Kommentar : Schmidt-Schnauze wird fehlen

Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 2010.
Alt-Bundeskanzler Helmut Schmidt (SPD) 2010.

Der Hanseat mit der typischen Elblotsenmütze, der Kettenraucher und Weltpolitiker, hat Menschen in West- wie Ostdeutschland geprägt.

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10. November 2015, 21:00 Uhr

Die meisten Politiker genießen eine gewisse Prominenz, solange sie im Amt sind. Sobald sie ausscheiden, verliert sich der Nimbus. Irgendwann landen sie in Zeitungsrubriken wie „Was macht eigentlich...?“

Zu dieser Kategorie gehörte Helmut Schmidt nie. Der Mann mit der Elblotsenmütze, dem Schnupftabak und der nie verlöschenden Zigarette hat sich ins kollektive Gedächtnis eingebrannt. Zum einen als pragmatischer Politiker mit leicht arrogant wirkender Attitüde des Hanseaten. Als hanseatisch gilt, wer Weltläufigkeit verbindet mit Gediegenheit, Verlässlichkeit („Handschlag genügt“), Zurückhaltung sowie der Fähigkeit zur Selbstironie. Die Hamburgischen Heimatblätter sagen, dass „diese freien Bürger wirklich denselben Stolz kultivieren wie der hochmütigste Aristokrat“.

Seit 1945 Sozialdemokrat, hat die alte Arbeiterpartei mit dem Aristokraten, dessen zuweilen belehrend wirkender Habitus sein Markenzeichen war, oft gehadert. Eingebrannt hat sich der Politiker Schmidt mit Großleistungen wie dem Management der Sturmflut 1962, der unnachgiebigen Haltung im Konflikt mit der linksterroristischen Rote Armee Fraktion (RAF), die in der Ermordung des Arbeitgeberpräsidenten Hans-Martin Schleyer, aber auch der erfolgreichen Geiselbefreiung von Mogadischu 1977 gipfelte. Aber auch durch seinen Anteil an Willi Brandts Ost-Politik. Den Ostdeutschen ist sein Treffen mit Erich Honecker 1981 in der Barlachstadt Güstrow unvergesslich. Eines der Mosaiksteinchen, das die DDR-Bevölkerung auf eine Öffnung hoffen ließ.

So polarisierend Schmidt als Politiker wirkte, so befriedender und sinnstiftender betätigte er sich danach. Ein echter „elder statesmen“. Obwohl unter seinen Verdiensten auch wenig friedvolle Dinge zu finden sind. So erfand er 1975 gemeinsam mit Valéry Giscard d'Estaing den G7-Weltwirtschaftsgipfel, heute der Inbegriff eines vom Volk entrückten Spektaktels mit hohem Protestpotenzial. Zudem verschrieb er sich dem amerikanischen Wettrüstungskurs, um den „Ostblock“ in die Knie zu zwingen. Doch als „freier Bürger“ wurde er zusehends zum kritischen Begleiter und Ratgeber aktueller Politik. So warb er im Ukraine-Konflikt für die russische Position und rügte die EU-Strategie.

Ohne ihn zu ikonisieren: Helmut Schmidt war authentisch. Einer mit Ecken und Kanten, der sich vom Mainstream nicht beirren ließ. Ein charismatischer Staatsmann, der auch unpopuläre Entscheidungen besonnen durchsetzte. Ein Mensch von Format, der gebraucht würde in dieser Zeit großer gesellschaftlicher Herausforderungen. Das ist sein Erbe für die aktive Politikergarde.

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