Streitbar: Digitaler Zahlungsverkehr : Rettet das Bargeld!

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Erst verlieren große Scheine ihren Wert, dann wird das digitale Bezahlen zur Pflicht. Doch was bequem ist, kostet den Bürger Freiheit und wohl auch Ersparnisse.

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04. Juli 2015, 16:00 Uhr

Wer sich an Scheine und Münzen klammert, sollte sich das Bargeld unter dem Mikroskop anschauen: Keime und Bakterien wuseln wild und ekelig durcheinander. Das Bezahlen mit einer Geldkarte oder dem Smartphone ist dagegen sauber, schnell und sicher. Hier werden keine Krankheitserreger transportiert.

Dies ist nur ein Argument, mit dem uns die Verächter des Bargeldes von den Vorzügen des digitalen Bezahlen überzeugen wollen. Mehr Hygiene gleich mehr Gesundheit. Oder um die alten Römer (pecunia non olet) zu widerlegen: Geld stinkt eben doch! Das müsste die störrischen Deutschen doch zur Einsicht bewegen. Noch sträuben sie sich beharrlich. Drei von vier Bundesbürgern sind strikt dagegen, dem dänischen Vorbild zu folgen. Dort werden Geschäfte, Tankstellen und Cafés ab Januar von der Pflicht befreit, Münzen und Scheine annehmen zu müssen. Die staatsgläubigen Skandinavier wollen Vorbild sein bei der Abschaffung des Bargeldes. Die Zentralbank in Kopenhagen hat bereits angekündigt, ab 2016 den Druck von Banknoten und die Prägung von Münzen einzustellen.

Peter Bofinger, der auf Wunsch der Gewerkschaften im Rat der „Wirtschaftsweisen“ sitzt, führt die Riege der Fürsprecher an. „Münzen und Scheine sind ein Anachronismus. Ihr Gebrauch erschwert den Zahlungsverkehr ungemein,“ behauptet der Würzburger Ökonomie-Professor. Es entstünden hohe Kosten und es gehe Zeit verloren, „wenn Leute vor Ihnen an der Ladenkasse nach Kleingeld suchen und die Kassiererin nach Wechselgeld“. Auch der teure Transport mit Sicherheitsfahrzeugen und die ständige Vorratshaltung fielen weg, wenn die Kunden nur noch mit Karte oder Handy bezahlen.

Wichtiger sei jedoch ein anderer Vorteil des Bargeld-Verbots: „Es kann helfen, die Märkte für Schwarzarbeit und Drogen auszutrocknen.“ Damit bringt Bofinger das Hauptargument der Anti-Cash-Kampagne auf den Punkt: Die Bekämpfung der Kriminalität. Wo kein Bargeld ist, kann keines gestohlen werden. Also gebe es keine Banküberfälle mehr, weniger Einbrüche und Straßenraub. Illegalen Geschäften, die mit Schwarzgeld bezahlt werden, würde der Boden entzogen. Geldwäsche und Steuerhinterziehung würden erschwert.

Vordergründig stellen sich die deutschen Geldverwalter auf die Seite der Bedenkenträger. „Restriktionen in der Bargeldhaltung lehnt die Bundesbank ab,“ beteuert Carl-Ludwig Thiele, der im Vorstand für den Zahlungsverkehr zuständig ist. Auch der Bankenverband stellt sich auf die Seite der Mehrheit ihrer Kunden: „Auch wenn sich die Forderung nach Abschaffung des Bargeldes ökonomisch begründen lässt, geht sie doch weitgehend an der Realität vorbei.“ Wirklich?

Formal ist ein Bargeld-Verbot in Deutschland gar nicht möglich. Paragraf 14 im Bundesbankgesetzt schützt Münzen und Noten ausdrücklich: „Auf Euro lautende Banknoten sind das einzige unbeschränkte gesetzliche Zahlungsmittel.“ Im Wesentlichen heißt das: Schulden kann man nur mit Geldscheinen bezahlen. Diese müssen angenommen werden. Überweisungen, Kartenzahlungen und andere nicht-bare Formen sind nur „Ersatzhandlungen“. Niemand kann einen Gläubiger zwingen, Schecks, Überweisung oder Kartenzahlung anzunehmen. Rechtlich gesehen ist also die Stellung des Bargeldes stark. Doch grau ist alle Theorie. Entgegen den offiziellen Treuebekundungen wird Münzen und Scheinen auch in Deutschland der Boden entzogen. Das geht nicht von heute auf morgen, sondern vollzieht sich schleichend. Hierzu einige Beispiele:

  • Versuchen Sie einmal, Ihre Steuerschuld in bar zu begleichen: Es gibt keine Finanzkasse, bei der man einbezahlen kann. Selbst der Staat verstößt gegen das eigene Bundesbankgesetz.
     
  • Handwerkerrechnungen oder Einkäufe werden vom Finanzamt nur anerkannt, wenn diese mit einem Überweisungsbeleg dokumentiert werden. Barzahlung steht unter Schwarzgeldverdacht.
     
  • Wer bei einer Bank oder Sparkasse mehrfach höhere Summen einbezahlt oder abhebt, bekommt möglicherweise bald Besuch von der Steuerfahndung: Computer überwachen alle Zahlungsvorgänge und schlagen bei „Auffälligkeiten“ Alarm. So soll der Geldwäsche vorgebeugt werden.
     
  • Diesem Verdacht setzt sich auch aus, wer größere Anschaffungen wie etwa ein Auto oder gar eine Immobilie bar bezahlen möchte. Nur noch Gangster ziehen dicke Geldbündel lässig aus der Hosentasche.
     
  • Tankstellen und viele Geschäfte weisen mit Aufklebern darauf hin, dass 200- und 500-Euro-Scheine „leider nicht angenommen werden können“. Aus Sicherheitsgründen verstoßen sie gegen das Bargeldgebot.
     
  • In vielen europäischen Ländern gibt es schon heute strikte Bargeldgrenzen. Frankreich folgt dem Beispiel Italiens und erlaubt ab September nur noch maximal 1000 Euro in cash. Belgien verringert die Bargeldsumme für Waren und Dienstleistungen von 5000 auf 3000 Euro. In Spanien liegt das Limit bei 2500 Euro. In Schweden macht der Staat regelrecht Stimmung: „Bargeld braucht nur noch deine Oma – und der Bankräuber“ oder „Bargeld ist das Blut in den Adern der Kriminalität“.

So stirbt das Bargeld still und leise. Erst die großen Scheine – und irgendwann geht’s ans Kleingeld. Drei Entwicklungen beschleunigen diesen Trend:

  • Einmal ist der Hang zum Bargeld eine Altersfrage. Je jünger, desto größer die Bereitschaft, die Karte oder das Smartphone zu ziehen. Selbst die Discounter wollen nun Kreditkarten akzeptieren, nachdem die EU die Transaktionsgebühr auf 0,3 Prozent gedeckelt hat.
     
  • Gewaltige Unterstützung für diese Strategie kommt aus den USA: Mit Google und Apple steigen zwei große Player im Internet ins Geldgeschäft ein. „Google Wallet“, „Android Pay“ und „Apple Pay“ sollen dem mobilen Bezahlen einen kräftigen Schub geben. Ihre größten Pfunde sind Bequemlichkeit und Datenkompetenz: Man hält einfach sein Smartphone an die Kasse – und fertig.
     
  • Zum mächtigen Feind des Bargeldes baut sich zudem die Europäische Zentralbank auf. Denn ihre Macht beruht auf dem Buchgeld. Das lässt sich leichter steuern und beeinflussen, wie man an der Zinspolitik sieht: Nur auf Buchgeld lassen sich Negativzinsen berechnen.

Renommierte US-Ökonomen wie Kenneth Rogoff und Lawrence Summers (beide lehren in Harvard) sprechen die eigentliche Absicht dahinter offen aus: Wenn es kein Bargeld mehr gibt, dann können die Zentralbanken leichter Strafzinsen auf Sparguthaben beim gewöhnlichen Volk durchsetzen. Denn dann haben die Bürger keine Ausweichmöglichkeit mehr, weil sie sich dem Druck des Staates nicht mehr durch Bargeldabhebungen entziehen können. Der gefürchtete Sturm auf die Banken bliebe aus. Die Griechen erleben gerade, wie wichtig Geldautomaten für das Überleben sind.

Das Engagement der amerikanischen Datenkraken verdeutlicht jedoch die größte Gefahr, die mit der Abschaffung des Bargeldes verbunden ist: Jeder noch so kleine Bezahlvorgang wird registriert und kann mit anderen Daten zu einem Profil verknüpft werden. Ohne Bargeld bleibt nichts mehr geheim. Früher oder später erfahren Krankenkasse und Versicherung, wer zu viel Alkohol oder andere Genussmittel kauft. Ob an der Theke oder beim Psychiater. Ort, Zeit und Summe lassen sich zur Timeline des Lebens zusammenfügen. Dann gibt es den „gläsernen Bürger“ tatsächlich. Weder vor Ehepartner noch Finanzamt bleiben Zahlungen geheim.

Die Argumente gegen das Bargeld sind wenig stichhaltig. Den Bankraub organisieren heute Cyberkriminelle, die im sicheren Ausland sitzen. Wer weiß, wie man Kreditkarten ausspäht, findet auch Wege, Smartphones zu manipulieren und Konten leerzuräumen. Dass in Ländern wie Italien mit strikter Bargeldbegrenzung die Kriminalität zurückgegangen wäre, hat auch noch niemand behauptet. Im Gegenteil: Die Mafia nutzt das Darknet, um noch bequemer Waffen oder Drogen zu verschieben. Bezahlt wird mit Bitcoins, einem digitalen Zahlungsmittel, das ebenso anonym wie manipulierbar ist.

Zwei weitere Einwände werden von Kritikern erhoben: Die „digitale Börse“ verführt zum Schuldenmachen. Vor allem Jugendliche verlieren schnell den Überblick über ihre Ausgaben, wenn sie die Beträge nicht jedes Mal hinblättern müssen und selbst sehen, wann im Portmonee Ebbe herrscht. Auf ein weiteres Kostenrisiko macht ausgerechnet Björn Eriksson, der die schwedischen Sicherheitsunternehmen vertritt, aufmerksam: „Mit einem digitalen Geldsystem lässt sich für die Betreiber Geld verdienen.“ Bequemlichkeit kostet also. Volkes Stimme hat dies schon immer geahnt und die Lebensweisheit geprägt: „Nur Bargeld lacht!“ Das heißt im Umkehrschluss: Ohne Bargeld lachen andere.

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