Der Fall Anis Amri : „Schmerz, Entsetzen und Wut“

Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstagabend den Breitscheidplatz in Berlin und legt eine weiße Rose zum Andenken an die Opfer nieder.
Knapp ein Jahr nach dem Terroranschlag besucht Bundeskanzlerin Angela Merkel am Dienstagabend den Breitscheidplatz in Berlin und legt eine weiße Rose zum Andenken an die Opfer nieder.

Wie Terror-Betroffene besser betreut werden sollen. Konsequenzen aus Anschlag auf Berliner Weihnachtsmarkt vor einem Jahr

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13. Dezember 2017, 20:55 Uhr

„Die Bundesregierung darf die Verletzten und Hinterbliebenen eines Anschlages nicht allein lassen!“ Bundesjustizminister Heiko Maas (SPD) verkündet gestern eigentlich eine Selbstverständlichkeit. Doch nach dem bislang schwersten islamistischen Terroranschlag in Deutschland vor einem Jahr auf dem Berliner Breitscheidplatz war der Staat dieser Aufgabe nicht gewachsen. Das macht der Abschlussbericht, den der Bundesopferbeauftragte Kurt Beck gestern vorgelegt hat, sehr deutlich. „Es gab Ereignisse, die sich nicht wiederholen dürfen“, prangert Beck Versäumnisse und fehlende Hilfestellung an. Angehörige seien in der Nacht von Krankenhaus zu Krankenhaus gefahren, auf der Suche nach ihren Kindern, Ehepartnern oder Eltern. Nach Obduktionen wurden den Familien Rechnungen und sogar Mahnungen geschickt. Manche hätten drei Tage auf Gewissheit warten müssen, weil die Identifizierung der Toten so lange dauerte. „Schmerz, Entsetzen und Wut“ hätten die Betroffenen darüber empfunden, so Beck.

Am Morgen hatte der Opferbeauftragte dem geschäftsführenden Kabinett einen Forderungskatalog übergeben, der nun auch rasch umgesetzt werden soll, wie Maas ankündigte. Die wichtigsten Vorschläge des 35 Seiten starken Berichtes: Eine „deutlich“ höhere Entschädigung für Hinterbliebene, die bislang für den Verlust eines Angehörigen eine Härteleistung von 10 000 Euro erhalten. Der Aufbau von zentralen Anlaufstellen für Betroffene bei Bund und Ländern sowie von Standby-Teams, die nach einem Anschlag sofort vor Ort bereitstehen sollen, „um die Menschen aufzunehmen, sie dürfen nicht herum irren“. Und Beck will sicherstellen, dass es materielle Entschädigung auch dann gibt, wenn die Tat nicht mit einem Fahrzeug verübt worden ist, was nach derzeitiger Rechtslage nicht der Fall wäre.

Der Tunesier Anis Amri war am Abend des 19. Dezember 2016 mit einem gekaperten Lastwagen in den Weihnachtsmarkt gerast, hatte zwölf Menschen getötet und fast 100 Menschen verletzt. Viele von ihnen blieben ein Leben lang versehrt, sagte Beck. Der Terroranschlag habe „unsagbares Leid“ verursacht, „das wir gar nicht bemessen können“, erklärte Maas. „Die Menschen sind stellvertretend für uns alle getroffen worden“.

Mehr Geld und mehr Hilfestellung – damit soll es jetzt ganz schnell gehen. Gestern im Bundestag wurde über einen Antrag von Union, SPD, FDP und Grünen beraten, um die Opferentschädigung zu verbessern und die Beck-Vorschläge umzusetzen.

Ein Jahr ist vergangen. Vor kurzem hatten Angehörige von zwölf Todesopfern Bundeskanzlerin Angela Merkel in einem offenen Brief Untätigkeit und politisches Versagen vorgeworfen, ihre Verbitterung gezeigt, dass sie nicht persönlich kondoliert hatte. Beck zeigte dafür Verständnis. Viele hätten eine staatliche Anerkennung ihres Leids vermisst, es gebe Nachholbedarf. Die Kanzlerin hatte am Dienstag überraschend den Weihnachtsmarkt besucht und der Opfer gedacht. Am Montagabend, dem Vorabend des Gedenkens am Tatort, trifft sie sich mit Hinterbliebenen. Am Jahrestag selbst wird das Denkmal eingeweiht – ein goldener „Riss“ in den Stufen vor der Gedächtniskirche und die ins Pflaster eingravierten Namen und Heimatländer der Todesopfer.

Tobias Schmidt

Kommentar von Andreas Herholz: Angriff auf die Freiheit

Mit dem Anschlag a hatte der islamistische Terror endgültig auch Deutschland erreicht. Ein Jahr danach werden jetzt die Erinnerungen wieder wach. Der Fall des Terroristen Amri und seiner Opfer machen wütend und fassungslos. Hier haben staatliche Institutionen eklatant versagt. Jetzt klagen Opfer an, die überlebt haben und Angehörige jener, die getötet wurden. Wo war die Kanzlerin? Wo war der Staatsakt, das Gedenken für die Opfer? Der Anschlag war ein Angriff auf die Freiheit. Er sollte die Gesellschaft verunsichern, Angst schüren und spalten. Gut, dass der Bundestag ein Jahr danach zumindest ein wenig Abhilfe schafft, für eine bessere Entschädigung sorgt mehr Unterstützung garantieren will. Der Opferbeauftragte Kurt Beck hat hier wichtige Arbeit geleistet. Sein Bericht muss Anlass dafür sein, Versäumnisse aufzuarbeiten, mehr Hilfe zu leisten und dafür zu sorgen, dass man in Zukunft besser auf solche Anschläge und die Folgen vorbereitet ist.

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