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Streitbar : So gehen Nachrichten

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Egal was in der Welt passiert, Hauptsache der Ball rollt, findet Jan-Philipp Hein. Schließlich folgt der Fußball den Tätowierungen ins Establishment.

Niemand kann sich diesem Sport entziehen. Ob Opernsänger, Herzchirurgen, Architekten, Busfahrer, Lehrer, Juristen, Polizisten, Journalisten, Köche, Kosmetiker oder Krankenpfleger – wir alle können aus dem Stand unseren Lieblingsspielern und -fußballvereinen huldigen. Denn wer vom Fußball nichts versteht oder nicht wenigstens ein bisschen so tun kann, als verstünde er was vom Fußball, der ist draußen, der steht kilometerweit im Abseits.

Sie haben nicht den Hauch einer Ahnung, was die sogenannten „Separatisten“ im Osten der Ukraine wollen? Macht nichts! Sie haben noch nie gehört, dass der Gazastreifen auch einen Grenzübergang nach Ägypten hat? Willkommen im Club der Nahost-Experten. Ihnen ist nicht bekannt, dass es sich bei „Ferguson“ um eine Stadt in den Vereinigten Staaten handelt? Man kann doch nicht alles wissen. Und die Warnungen, dass der Aufschwung in Deutschland so langsam aber sicher vorbeigeht, haben Sie auch noch nicht erreicht? Ja, das ist doch auch alles blanke Theorie und weit weg von uns. Machen Sie sich keine Vorwürfe.

Das hier bewegt uns wirklich, darauf kommt es an: Wen kauft Pep Guardiola denn jetzt für die Abwehr? Oder hier: Schweinsteigers Knie ist kaputt. So gehen Nachrichten! Marco Reus wechselt doch zu den Bayern und wird Borussia Dortmund untreu? Damit kann man Zeitungsseiten füllen. Das Freistoßspray kommt nach der Weltmeisterschaft in Brasilien auch nach Deutschland. Lasst uns darüber streiten! Und die Torlinientechnologie auch? Aber das zerstört doch das Herz des Fußballs...

Keine Ahnung vom Fußball zu haben, ist wie das Kokettieren mit der völligen Unfähigkeit zur Mathematik. Bis vor ein paar Jahren war das noch in Ordnung und ganz cool, im Zeitalter der Algorithmen, von Facebook, Twitter und Google ist es eher peinlich. Der Fußball folgt den Tätowierungen auf ihrem Weg ins Establishment. Markierten diese Hautbemalungen einst Randgruppen, nämlich Seeleute, Gefängnisinsassen und Gewerbetreibendes aus dem Rotlichtmilieu, sind sie heute Abzeichen und Zugehörigkeitssymbole der Bescheidwisser und Anführer.

So ist auch der Fußball schon lange nicht mehr das alleinige Vergnügen der Unterschicht. Die Tribünen in Bundesliga-Arenen orientieren sich mittlerweile an Theatersälen. Wie einst die Großbürger ihre Logen in den Opernhäusern bezogen, pontifizieren die oberen Zehntausend heute in ihren Bundesligalogen – beheizbare Sitze, Lachshäppchen und Wein gehören dazu wie livrierte Kellner. Darf's noch ein Glas Riesling sein, die Dame?

Und so beginnt (endlich) auch dieses Wochenende mit der Bundesliga wieder ein liturgisches Jahr. Es werden prachtvolle Messen zelebriert werden, es wird aber auch viel Askese geben. Auf den Jubel wird der Kater folgen. Die einen werden den drohenden Untergang vor Augen haben, die anderen wähnen sich am Übergang zur Unsterblichkeit. Es wird Wiederauferstehungen und Verdammnis geben. Viele Gläubige des Fußballs werden einen Liebling zum Heiland stilisieren, während andere im Gegner den Leibhaftigen erkennen können. Mögen den Kirchen ihre Gläubigen und Steuerzahler davonlaufen, die Fans des Fußballs mit ihren Dauerkarten werden mehr und mehr – dazu bedurfte es noch nicht mal der aus deutscher Sicht sensationellen Weltmeisterschaft.

 


Bayern-Dortmund ist purer Antagonismus


Der Fußball konkurrierte mal mit dem Beischlaf darum, die schönste Nebensache der Welt zu sein. Zwar hat der Sex es auch aus den Schlafzimmern in die Öffentlichkeit geschafft, doch der Fußball ist wirklich allgegenwärtig, mittlerweile gar nicht mehr schmuddelig und taugt zur Erklärung der angeblich immer widersprüchlicher werdenden Welt. Während es beim Sex nur um Spaß geht, ist Fußball jedoch ernst. So ist Bayern München gegen Borussia Dortmund nicht nur das deutsche Spiel der Spiele, sondern der Antagonismus schlechthin; so wie CSU gegen Linkspartei, wie Bach gegen Wagner, wie Gut gegen Böse, Schulmedizin gegen Homöopathie, Arbeitgeber gegen Gewerkschaften und Konventionell gegen Bio. Sag’ mir, wo Du stehst und ich sage Dir, wer Du bist!

 


Die Intellektualisierung des Fußballs


Wann wurde aus dem Fußball mehr als nur Gekicke? Wo fing das alles an? Als der FC Bayern München vor fünf Jahren seinen damaligen Trainer Jürgen Klinsmann entließ, war jener Rauswurf der ARD ein Brennpunkt im Ersten unmittelbar nach der Tagesschau wert. Medienfachleute empören und belustigen sich darüber bis heute und beklagen eine Trivialisierung des Nachrichtenjournalismus’. Dabei kann das Engagement Klinsmanns bei den Bayern durchaus als epochales Ereignis bewertet werden, das weit über den Fußball hinaus eine Wirkung entfaltete. Wie zuvor bei der deutschen Nationalmannschaft, implementierte Klinsmann Konzeptfußball, taktische Variabilität und Fitness, Fitness, Fitness bei den Bayern. Das damals einzige deutsche Vorzeigeteam wurde zum verlässlichen Stammgast der letzen Runden einer jeden Champions League-Saison und stachelte die Dortmunder auf, es ihnen hin und wieder gleich zu tun. Klinsmann hat vielleicht den größten Anteil daran, dass der einstige Blut-, Schweiß-, und Tränen-Sport auch in Deutschland Teil des feuilletonistischen Diskurs’ wurde. Das spürten damals wohl schon die Chefredakteure der ARD.

Mittlerweile, ein paar Jahre nach Klinsmanns Intellektualisierung des Fußballs, ist es völlig normal, dass ein Weblog, das sich ausschließlich mit diesem Sport beschäftigt, für den „Grimme Online Award“ nominiert wird — in der Kategorie „Wissen und Bildung“. So was passiert sonst Seiten wie „Nachtkritik.de“, auf denen neue Inszenierungen der deutschen Theaterlandschaft besprochen werden. Auf „Spielverlagerung.de“ werden Fußballpartien nach rein taktischen Gesichtspunkten analysiert. Experten nehmen dort jedes Spiel bis ins Detail auseinander. Wie Sprachwissenschaftler über klassische Lyrik beugen sich Sportwissenschaftler über Auswechslungen, Umschaltspiel, Aufstellungen, Pressing, Gegenpressing und Laufwege. Das „Taktiklexikon“ der Fußballblogger kennt Begriffe wie „Mikro- und Makrotaktik“, „Polyvalenz“ oder „Deckungsschatten“. Die Exegese des modernen Fußball ist schon jetzt mindestens so weit, wie die seit Jahrtausenden betriebene Exegese des Alten und des Neuen Testament.

Und anders als Judentum, Christentum oder Islam ist der Fußball auch noch in jedem Winkel der Welt populär. Er löst sogar einige historische Versprechen ein, gewaltfrei. „Alle Menschen werden Brüder, wo Dein sanfter Flügel weilt“, dichtete Friedrich Schiller in seinem Gedicht „An die Freude“. „Flügel“ ist nicht nur ein Begriff, den die Fußballtheorie später vereinnahmte. Der Dichter könnte das ganze Spiel und sein Drumrum im 18. Jahrhundert bereits vor Augen gehabt haben. Wo der Fußball weilt, sind die Klassenunterschiede aufgehoben, sind alle Menschen Brüder. Nur wenn die Stehplatzränge und die Champagnerlogen gemeinsam ihren Fangesang, ihre „Ode an die Freude“ anstimmen, können die Akteure auf dem Platz Übermenschliches leisten. Dann werden aus Heimspielen transzendente Erlebnisse, Gottesdienste. Es ist wieder so weit.

Was ich hier eigentlich sagen will? Schön, dass die Bundesliga wieder läuft. Wurde auch dringend Zeit.

 

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