Sanfte Töne bei Chodorkowski statt Hass

Genscher bereitete Freilassung des Kremlkritikers bei Treffen mit Putin vor

svz.de von
23. Dezember 2013, 00:34 Uhr

Draußen vor der Tür werden russische Pelzmützen von fliegenden Händlern verkauft und Erinnerungsfotos am Checkpoint Charlie gemacht. Die eigentliche Attraktion gibt es an diesem Sonntagmittag aber hinter den Türen des Mauermuseums an der Berliner Friedrichstraße: Michail Chodorkowsi, Ex-Öl-Milliardär und prominentester Ex-Häftling Russlands gibt seine erste Pressekonferenz nach der Amnestie. Der Tag der Abrechnung mit Widersacher Putin? Der einstige Chef des größten russischen Ölkonzerns Jukos war in zwei Verfahren wegen Steuerhinterziehung verurteilt worden, nachdem er sich mit seiner Stiftung „Offenes Russland“ für Freiheit und Demokratie engagiert hatte. Pläne, in die Wirtschaft zurückzugehen habe er nicht, direkt politisch tätig werden will der Putin-Kritiker Nummer eins auch nicht. Trotz eher sanfter Töne ist der ganze Auftritt hoch politisch.

Hunderte Medienvertreter aus aller Welt sind gekommen, der Saal ist übervoll und gegen die Tür drängen Schaulustige, kreischend und klopfend. Alexandra Hildebrandt, Leiterin des Mauermuseums und auch der Pressekonferenz, hat Mühe, Chodorkowski unbeschadet zum Podium zu bringen. Chodorkowski, frisch ausstaffiert in Anzug, blauer Krawatte und weißem Hemd, ist die Ruhe selbst. Bescheiden und doch souverän, demütig, aber auch witzig und sehr diplomatisch präsentiert er sich. Dank an Ex-Außenminister Hans-Dietrich Genscher, der die Strippen gezogen, sich bei Putin für die Haftentlassung eingesetzt hatte, Dank auch an Kanzlerin Angela Merkel.

Er bittet um Verständnis, dass er nicht „zu ausführlich auf Details eingehen“ könne, denn: „Nach wie vor sind Freunde von mir im Gefängnis.“ So viel wird klar: Chodorkowski möchte sich für die Freilassung politischer Gefangener engagieren. Die Angst vor Repressalien ist da: Er habe „keine Wahl“ gehabt, als nach der Freilassung Russland zu verlassen. Schließlich könne er nicht sicher sein, ob ihm dort nicht doch ein weiteres Mal der Prozess gemacht werde. Nun also erst einmal Berlin, wo er gestern seine Eltern getroffen hat und wohin seine Frau Inna aus der Schweiz heute kommen will. Sein Geld reiche allemal zum Leben, Fußballclubs werde er aber nicht kaufen, scherzt Chodorkowski. Der einstige Oligarch und Milliardär dürfte weiterhin Multimillionär sein. Nach seiner Ankunft in Berlin ging es ins Nobelhotel Adlon am Brandenburger Tor, wo der Mann mit der Gefangenen-Kurzhaarfrisur logiert. Um zwei Uhr nachts am Freitagmorgen habe ihn der Chef des Lagers in Senescha nahe der finnischen Grenze geweckt und gesagt, „dass ich nach Hause fahren kann“. Auf dem Weg zum Flughafen St. Petersburg habe er erfahren, dass es nach Berlin gehe. Eine Cessna des deutschen Unternehmers Ulrich Bettermann hatte Ex-Außenminister Genscher organisiert.

Im politischen Teil des Frage-und-Antwort-Spiels ist er diplomatisch-zurückhaltend. Die Olympiade im russischen Sotschi boykottieren? „Dieses Fest für Millionen Menschen würde ich nicht verderben“, ist Chodorkowski offenbar nicht der Meinung von Bundespräsident Joachim Gauck. Hass auf Putin? Nein, er habe schließlich festgestellt, dass man „menschlich gegenüber meiner Familie“ gehandelt habe. Daher sei er nun „pragmatisch“. Dafür wird er beim Thema Ukraine deutlich, wünscht „von ganzem Herzen“ Ex-Regierungschefin Julia Timoschenko, dass sie bald freikommt. Wie lange werde sich Putin wohl noch an der Macht halten? Wieder überlegt Chodorkowski: Die russischen Gesetze erlaubten es dem Präsidenten „weitere zehn Jahre“, wenn er gewählt würde. Putin selbst habe gesagt, er wolle kein Präsident auf Lebenszeit sein: „Und ich hoffe, dass er seine Meinung diesbezüglich nicht ändert.“

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