Nobelpreis für zwei Mutige : Sexuelle Gewalt als Waffe: Der Kampf gegen Vergewaltigung

Massengrab nahe des Sindschar-Gebirges: Hier fiel die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in die Hände der Terrormiliz IS.
Massengrab nahe des Sindschar-Gebirges: Hier fiel die Friedensnobelpreisträgerin Nadia Murad in die Hände der Terrormiliz IS.

Hunderttausende Frauen werden in Kriegs- und Konfliktgebieten brutal vergewaltigt. Ihre Körper werden so zum Teil des Schlachtfelds. Der Friedensnobelpreis ehrt nicht nur zwei mutige Menschen, die dagegen kämpfen. Er ist auch eine Mahnung an die internationale Gemeinschaft.

svz.de von
05. Oktober 2018, 17:50 Uhr

Nadia Murad und Denis Mukwege haben erlebt und gesehen, was niemand je sehen sollte. Die junge Irakerin überlebte Monate als Sex-Sklavin der Terrormiliz IS: gefoltert, missbraucht, gedemütigt.

Der kongolesische Arzt rettet Tausende schwerst verletzte Frauen, die mit Gewehrläufen, Bajonetten und abgebrochenen Flaschen vergewaltigt wurden.

Beide, die 25-jährige Jesidin und der 63 Jahre alte Gynäkologe, lassen sich von diesen grausamen Erlebnissen nicht einschüchtern: Sie erheben ihre Stimme und zeigen der Welt, wie sexuelle Gewalt in Kriegs- und Konfliktgebieten als Waffe genutzt wird. Dafür erhalten Murad und Mukwege nun den Friedensnobelpreis.

«Wenn wir wollen, dass die Menschen Nein zum Krieg sagen, müssen wir zeigen, wie hässlich, wie destruktiv und wie brutal er wirklich ist», sagte die Vorsitzende des norwegischen Nobelkomitees, Berit Reiss-Andersen.

Jedes Jahr werden Schätzungen zufolge mehrere Hunderttausend Frauen in bewaffneten Konflikten systematisch vergewaltigt. Ihre Körper werden zum Schlachtfeld militärischer Taktik. Das Ziel: Die Frauen brechen und ihre Männer demütigen. Solche Wunden verheilen schwer, sie hinterlassen Narben, die ganze Familien, ganze Gemeinschaften, ganze Völkergruppen zerstören können.

Nadia Murad hat das durchlebt. Der Tod, so berichtete sie nach ihrer Flucht aus der Sklaverei des Islamischen Staates (IS), habe für sie danach den Schrecken verloren. «Der Tod ist harmlos im Vergleich zu der Hölle, durch die wir alle gehen mussten.»

Murad ist gerade 19 und geht noch zur Schule, als der Islamische Staat ihr Dorf im Sindschar-Gebiet überfällt. Zum Opfer wird die Jesidin wegen ihrer Religion, des Ursprungsglaubens der Kurden. Denn in der IS-Ideologie sind Jesiden «Ungläubige» und «Teufelsanbeter», weil sie auch einen Engel verehren.

Zehntausende fliehen 2014, als der IS große Gebiete im Nordirak überrennt. Auch das Dorf von Nadia und ihrer Familie. Die meisten jesidischen Männer tötet die Terrormiliz wohl, die Frauen verkauft sie als Sklavinnen. Ende 2017 vertreibt die irakische Armee den IS aus dem Land.

Nadias Mutter und sechs Brüder werden getötet, sie selbst wird gefangen genommen. Auf einem Sklavenmarkt in der Millionenstadt Mossul wird sie verkauft. «Blonde, blauäugige und hellhäutige Mädchen waren besonders gefragt», erzählte sie später. Noch Jahre danach wirkt sie wie betäubt, spricht ohne äußerliche Gefühlsregung, als ob sie den Schmerz ausgeschaltet habe.

Drei Monate überlebt die junge Frau damals in Gefangenschaft, wo viele andere längst aufgegeben hätten. Man zwingt sie, zum Islam zu konvertieren, vergewaltigt sie wieder und wieder. Bis sie beim Kauf einer Burka ihren Peinigern entkommt. Ausgerechnet eine muslimische Familie hilft der jungen Jesidin bei der Flucht ins kurdische Grenzgebiet. Von dort gelangt Murad nach Baden-Württemberg, wo sie heute noch lebt.

Deutschland ist das einzige Land, das einer bedeutenden Zahl von Überlebenden der IS-Herrschaft in Syrien und Nordirak geholfen hat - vor allem mit einem speziellen Programm in Baden-Württemberg. Davon hörte Murad im Flüchtlingslager, bewarb sich - und bekam eine Tür nach Deutschland geöffnet.

Hier hat sie den Kampf gegen den IS-Terror aufgenommen. Murad spricht furchtlos und offen über ihre Qualen, klagt an, ist inzwischen sogar Sonderbotschafterin der Vereinten Nationen. Sie kämpft dafür, dass die Terroristen vor ein internationales Gericht kommen. «Manchmal habe ich gedacht, dass sie auch mich zerstört hätten», sagte Murad einmal mit Blick auf ihre Peiniger. Doch nun wisse sie: Sie habe überlebt, um der Welt von den Verbrechen zu berichten.

Mit Menschenrechtsarbeit verarbeitet Murad ihre Traumata, 2016 würdigt sie der Europarat mit dem Menschenrechtspreis. Sie geht teils bis an den Rand der eigenen Kräfte. «Ich bewundere ihren Mut und Aktivismus», schrieb der Premierminister der kurdischen Autonomieregierung am Freitag auf Twitter. Und eine andere Kurdin hält fest: «Niemand kann sich vorstellen, was es heißt, so etwas durchzustehen. Es braucht viel Mut, öffentlich so bekannt zu sein für seine Geschichte.»

Doch Murad nimmt das in Kauf - und nutzt ihre Prominenz, um weniger bekannten Opfern zu helfen. Dem Nobelinstitut sagt sie telefonisch nach Bekanntgabe der Auszeichnung: «Ich hoffe, dass wird jenen Frauen Gerechtigkeit bringen, die unter sexueller Gewalt zu leiden hatten.»

Denis Mukwege hat Murad nie behandelt, doch er kennt Tausende Frauen mit ähnlichen Schicksalen. In seiner von Konflikten zerrissenen Heimat Kongo sind viele Frauen zur Beute degradiert. Vergewaltigung sei als Wort noch zu schwach für das, was sie erlebten, sagt der Gynäkologe. Er nutzt den Begriff «sexueller Terror».

Hilfsorganisationen bezeichnen das Land als Vergewaltigungshochburg der Welt. Eine amerikanische Studie aus dem Jahr 2011 berichtete, dass im Kongo jede Stunde im Schnitt 48 Frauen missbraucht werden, mehr als 1100 am Tag. Selbst nach Ende des Krieges hörte die sexuelle Gewalt gegen Frauen im Ost-Kongo nicht auf.

Viele der Kämpfer seien nach Hause zurückgekehrt oder in die Streitkräfte aufgenommen worden, ohne jegliche psychologische Betreuung, berichtete Mukwege. «Die meisten dieser jungen Männer sind Täter und Opfer.» Daher sehe man nun, dass auch Soldaten und Polizisten Frauen vergewaltigten. «Das passiert in vielen Gegenden, in denen einst Kämpfe tobten, die jetzt aber friedlich sind.» Wenn Vergewaltigungen straffrei blieben, würden sie irgendwann normal, warnte er.

Mukwege gründete 1999 das Panzi-Krankenhaus in Bukavu im instabilen Osten des Landes. Dort behandelt er Frauen mit verletzten inneren Organen; Mädchen, die viel zu früh schwanger wurden, denen Sex und Geburt schwere innere Verletzungen zufügten, denen Fäkalien unkontrolliert aus dem Körper laufen. Mukwege flickt sie nicht nur zusammen, er bietet ihnen psychologische, juristische und finanzielle Unterstützung an. Denn die Frauen müssen fürchten, von ihrer Familie verstoßen zu werden.

50.000 Patientinnen habe er gehabt, sagte der Gynäkologe vergangenes Jahr - ein «Alptraum». Immer häufiger seien Kinder unter fünf Jahren dabei. Mukwege riskiert für diese Frauen und Mädchen sein Leben. Bei einem Überfall auf sein Haus wurde seine Tochter entführt, ein Freund wurde getötet. «Damals fühlte ich, jetzt sei es genug. Ich musste Verantwortung für meine Familie übernehmen - und der einzige Weg war, das Land zu verlassen», berichtete er danach. Doch die Frauen, seine Patientinnen, die ihn brauchten, hätten ihn zurückgebracht.

Mukwege macht also weiter, prangert bei zahlreichen Vorträgen auf der ganzen Welt internationale Gleichgültigkeit an, kritisiert leere Hilfsversprechen. «Erst dachte ich, es würde nicht mehr als einen Monat dauern, um diese Gewalt zu beenden, dass die internationale Gesellschaft handeln würde, sobald sie es erfahren», sagte er. Doch das sei nun schon 15 Jahre her.

Der Friedensnobelpreis bringt das Thema nun wieder auf die Agenda. «Ich dachte nicht, dass mein Kampf so belohnt wird», sagte Mukwege der Deutschen Presse-Agentur, nachdem er im Operationssaal von der Auszeichnung erfahren hatte. «Dieser Preis gibt Frauen, die vergewaltigt wurden, Hoffnung, dass sie nicht vergessen wurden, dass die Welt weiß, was sie durchmachen.»

Die Jury für den Friedensnobelpreis hatte Mukwege und Murad schon seit Jahren auf der Liste. In diesem Jahr bekommen sie den Preis wohl auch vor dem Hintergrund des #metoo-Skandals um sexuelle Belästigung, der vor allem in Nordamerika und Europa Wellen schlug. Das Nobelkomitee wolle auch Länder und internationale Gemeinschaften auffordern, Verantwortung zu übernehmen, betonte die Vorsitzende Berit Reiss-Andersen.

«Denis Mukwege und Nadia Murad riskieren ihre eigene Sicherheit, indem sie mutig Kriegsverbrechen bekämpfen und Gerechtigkeit für die Opfer suchen», betonte sie. Beide rückten Kriegsopfer in die Öffentlichkeit, die viel zu häufig übersehen würden. «Wir wollen die Botschaft aussenden, dass Frauen tatsächlich als Waffe im Krieg benutzt werden, dass sie Schutz brauchen und dass die Täter bestraft werden müssen», betonte die Nobelpreisjury. «Wir sind überzeugt, dass das eine grundlegende Voraussetzung für dauerhaften Frieden ist.»

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