Angela Merkel : Späte Anteilnahme

Kanzlerin Angela Merkel (CDU) musste sich gestern bei dem Treffen mit den Hinterbliebenen der Anschlagsopfer auch Kritik anhören.
Kanzlerin Angela Merkel (CDU) musste sich gestern bei dem Treffen mit den Hinterbliebenen der Anschlagsopfer auch Kritik anhören.

Die schwierige Begegnung der Kanzlerin mit den Betroffenen des Anschlags auf den Weihnachtsmarkt

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18. Dezember 2017, 21:00 Uhr

„Diese Leiden, diese völlige Veränderung des Lebens wird nicht gutzumachen sein“, sagt Angela Merkel. Gestern Nachmittag empfängt die Regierungschefin Hinterbliebene von Todesopfern des Berliner Terroranschlags, Verletzte und Weihnachtsmarktaussteller, deren Buden der Attentäter Anis Amri am 19. Dezember 2016 mit dem Todeslaster zerstört hatte, im Kanzleramt. „Ich weiß, dass einige sich solch ein Treffen früher gewünscht hätten“, geht sie auf die Vorwürfe der Betroffenen ein, sie habe nicht viel früher ihre Anteilnahme gezeigt. „Mir ist wichtig, dass ich heute noch einmal deutlich mache, wie sehr wir mit den Angehörigen und mit den Verletzten fühlen, wie sehr wir auch die Dinge verbessern wollen.“

Die Kanzlerin und der Fall Anis Amri – für Angela Merkel ist es ein schwieriges Treffen. Von der kühl-rationalen Regierungschefin ist plötzlich Mitgefühl gefragt, zuhören muss sie und zeigen, dass sie fest an der Seite der Hinterbliebenen und mehr als 60 Verletzten steht.

Ihrer Enttäuschung über Merkel hatten die Betroffenen kürzlich in einem offenen Brief Luft gemacht. „Frau Bundeskanzlerin, der Anschlag am Breitscheidplatz ist auch eine tragische Folge der politischen Untätigkeit ihrer Bundesregierung“, heißt es darin. Bitter beklagen sich die Hinterbliebenen der zwölf Todesopfer darin bei Merkel, „dass Sie uns auch fast ein Jahr nach dem Anschlag weder persönlich noch schriftlich kondoliert haben“. „Zu spät“ komme das Treffen, zeigt der Bundesopferbeauftragte Kurt Beck gestern Verständnis für die Wut derjenigen, die Vater, Mutter, Kinder verloren oder mit schwersten Verletzungen für ihr Leben gezeichnet bleiben werden. „Kein böser Wille“ habe hinter Merkels Zögern gesteckt, aber „eine Fehleinschätzung“.

Kann die Kanzlerin gestern trösten und verlorengegangenes Vertrauen wiedergewinnen, wo doch immer neue Pannen ans Licht kommen, das eklatante Behördenversagen? Sind die Betroffenen überhaupt zu trösten? Wie es ihnen ein Jahr nach dem Terroranschlag geht, fasst die Sprecherin der Angehörigen, Astrid Passin, zusammen: „Zu wissen, dass die Toten noch hätten leben können, ist natürlich erschreckend.“ Bei der Begegnung im Kanzleramt ist auch Roland Weber dabei, Opferbeauftragter der Stadt Berlin. „Für die Betroffenen und Hinterbliebenen war das eine Begegnung von ganz enormer Bedeutung“, sagte Weber im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Sie brauchten dringend das Gefühl, dass es auch von Seiten der Kanzlerin eine echte Anteilnahme gibt. Und sie wollten hören, warum sich Angela Merkel so lange nicht gemeldet hat.“
 

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