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Papst Franziskus setzt auf Schweigen : Schweigen in Auschwitz

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Papst Franziskus besucht den Ort schlimmster deutscher Nazi-Verbrechen – der Opfer gedenkt er auf seine ganz eigene Weise

Stille. Schweigen. Andächtiges Gebet. Als Papst Franziskus gestern das ehemalige Vernichtungslager Auschwitz besucht, gibt es keine großen Reden. Der Papst verharrt vor der Schwarzen Wand, an der unzählige Häftlinge erschossen wurden. Allein steht er in der Zelle von Maximilian Kolbe, dem heiliggesprochenen katholischen Priester, der sein Leben für andere Insassen opferte. Der Papst ist im Gebet versunken.

Der Besuch des argentinischen Papstes in Auschwitz ist anders als der seiner Vorgänger: Der Pole Johannes Paul II. hatte die deutsche Besatzung in Polen miterlebt. Er hielt in Auschwitz eine Heilige Messe. Johannes Paul II. trat für Gewaltfreiheit ein, bereitete die Seligsprechung Kolbes vor und begann mit der kirchlichen Aufarbeitung der NS-Geschichte. Sein Nachfolger Benedikt XVI. kam als Deutscher nach Auschwitz. Er bittet um Versöhnung, während seiner Rede bricht ein Regenbogen am Himmel hervor. Und nun Franziskus – der Papst, der am Ort der unfassbaren Gräueltaten einfach nur schweigt. Der Argentinier kommt zum Beten und Weinen nach Auschwitz. Er nimmt den Ort nicht als Kanzel, um zu den Gläubigen zu predigen. Er hält keine politischen Reden. Er erliegt nicht der Versuchung, der so viele politische Größen vor ihm erlegen sind: „Oft reden sie in Birkenau“, sagt der polnische Oberrabbiner Michael Schudrich. „Aber dann schweigen sie für den Rest ihres Lebens – dabei müssen wir für den Rest unseres Lebens schreien.“

Franziskus setzt ein anderes Signal. Er wirkt überwältigt von den unfassbaren Verbrechen, der Hoffnungslosigkeit des Ortes. Im Gästebuch des Konzentrationslagers schreibt er: „Herr, hab Erbarmen mit Deinen Menschen! Herr, vergib so viel Grausamkeit!“

Auch insgesamt war der Freitag ein eher leiser Tag des Papstbesuches: Am Abend traf sich Franziskus erneut mit nach Krakau gereisten Jugendlichen, um mit ihnen einen Kreuzweg zu beten. In dieser Liturgie erinnert die Kirche traditionell an das Leiden Christi und seinen Tod am Kreuz. Zudem werden Gebete für Menschen in Not gesprochen. Gestern standen dort wieder einmal die Flüchtlinge im Zentrum. „Anstatt Gastfreundschaft – finden sie den Tod: an der Küste von Lampedusa, in Griechenland, in den Flüchtlingslagern“, hieß es in der von Bischof Grzegorsz Rys vorbereiteten Liturgie. Und im stillen Gebet gedachten die Teilnehmer des Weltjugendtags der vielen zehntausend Menschen, die in den vergangenen Jahren an den Grenzen Europas ums Leben kamen.

 

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