Streitbar : Schlimmer geht immer

Krieg und Zerstörung: Szenen wie diese sind oft oft in den Nachrichten vertreten.

Krieg und Zerstörung: Szenen wie diese in Alleppo sind oft oft in den Nachrichten vertreten.

Journalisten und diverse Organisationen zelebrieren die Lust am Untergang – wer gute Nachrichten verbreitet, gilt als Ketzer, analysiert Jan-Philipp Hein.

svz.de von
13. Mai 2017, 16:00 Uhr

Wenn Sie bei Google-News, da wo die Suchmaschine also Veröffentlichungen von Nachrichtenseiten thematisch gegliedert bereitstellt, den Begriff „Große Koalition“ eingeben, bekommen Sie rund 120  000 Treffer. Das ist nicht besonders viel. Die Wörter „Nordrhein“ und „Westfalen“ bringen zusammen schon etwas mehr, nämlich knapp eine Millionen Treffer. In einem Bundesland, das beide Begriffe zu einem Namen zusammenfasst, wird übrigens dieses Wochenende gewählt. Die Kombination müsste also Konjunktur haben. Ein richtiger Suchschlager ist jedoch „immer mehr“. Auf 2,6 Millionen Fundstellen verweist Google in seiner News-Sektion gerade.

Das sagt wenig über den deutschen Politikjournalismus, aber doch sehr viel über einen anderen Zweig der Branche aus. „Auch in Berlin gibt es immer mehr Reichsbürger“, „Immer mehr Kinder werden fremdbetreut“, „So geht es nicht weiter: Immer mehr Drogentote in Deutschland“. ... Schlimm, schlimm, schlimm.

Wo „immer mehr“ auftaucht, wird es meist nicht besser, sondern fast immer schlimmer. „Immer mehr“ steht für Niedergang, Verderben, Verfall und einen kontinuierlich freudloser und gefährlicher werdenden Alltag: „Unerbetene Werbung am Telefon, nicht zugestellte Pakete, tote Telefonanschlüsse: Immer mehr Verbraucher beschweren sich bei der Bundesnetzagentur“, stellte jüngst die FAZ fest. Was waren das doch für wunderbare Zeiten, als die Märkte für Paketzustellerei, Briefbeförderung und Telefonie noch keine waren, sondern von Behörden organisiert wurden. Da konnte man seine Beschwerden zwischen 9.30 und 12 sowie 15 und 18 Uhr aufgeben. Nicht jedoch Freitag- und Mittwochnachmittag.

Das journalistische Bermudadreieck zwischen Servicethemen („Hohe Gebühren – Immer mehr Kunden wechseln die Bank“, Berliner Morgenpost), Gesundheit („DAK-Studie: Immer mehr Menschen in Bayern leiden an Schlafstörungen“, Augsburger Allgemeine) und Vermischtes („Wieder tödliche Attacke – Gibt es immer mehr Hai-Angriffe?“, Bild) bedient fast ausschließlich Ängste.

Wir Medien schaffen damit die Voraussetzungen für den Erfolg einer ganzen Branche, die mit Immerschlimmerismus gute Umsätze macht und eine depressiv-regressiv-apokalyptische Grundstimmung erzeugt. Wer einschlägigen Nichtregierungsorganisationen lange genug zuhört, kann schnell in Frustration geraten. Die Lebensmittelkonzerne bringen uns laut Foodwatch, Greenpeace, Nabu, BUND & Co. demnach systematisch um, Landwirte zerstören vorsätzlich und skrupellos unsere Umwelt, generell beutet die Wirtschaft alles und jeden für ihre Profite aus und überhaupt war damals alles besser! Wirklich?

Nur wann soll das eigentlich gewesen sein? 1820 lebten über 90 Prozent der Menschheit in extremer Armut. 1910 waren es immer noch über 80 Prozent. Ab 1950 beginnt der Wohlstand auf der Welt rasant zu wachsen. Seit Beginn der 80er Jahre lebt mehr als die Hälfte der Weltbevölkerung nicht mehr in extremer Armut. Auch seitdem sinkt der Anteil extrem armer Menschen immer weiter ab. 2015 galten weniger als 10 Prozent der Erdbevölkerung als extrem arm. Was wird hier schlimmer? Und wo ist die Schlagzeile „Immer mehr globaler Wohlstand“?

Ähnlich erfreulich hat sich die Alphabetisierungsrate entwickelt. 88 Prozent der Weltbevölkerung konnten 1800 nicht schreiben und lesen. Noch einhundert Jahre später war ihr Anteil zunächst nur geringfügig auf 79 Prozent gesunken. Doch ein gutes halbes Jahrhundert später, zwischen 1960 und 1970, kippte das Verhältnis dann zugunsten derjenigen, die Schrift verstehen und sich mit ihr verständlich machen konnten. Vor drei Jahren galten schließlich nur noch 15 Prozent der Weltbevölkerung als Analphabeten. Was wird hier schlimmer? Wo ist die Zeile: „Immer mehr Menschen können lesen und schreiben“?

Ob Kindersterblickkeit (1800 starb fast die Hälfte aller Kinder vor Erreichen des fünften Lebensjahres, 2015 waren es nur noch knapp fünf Prozent), Freiheit (der Anteil der Menschen, die in Demokratien leben wird kontinuierlich größer) oder Bildung (immer mehr Menschen haben Zugang zu gehobenen Bildungseinrichtungen) – die Welt wird immer besser. Nachlesen kann man diese Kaskade guter Nachrichten und weitere Details übrigens auf der wunderbaren Website „ourworldindata.org“.

Alles fein? Natürlich nicht. Aber muss man deshalb die Verkündung des Gegenteils zum Leitmotiv der modernen Mediengesellschaft machen? Zwei Branchen sind rund um die Uhr damit beschäftigt, alles schwarz zu malen: Journalisten und Nichtregierungsorganisationen. Es ist immer kurz vor zwölf, die Meere kippen um, die Wälder sterben, das Klima wendet sich gegen uns, das Essen macht uns krank, die moderne Arbeitswelt noch mehr, Familien brechen auseinander ...

Sogar wenn sich Dinge positiv entwickeln, werden sie negativ gedeutet: Wir werden zwar immer älter, doch das mache natürlich unseren Vorsorgesystemen den Garaus, die hohe Alphabetisierungsrate habe außerdem schon so manche Kultur von ihren Wurzeln entfremdet und dass immer mehr junge Leute die Hochschulreife erreichen, legt natürlich nicht die Schlussfolgerung nahe, dass die Jugend strebsamer und zielorientierter geworden ist, sondern entwertet nur die Mittlere Reife und den Hauptschulabschluss. Alarm!

Woher die Lust am Untergang? Warum suchen wir alle das Haar in der Suppe? Dass Ängste konsequent bedient werden, hat schließlich auch mit der Erwartungshaltung des Publikums zu tun. Machen Sie mal den Test und weisen Sie beim nächsten Party-Smalltalk darauf hin, dass Atomkraft längst nicht so gefährlich ist, wie gemeinhin vermutet, dass es sich sogar um die Energieerzeugungsform handelt, die weltweit pro erzeugter Kilowattstunde die wenigsten Todesopfer fordert und dass der Super-Gau in Fukushima genau kein einziges Todesopfer nach sich zog – die rund 20  000 toten Japaner des schrecklichen Tages, der hier nur mit einem Atomunfall assoziiert wird, gehen allesamt auf das Konto eines Erdbebens und des daraus resultierenden Tsunamis. Den Rest der Party, auf der sie das zum Besten geben, werden sie allein am Buffet verbringen dürfen. Wer gute Nachrichten verbreitet, muss sich fühlen wie vor Jahrhunderten Ketzer. Nur die Strafen sind mittlerweile etwas weniger drakonisch.

Natürlich gibt es Verharmloser, die nicht nur die Rolle des Menschen beim Klimawandel bestreiten, sondern ihn sogar gänzlich leugnen. Natürlich gibt es naive Spinner, die organisierte Bandenkriminalität als eine logische und verständliche Reaktion von Leuten abtun, die in ihrer Kindheit unfair behandelt wurden und ja: verdammt vielen Leuten auf der Welt geht es verdammt schlecht. Alles richtig.

Nur: Muss deshalb eine Stimmung erzeugt werden, die dazu führt, dass ältere Damen nicht mehr das Haus verlassen wollen, aus Angst davor, irgendeiner Zivilisationsgefahr – UV-Strahlung, Feinstaub oder Gentechnik – zum Opfer zu fallen? Eher nicht. Vertrauen wir besser nicht jeder Horrorstatistik, sondern erfreuen wir uns doch einfach mal daran, zu der Generation auf Erden mit der höchsten Lebenserwartung, der besten Lebensmittelversorgung und dem besten Gesundheitssystem aller Zeiten zu gehören.


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