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Meinung : Soll man sexistische Werbung verbieten?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Anzeigen wollen Aufmerksamkeit; mit nackten Frauen gibt’s die schnell: Ist das frauenfeindlich? Die Debatte darüber wird noch eine Weile dauern.

svz.de von
erstellt am 17.Apr.2016 | 20:45 Uhr

Ein Werbeplakat, das ganz auf die Wirkung nackter Frauenhintern setzt – ist das jetzt sexistisch, Meinungsfreiheit oder einfach nur einfallslos? Auf jeden Fall hat es Aufregerpotenzial. Ein angedachtes Verbot sexistischer Werbung wird in der Öffentlichkeit auseinandergenommen, bevor es auch nur einen Gesetzentwurf gibt. Auf Twitter schimpft ein Nutzer über „Sittenpolizei“. Politiker sprechen von „Gesinnungs-TÜV“, „Spießigkeit“ und „Nannystaat“. Angestoßen hat die Debatte vergangene Woche eine Idee aus dem Bundesjustizministerium. Dort wird eine Änderung des Gesetzes gegen den unlauteren Wettbewerb geprüft, wonach Werbung unzulässig sein soll, die Frauen oder Männer auf Sexualobjekte reduziert.

Die Werbeindustrie ist wenig erfreut von diesen Gedankenspielen. Der Staat sollte nicht regeln, was zeitgemäß sei und in der Werbung gezeigt werden dürfe, sagt die Geschäftsführerin des Deutschen Werberats Julia Busse. So etwas müsse aus der Gesellschaft selbst kommen, statt vom Gesetzgeber verordnet zu werden.

Der Werberat ist das Selbstkontrollorgan der Branche. Bis Ende März 2016 erreichten ihn 72 Beschwerden über geschlechterdiskriminierende oder herabwürdigende Werbung. In sechs Fällen wurde eine öffentliche Rüge ausgesprochen. Das tut der Werberat immer dann, wenn ein Unternehmen eine beanstandete Anzeige nicht zurücknehmen will.

Nach den Verhaltensregeln des Selbstkontrollorgans darf Werbung Menschen nicht auf ihr Geschlecht reduzieren. Außerdem sind etwa Anzeigen untersagt, die die sexuelle Verfügbarkeit einer Person nahelegen oder übertriebene Nacktheit herausstellen.

Die Frauenrechtsorganisation Terre des femmes hält nicht viel von der Selbstkontrolle. „Der Werberat reagiert unserer Meinung nach nicht sensibel genug“, sagt Wegener. Und wer sitze denn in dem Organ? Die Werbeindustrie und die Wirtschaft. Die hätten natürlich ihre eigenen Interessen. Die Checkliste von Terre des femmes geht auch etwas weiter als die Verhaltensregeln des Werberats. Frauenfeindlich ist danach auch ein Spot, der eine Frau auf ihre Rolle als Hausfrau reduziert.

Aber kann ein Verbot überhaupt dabei helfen, ein „modernes Geschlechterbild“ in Deutschland zu etablieren, wie es Ziel des Bundesjustizministeriums ist? Ja, sagt Frauenrechtlerin Wegener. Der einzige Punkt werde es sicherlich nicht sein. „Das ist natürlich Quatsch.“ Aber sie bleibt dabei: „Ohne ein Verbot wird sich zu wenig bewegen.“ Unzufrieden ist man bei Terre des femmes vor allem mit kleinen und mittelständischen Unternehmen. Die zeigten sich häufig besonders „einfallslos und kreativlos“, stellten einfach eine nackte Frau neben das zu bewerbende Produkt.

Die Werberat-Geschäftsführerin Busse hält die ganze Idee dagegen für eine „Scheinlösung“. Außerdem: Eine Waschmaschinenwerbung mit einer Frau sei nicht automatisch herabwürdigend, nur weil damit ein bestimmtes Rollenbild weitergegeben würde. Denn es bilde den Alltag von vielen Menschen ab, so Busse. „Ich würde sogar sagen, das diskriminiert eigentlich Millionen von Frauen, die sich zu Hause um den Haushalt kümmern.“ Spätestens damit ist man mitten in der Sexismus-Debatte. Es gibt wenig Aussicht darauf, dass ein Verbot dem bald ein Ende setzt. Die rechtspolitische Sprecherin der Unionsfraktion, Elisabeth Winkelmeier-Becker, hat dem Vorschlag bereits eine Absage erteilt: „Es passt ... nicht zu einem freiheitlichen Rechtsstaat, jede Geschmacklosigkeit mit Verbot und Strafe zu belegen.“ Außerdem hat die Union angekündigt, vorerst nur Gesetzesvorhaben umsetzen zu wollen, die im Koalitionsvertrag vereinbart worden sind.

Solange ruft Frauenrechtlerin Wegener der Werbeindustrie zu: „Werdet doch mal ein bisschen kreativer!“

 

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