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Medien : Schockbilder: Zeigen oder nicht?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die angebliche Hinrichtung des Journalisten James Foley stellt Medien und ihre Nutzer vor heikle Gewissensfragen

Es sind abscheuliche, verstörende Bilder: Ein Mann schaut in die Kamera, kahlgeschoren, bald soll er enthauptet werden.

Kaum waren gestern die Bilder des US-Journalisten James Foley vor seiner angeblichen Ermordung aufgetaucht, verbreitete sich auf Twitter und Facebook dieser Anblick des Leidens millionenfach in Sekundenschnelle. Bald brüstete sich die Miliz des Islamischen Staates (IS) mit den Fotos. Die Terroristen hatten ihren Propagandaerfolg.

Mit den Bildern war es ihnen gelungen, auch im Netz Angst und Schrecken zu verbreiten. Zwar sperrten soziale Netzwerke bald die Videos von der mutmaßlichen Enthauptung. Doch solche Darstellungen der Gewalt stellen die Medien immer wieder vor die Frage, wie sie mit den Terror-Bildern umgehen sollen.

Fotos  von enthaupteten IS-Opfern werden bereits seit Wochen auch in etablierten Medien gezeigt. Auf Foleys Hinrichtungsfotos wollte die Mehrheit der Nachrichtenmedien jedoch verzichten, wie aus einer dpa-Umfrage hervorging (siehe nebenstehender Kasten).

Wie weit sollen Redaktionen gehen, um ein Ereignis für die Leser plastisch und informativ darzustellen? Das Dilemma ist nicht neu, hat sich aber im Internet-Zeitalter verschärft, sagte die Kunsthistorikerin und Medienwissenschaftlerin Charlotte Klonk von der Berliner Humboldt-Universität. Das Netz habe den Druck auf die Printmedien enorm erhöht. „Jedes Bild ist nur ein Klick entfernt.“ Dennoch sollten sich Redaktionen diesem Druck nicht beugen und ihre Rolle als „Schleusenwärter“ weiter wahrnehmen, sagte Klonk, die über die Instrumentalisierung von Bildern durch Terroristen forscht.

Der Deutsche Presserat hat als Selbstkontrollorgan Regeln für den Umgang mit Gewaltdarstellungen aufgestellt. Eine Veröffentlichung von Bildern Foleys etwa kurz vor seiner Ermordung ausInformationsgründen und als Ereignis der Zeitgeschichte sei zwar denkbar, sagt Geschäftsführer Lutz Tillmanns. Doch sollte das Opfer auf jeden Fall unkenntlich gemacht werden. „Wer Bilder veröffentlicht, auf denen der Journalist erkennbar wird, macht sich ethisch angreifbar.“

Der Stuttgarter Medienwissenschaftler Oliver Zöllner plädiert dagegen für Komplettverzicht. „Welche Zusatzinformationen sollen eigentlich solche Bilder liefern“, fragt Zöllner und erinnert daran: „Für diese Fotos musste ein Mensch sterben.“ Zöllner wünscht sich eine öffentliche Debatte. „Wollen wir etwa in einer Gesellschaft leben, in der solche Bilder akzeptabel sind?“ Schon in der Schule sollten Kinder über den Umgang mit Bildern aufgeklärt werden.

„Jeder einzelne Betrachter entscheidet, welches Bild er sich anschauen will – und welches nicht“, so Medienwissenschaftlerin Charlotte Klonk. Sie plädiert dafür, sich solchen Bildern zu verweigern. Das klinge zwar nach Boykott. „Doch auch ein Boykott kann auf lange Sicht erfolgreich sein“, hofft sie.

Mehrheit der Medien verzichtet

Die Mehrheit der großen deutschen Nachrichtenmedien verzichtet auf Bilder von der mutmaßlichen Enthauptung des US-Journalisten James Foley durch die Terrormiliz Islamischer Staat.

Spiegel online: Das Portal wird weder Videoaufnahmen noch Bilder von der mutmaßlichen Hinrichtung zeigen und auch keinen Link zum Schockvideo einbauen, wie der Geschäftsführende Redakteur Rüdiger Ditz sagte. „Das war einhellige Meinung in der Redaktionskonferenz. Die Bilder zu zeigen, wäre reine Propaganda für den IS.“

Süddeutsche Zeitung: „Das Kalkül der Terroristen, mit Schockbildern Furcht, Schrecken und Horror zu verbreiten, darf nicht aufgehen“, erklärte „SZ“-Politikchef Heribert Prantl. „Man darf sich nicht zum nützlichen Idioten von terroristischen Verbrechern machen.“ Die Redaktion sei sich einig, die Bilder nicht zu zeigen. „Es ist ausreichend, die Verbrechen schriftlich darzulegen“, sagte Prantl.

Frankfurter Allgemeine Zeitung: „Die ,F.A.Z.‘ zeigt grundsätzlich keine sogenannten ,Schock-Bilder‘“, erläuterte eine Sprecherin. Eine Notwendigkeit, das Geschehen mit Bildern zu dokumentieren, gebe es nicht.

Tageszeitung: In der „taz“ wird weder das Video noch ein Foto der Hinrichtung auftauchen. Das gilt für Online und Print. Die Redaktion wolle „keine Form des Voyeurismus befeuern“, sagte Chefredakteur Andreas Rüttenauer. „Wir wollen sachlich über die Vorkommnisse im Irak berichten. Wir wollen uns nicht von Schockbildern … emotionalisieren lassen und so zum Instrument in deren Kampf werden.“

ARD: „Die ,Tagesschau‘ wird über die internationalen Reaktionen auf die Videoaufnahmen berichten, hieraus aber kein Bewegtbild zeigen“, sagte der Zweite Chefredakteur von ARD aktuell, Christian Nitsche. „In der Berichterstattung wird lediglich dokumentarisch ein Standbild aus dem Video gezeigt. Ausgewählt wird eine Totale, es gibt also aus dieser Szene keine Nahaufnahme des Entführten. Wir zeigen auch nicht, dass der Mann hinter dem Entführer später ein Messer in der Hand hält.“

ZDF: Die Nachrichtensendungen und Online-Angebote des ZDF werden das Video nicht zeigen –  weder ganz noch in Ausschnitten.  „Das Video verletzt in eklatanter Weise die Menschenwürde des Journalisten.“  


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