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Ost-Ukraine : „Schlimmer als in der Hölle“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Die Menschen im Donbass glauben kaum noch an eine dauerhafte Waffenruhe – viele sind geflohen und stehen vor dem Nichts

„Der Krieg zehrt einen aus“, seufzt Tatjana. Sie nimmt einen Zug an ihrer Zigarette. „Ich bin 52 Jahre alt. Aber ich weiß, ich sehe viel älter aus.“ – Ihre klaren, blauen Augen gehen ins Leere, sie lächelt milde. „Ich habe abgenommen. Tagelang hatte ich oft nicht mehr zu essen als nur ein Stück Brot.“

Am Bahnsteig Nummer drei in der ostukrainischen Stadt Slowjansk haben Tatjana und anderen Flüchtlinge dicht zusammengedrängt in Eisenbahnwaggons Unterschlupf gefunden. Seit die Kämpfe zwischen der ukrainischen Armee und den prorussischen Separatisten in den vergangenen Wochen immer härter und erbitterter geführt wurden, sind Tausende aus den Kriegsgebieten geflohen. Die friedlichen Gebiete, wie das von den Ukrainern kontrollierte Slowjansk, sind mit dem Flüchtlingsstrom überfordert.

Es gibt keinen Strom, kein fließendes Wasser und schon gar kein Fernsehen oder Internet. Vom Friedensabkommen in Minsk und der vereinbarten Waffenruhe haben hier die wenigsten gehört. Und selbst wenn die Waffenruhe halten sollte: Die Häuser und Wohnungen der meisten Menschen, die hierher geflohen sind, sind zerstört. Sie stehen vor dem Nichts.

Tatjana stammt aus Horliwka im Verwaltungsbezirk Donezk. Die Stadt wird von den prorussischen Separatisten kontrolliert, auch dort tobt der Krieg. Irgendwann hielt es Tatjana nicht mehr aus – und sie floh. Allerdings ohne ihren Sohn, der ist geblieben. Um nicht zum ukrainischen Heer eingezogen zu werden, wie Tatjana sagt. „Ich weiß nicht, ob ich meinen Sohn jemals wiedersehen werde.“

Die Chancen auf eine wirkliche Waffenruhe sind wieder gesunken, der Friedensplan, den die Parteien ausgehandelt hatten, hängt am seidenen Faden. Harte Kämpfe toben insbesondere um die strategisch wichtige Stadt Debaltsewo. Die Ukraine beschuldigt die Separatisten inzwischen, die Waffenruhe zu brechen. Die ukrainische Armee spricht von 31 Angriffen der Separatisten, fünf ukrainische Soldaten sollen getötet worden sein. Die Ukrainer wollen ihre schweren Waffen nun vorerst nicht wie eigentlich vereinbart aus dem Osten des Landes zurückholen.

Auch in der nahe gelegenen Stadt Kramatorsk will keiner so recht an den Frieden glauben. Nur Stunden, bevor in Minsk der Waffenstillstand vereinbart wurde, wurden in Kramatorsk 17 Menschen durch Kassettenbomben getötet. Die Stadt galt bisher als relativ sicher. Das hat sich nun geändert. Anstatt auf einen Frieden zu hoffen, werden in Kramatorsk neuerdings wieder Bombenkeller inspiziert. Kramatorsk fiel wie Slowjansk im vergangenen Frühling an die Separatisten, die Städte wurden aber im Sommer von der ukrainischen Armee zurückerobert. Das Trauma der vergangenen Tage hängt tief über Kramatorsk. „Sie töten uns – jeden Tag. In den Bussen, in den Geschäften, in den Kindergärten und in unseren Wohnungen. Sie bringen uns sogar um, wenn wir auf den Friedhof gehen, um uns von denen zu verabschieden, die gestorben sind“, sagt ein Redner bei einer Gedenkveranstaltung für die Opfer. Es ist bitterkalt, Frauen legen Rosen auf das Denkmal des ukrainischen Dichters Taras Schewtschenko.

Nicht mehr als 200 Menschen sind zur Trauerfeier gekommen. Im Hintergrund blitzt die Lenin-Statue im kalten Wintermorgen. Die ukrainische Nationalhymne donnert aus den Lautsprechern, wenige Meter weiter patrouillieren ukrainische Milizen mit Sturmgewehren.

In Kramatorsk fühlen sich mittlerweile selbst die Flüchtlinge, die weiter aus dem Osten geflohen sind, nicht mehr sicher. In einem Flüchtlingsheim, das vom UN-Flüchtlingskommissariat UNHCR unterstützt wird, packen bereits die ersten Familien ihre Sachen. Sie werden weiter nach Westen, in die Städte Charkiw und Lemberg, gebracht. „Wir rechnen mit dem Schlimmsten“, sagt Helferin Jelena, die Säcke mit Kartoffeln und Zwiebeln an die bedürftigen Flüchtlinge verteilt. „Wir treffen gerade die ersten Vorkehrungen, um alle Flüchtlinge zu evakuieren.“


Der Junge war nicht schnell genug


Auch 50 Kilometer weiter südöstlich gehört der Krieg zum Alltag. Artjomowsk ist die Frontstadt auf ukrainischer Seite, die nur noch wenige Kilometer vom Frontverlauf entfernt ist und schon hinter den Checkpoints der ukrainischen Armee liegt. Dumpfes Grollen der schweren Artillerie rollt seit Wochen durch die 77 000-Einwohner-Stadt.

Auch über Artjomowsk hängt der Schleier des Todes: „Es war eine Serie von Explosionen, nicht nur eine Explosion“, erinnert sich Natalja Jurjewna mit zittriger Stimme. Sie ist Direktorin jener Schule, in deren Nähe ein siebenjähriger Junge am Freitag von einer Rakete getroffen wurde. Rund um die Schule lesen Helfer die letzten Reste der zerborstenen Fenstergläser auf. „Er hat noch versucht, sich in Sicherheit zu bringen – aber er war einfach nicht schnell genug.“

Seit Sonntag Mitternacht sind zumindest die dumpfen Explosionen verstummt, die Artjomowsk seit Wochen in Angst und Schrecken versetzt haben. Dass der vereinbarte Waffenstillstand tatsächlich den erhofften Frieden bringt, glauben hier allerdings die wenigsten. Viel mehr als eine kurze Verschnaufpause, bis die Kämpfe wieder so richtig aufflammen, sei das nicht.

„Ich bin so verunsichert, wie das alles weitergeht und was ich tun soll“, sagt Julia, eine junge Frau, die ihre Tochter im Kinderwagen vor sich her schiebt. „Sollen wir unser Zuhause aufgeben und woanders hinziehen? Wie geht es weiter?“

Mit jeder Gewehrsalve und leeren Versprechungen ist hier das Vertrauen in die Politik weiter gesunken. „Krieg – das ist doch nur ein Geschäft für ein paar Politiker, und wir müssen dafür den Kopf hinhalten!“ schimpft Wladimir, ein Sportlehrer in Artjomowsk.

Es ist dunkel geworden am Bahnhof von Slowjansk. Tatjana sitzt am Fenster des Großraumwaggons und blickt lethargisch in den Abendhimmel. Im Hintergrund schreien Kinder, schimpfen Männer, weinen Frauen. Es sind Geschichten von zerbombten Häusern, entzweiten Familien und entsetzlicher Ohnmacht.

„Ich habe zwei Häuser in Debaltsewo“, sagt ein alter Mann mit heiserer Stimme. „Sie wurden beide zerstört.“ „In Debaltsewo ist es schlimmer als in der Hölle“, sagt die Frau im Verschlag nebenan. Es ist eine ungewisse Zukunft, in die die Flüchtlinge von Slowjansk blicken.

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