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Multikulti-Debatte : So viele fremde Menschen

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Muss man Angst um die Werte in Deutschland haben? Die Debatte ist erneut entflammt

svz.de von
erstellt am 29.Okt.2015 | 21:00 Uhr

Iris Berben spielt eine Lehrerin, die Ärger mit einer muslimischen Schülerin hat. Das Mädchen trägt Kopftuch, will beim Sport nicht mitmachen und betet heimlich im Schulkeller. Die Debatte um Multikulti ist in der Hauptsendezeit des Fernsehabends gelandet. Das war gerade im ZDF-Film „Die Neue“ zu sehen. Berben steht dort auf einmal vor schwarz verhüllten Schülern in Burkas, die Klasse ist außer Rand und Band. Deutschland, im Herbst 2015?

Die Diskussion um Integration gibt es immer wieder. Was wird jetzt passieren, in der Flüchtlingskrise, wenn Hunderttausende Menschen aus anderen Kulturen nach Deutschland kommen? Eine neue Wertedebatte ist da. Sie reicht von den Talkshows bis ins Odenwald-Städtchen Hardheim. Dort sollten die Flüchtlinge mit einem Leitfaden lernen: „Deutschland ist ein sauberes Land und das soll es bleiben.“ Riesenrummel und Empörung – die Benimmregeln (inklusive Toilettenbelehrung) klangen für viele, als sei da ein Haufen Ferkel über die Grenze gelangt. Aber auch Zustimmung gab es.

Etwas staatstragender versuchte es Celle. Die niedersächsische Kleinstadt plakatierte das Grundgesetz auf Arabisch und in anderen Sprachen. Auch der Altrocker Peter Maffay, der mit 13 seine Heimat in Rumänien verließ, hat dazu eine Meinung. „Alle, die hier Asyl suchen, sollten das Grundgesetz vorgelegt bekommen und mit ihrer Unterschrift bestätigen, dass sie es auch gelesen haben“, forderte Maffay wie ein Politiker in der „Bild am Sonntag“.

Rückblick. Um 2000 war es der CDU-Politiker Friedrich Merz, der die deutsche „Leitkultur“ beschwor. Ein umstrittener Begriff für: Wer hier lebt, soll sich anpassen. Später kamen die Berliner SPD-Politiker Thilo Sarrazin und Heinz Buschkowksy mit markigen Worten. „Deutschland schafft sich ab“, schrieb Sarrazin 2010 in einem Buch über die wachsende Zahl der Muslime. „Kopftuchmädchen“ klingt seitdem wie ein Schimpfwort.

In der Flüchtlingskrise sind es CSU-Generalsekretär Andreas Scheuer und Bundestagspräsident Norbert Lammert, die sich zum Begriff „Leitkultur“ äußern. Lammert sagt: Wer nach Deutschland komme, wandere nicht in die Bundesliga ein, sondern ins Grundgesetz. Scheuer hätte gerne von ARD und ZDF einen Kanal für „Deutsches Integrationsfernsehen“. Gemeint sind bei all dem oft die als rückständig empfundenen Seiten des Islams. In Deutschland leben rund vier Millionen Muslime. Wie groß der Zuwachs durch die Flüchtlingskrise wird, ist offen.

Dass nicht alle Muslime quasi mit dem Grundgesetz unter dem Kopfkissen schlafen, weiß man aus Berlin-Neukölln mit seinen 326 000 Menschen aus 160 Nationen. Bezirksbürgermeisterin Franziska Giffey (SPD) sagt: „Wir haben in unserem Land klare Regeln. Ich sehe nicht ein, warum sie für bestimmte Leute nicht gelten sollen. Wenn etwa der Schwimmunterricht Teil der Schulpflicht ist oder das Fach Sachkunde den Besuch einer Kirche vorsieht, dann ist das durchzusetzen.“

Werden sich diese Probleme verschärfen, wenn es mehr Muslime gibt? „Das kann man so nicht sagen! Unser Problem sind nicht die Muslime an sich“, sagt Giffey. „Sondern erstens Bildungsferne und zweitens diejenigen, die nicht nach den Grundsätzen der Verfassung leben.“

Als Giffey erlebt hat, wie der Vertreter eines Moscheevereins ihr als Frau im Rathaus nicht die Hand geben wollte, sagte sie ihm: Das zerstöre die Basis für eine Zusammenarbeit.

Wie könnte es weitergehen? Die Islamwissenschaftlerin Riem Spielhaus (Universität Erlangen-Nürnberg) sagt dazu: „Ich habe keine Angst um Werte in Deutschland.“ Die Wertedebatte geht für die Wissenschaftlerin an den Problemen vorbei. Was Spielhaus stört, ist, wenn Flüchtlinge „im Paket“ wahrgenommen werden. „Das Wichtigste ist, dass nicht pauschalisiert wird.“

Alles rund um die aktuelle Flüchtlingsdebatte lesen Sie in unserem Dossier.

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