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Peter Steudtner frei : Schröders Geheim-Coup

vom
Aus der Onlineredaktion

Steudtners Freilassung und die Hoffnung auf Entspannung der deutsch-türkischen Beziehungen.

svz.de von
erstellt am 26.Okt.2017 | 21:00 Uhr

Peter Steudtner in Freiheit. Nach mehr als drei Monaten in türkischer Haft kommt der Menschenrechtsaktivist gestern zurück nach Berlin, abgeschirmt von der Öffentlichkeit, in die Arme geschlossen von Angehörigen und Freunden.

„Endlich!“, twittert der Sprecher von Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU), Steffen Seibert, in der Nacht zum Donnerstag, nachdem die ersehnte Nachricht aus Istanbul eingetroffen war. „Es ist ein erstes Signal der Entspannung“, zeigt sich Bundesaußenminister Sigmar Gabriel (SPD) erleichtert, und kündigt zugleich an: „Nun müssen wir weiter an der Freilassung der anderen Inhaftierten arbeiten.“ Denis Yücel, Mesale Tolu und andere Deutsche bleiben hinter Gittern, werden weiter vom türkischen Präsidenten Recep Tayyip Erdogan festgehalten.

Steudtner zurück in Berlin – es war Altkanzler Gerhard Schröder, der den Dokumentarfotografen und Filmemacher aus Erdogangs Fängen befreite, auf geheime Mission geschickt von Gabriel, im Auftrag auch von Kanzlerin Merkel. „Ich bin Gerhard Schröder sehr dankbar für seine Vermittlung“, bestätigt Gabriel gestern den Coup. Der Plot: Nachdem Gabriel mit seinen Bemühungen um die Freilassung von Steudtner, Yücel, Tolu und den anderen Deutschen nicht vorankam, bat er seinen Parteifreund Schröder, quasi „undercover“ nach Ankara zu reisen.

Eine Woche nach der Bundestagswahl sitzt Schröder dann tatsächlich mit Erdogan zusammen, findet ein offenes Ohr, die Außenminister beider Staaten werden beauftragt, an einer Lösung zu arbeiten. Gerhard Schröder, gerade noch für seine engen Kontakte zu Russlands Präsident Wladimir Putin und seinen Posten beim russischen Rosneft-Konzern an den Pranger gestellt, ist plötzlich derjenige, der mit seinen Kontakten Gefängnispforten öffnet, für die erste gute Nachricht seit Anbruch der deutsch-türkischen Eiszeit sorgt. Im Fall Steudtner geht es am schnellsten, das Untersuchungsgericht in Istanbul setzt die Haft ohne Auflagen aus, ermöglicht die sofortige Rückkehr. Steudtner selbst ist überwältigt von seinen Gefühlen. „Wir sind allen sehr dankbar, die uns rechtlich, diplomatisch und mit Solidarität unterstützt haben“, sagt er nach dem Verlassen des Hochsicherheitsgefängnisses in Silviri westlich von Istanbul, dann versagt seine Stimme, fließen die Freudentränen.

Für den 45-Jährigen sei „ein Albtraum zu Ende“, freut sich Berlins Bürgermeister Michael Müller mit Steudtner und erklärt, dieser wolle bei seiner Rückkehr weder von Politikern noch Journalisten behelligt werden. Dafür wird in Steudtners Kirchengemeinde in Berlin, in der es seit seiner willkürlichen Festnahme wegen Mitgliedschaft in einer bewaffneten Terrororganisation täglich Andachten gegeben hatte, gefeiert und gejubelt und das Wiedersehen vorbereitet. „Es gibt in jedem Fall ein Willkommen für ihn“, sagt Gemeinde-Geschäftsführer Frank Esch.

Steudtners Freilassung, der erste Schritt zur Entspannung im eingefrorenen Verhältnis zwischen Deutschland und der Türkei? Grünen-Chef Cem Özdemir erinnert daran, dass weitere Deutsche „widerrechtlich“ in der Türkei hinter Gittern säßen. Ohne deren Freilassung könne es „keinerlei Normalisierung oder gar Fortschritte“ im Verhältnis mit der Türkei geben. Auch Niels Annen, außenpolitischer Sprecher der SPD-Bundestagsfraktion, warnt im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion vor „zu viel Euphorie“. Es gebe noch sehr viele Streitpunkte mit der Türkei, von Entwarnung könne deshalb „keine Rede sein“. Und auch die EU-Kommission sieht in Steudtners Freilassung zwar eine „ermutigende Nachricht“, fordert von Erdogan aber weitere Schritte, um die Grund- und Freiheitsrechte wieder zu wahren.

Neben Steudtner selbst suchte auch Gerhard Schröder gestern nicht die Öffentlichkeit. Er lässt lediglich erklären, er freue sich über die Freilassung des Berliner Menschenrechtsaktivisten.

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