Risiko Pflegebedürftigkeit

Hintergründe zum Pflegereport und zu den finanziellen Belastungen für Angehörige

svz.de von
19. Dezember 2013, 00:35 Uhr

Die Zahl der Pflegebedürftigen hat mit 2,5 Millionen einen neuen Höchststand erreicht, doch bis zum Jahr 2050 werden die Zahlen weiter steigen: 4,5 Millionen werden dann auf Hilfe angewiesen sein, in den eigenen vier Wänden oder in einem Pflegeheim. Die Barmer GeK warnt in ihrem gestern in Berlin vorgestellten Pflegereport davor, dass Betroffene und Angehörige einen immer größeren Teil der Kosten selbst tragen müssen – trotz Pflegeversicherung. Christoph Slangen beantwortet die wichtigsten Fragen zum Thema und den finanziellen Risiken.

Wie viele Menschen

sind pflegebedürftig?
Im Schnitt werden jeder zweite Mann und zwei von drei Frauen in Deutschland pflegebedürftig. Der Anstieg der Zahl der Pflegebedürftigen auf nunmehr insgesamt 2,5 Millionen wird allein auf die Veränderung der Alterstruktur zurückgeführt.

Im Jahr 2011 wurden knapp 1,5 Millionen pflegebedürftige Frauen über 60 Jahre gezählt sowie rund 680 000 Männer dieser Altersklasse. Die Männer, die zwischen 2009 und 2011 in Heime gingen, waren im Schnitt 78,9 Jahre alt, Frauen knapp 82,5 Jahre.


Werden Pflegeheime

zu Sterbeheimen?
Die Forscher des Zentrums für Sozialpolitik der Universität Bremen verneinen diese These: Dagegen spricht, dass sich das Alter bei Eintritt in den vergangenen Jahren nur geringfügig erhöht hat. Zudem ist die Überlebensdauer bei Frauen unverändert und bei Männern sogar leicht steigend. Vor allem sind die Senioren, die ins Pflegeheim gehen, häufiger fitter als noch vor einigen Jahren:

Wie teuer wird

die Pflege?
Insgesamt belaufen sich die Pflegekosten, die aus eigener Tasche bezahlt werden, bei Frauen auf 45 000 Euro, bei Männern auf 21 000 Euro. Die Pflegeversicherung ist von vorne herein als Teilkasko-Modell angelegt gewesen. Da die Leistungen seit dem Start (ambulant 1995, stationär 1996) zunächst bis 2008 nicht angehoben wurden, danach nur teilweise, vergrößert sich die Lücke, die Betroffene, Angehörige oder der Staat schließen müssen.

Im Jahr 1999 wurden für stationäre Pflege bei Pflegestufe I 2062 Euro Kosten fällig. Die Pflegeversicherung übernahm mit 1023 Euro nahezu die Hälfte. 1039 Euro betrug der Eigenanteil.

Im Jahr 2011 gab es weiterhin 1023 Euro von der Versicherung, doch die Kosten waren auf 2403 Euro gestiegen. Der Eigenanteil erhöhte sich so auf 1380 Euro. In der höchsten Pflegestufe III lag 2011 der Eigenanteil bei 1802 Euro gegenüber 1510 Euro Eigenleistung. Rechnet man die Kosten für Unterkunft/Verpflegung und die Investitionskosten aus dem Pflegesatz heraus, bleibt immer noch ein beachtlicher monatlicher Eigenanteil: Im Jahr 2011 waren es in Pflegestufe I 346 Euro, in Stufe II 532 Euro und in Stufe III 768 Euro.

Für 2015 werden diese Kosten auf 392 Euro in Stufe I, 592 Euro in Stufe II und 787 Euro in Stufe III geschätzt.


Welche private

Vorsorge gibt es?
Schwarz-Gelb hat den „Pflege-Bahr“ eingeführt, eine staatlich geförderte private Vorsorge, bei der es bei 10 Euro Monatsmindestbetrag fünf Euro staatliche Förderung gibt. Geförderte Policen müssen mindestens 600 Euro bei Pflegebedürftigkeit in Stufe III auszahlen, bei geringerer Pflegebedürftigkeit weniger. Nach elf Monaten hieß es, dass bereits mehr als 270 000 Verträge abgeschlossen worden seien, im kommenden Jahr die Marke von einer Million überschritten werden soll.

Was plant die

neue Bundesregierung?
Der Pflegebeitragssatz soll um 0,5 Prozentpunkte bis zum Ende der Legislaturperiode erhöht werden. 0,1 Prozentpunkte davon sollen in den Aufbau einer finanziellen Rücklage fließen, sodass die Pflegeversicherung ab etwa 2035, wenn die geburtenstarken Jahrgänge zunehmend in das Alter kommen, in dem Pflegebedürftigkeit ansteht, aus den Fondsreserven der Beitragssatz im Zaum gehalten werden kann.

Die Wissenschaftler, die den Pflegereport erstellt haben, halten das Konzept für unausgereift: Werde das Geld bis 2055 ausgegeben, sei der Fonds leer, wenn die Zahl der Leistungsempfänger am höchsten ist.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen