt sich nicht daraus, dass er sich erinnern und sich den Hintern abputzen kann. Eine Gesellschaft, die keine Zeit, kein Geld oder keinen Willen hat, für eine würdige Betreuung ihrer Schwächsten zu sorgen, die wäre gescheitert.

Einige auch in der SPD fordern, das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen müsse das oberste Kriterium sein...

Das Selbstbestimmungsrecht des Einzelnen in der Phase des Sterbens gilt doch und wird auch nicht innfrage gestellt. Auch Suizid ist nicht strafbar. Aber die Heroisierung der Selbsttötung ist von Übel. Es geht darum, Liebe zum Leben erfahrbar zu machen und Mut zum Leben zu bewahren, so absurd und verstörend es auch manchmal sein mag. Diese Fragen werden immer wichtiger. Heute haben wir schon vier Millionen Menschen, die älter als 80 Jahre sind. 2050 werden es zehn Millionen sein. Die meisten werden recht gesund ans Ende kommen, aber nicht alle.

Was wünschen Sie sich für Ihr eigenes Sterben?

Für mich ist wichtig, dass nicht um jede Sekunde meines Lebens gekämpft werden sollte – wenn klar ist, dass Heilung undenkbar ist und der Tod nah. Aber ich will das Leben auskosten und bestehen. Die Chance hat man ja nur einmal. Meine Patientenverfügung steht.




 

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erstellt am 10.Jan.2014 | 00:34 Uhr

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