Altersarmut steigt : Rentenalarm im Wahlkampf

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Jobs im Wandel, Arbeitsbiografien voller Brüche: Laut einer Studie droht ein dramatischer Anstieg der Altersarmut

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26. Juni 2017, 20:45 Uhr

Wirtschaftsexperten warnen vor zunehmender Altersarmut in Deutschland. „Wir brauchen weitere Reformen für den Ruhestand: Wenn die Babyboomer-Generation in Rente geht, könnte es zu einem bösen Erwachen kommen“, erklärte Aart De Geus, Chef der Bertelsmann-Stiftung, die nun eine neue Studie zum Thema vorgelegt hat. Sind Millionen Menschen in Deutschland von Altersarmut bedroht? Hintergründe zur Debatte über die neue Rentenstudie und über längeres Arbeiten von Rasmus Buchsteiner:

Was sagen die Experten voraus?
Wer Mitte 40 ist, ist stärker von Altersarmut gefährdet als heute 65-Jährige, so ein zentraler Befund der neuen Renten-Studie. 20 Prozent der Neurentner werden demnach im Jahr 2036 von Altersarmut bedroht sein. Zuletzt waren es 16 Prozent. Als armutsgefährdet gilt gegenwärtig, wer weniger als 958 Euro netto im Monat zur Verfügung hat. Im Jahr 2036 wären demnach sieben Prozent der Neurentner auf die staatliche Grundsicherung im Alter angewiesen. 2015 waren es 5,4 Prozent.

Worauf führen die Forscher die Entwicklung zurück?
Vor allem auf zwei Faktoren: Erstens, die gestiegene Verbreitung von Minijobs, Leiharbeit, Werkverträgen etc., von Niedriglohnjobs und unterbrochenen Erwerbsbiografien mit Phasen der Langzeitarbeitslosigkeit. Und zweitens die Tatsache, dass private Altersvorsorge das Absinken des Rentenniveaus bisher nicht ausgleichen könne.

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Wer ist am stärksten von Altersarmut gefährdet?
Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Niedrigqualifizierte. Die Grundsicherungsquote alleinstehender Frauen steigt laut Studie bis 2036 auf fast 28 Prozent (2015: 16 Prozent), bei Langzeitarbeitslosen auf 22 Prozent (2015: 19 Prozent). Den Experten zufolge wird der Anteil derer wachsen, die im Alter auf staatliche Stütze angewiesen sind, im Osten deutlich stärker als in den alten Bundesländern.

Hilft eine Erhöhung des Rentenniveaus gegen Altersarmut?
Nicht unbedingt. Das Rentenniveau setzt eine Durchschnittsrente nach 45 Beitragsjahren ins Verhältnis zum aktuellen Durchschnittseinkommen. Ein sinkendes Rentenniveau bedeutet nicht, dass die Renten sinken. Sie steigen allerdings deutlich langsamer als die Löhne. Experten argumentieren: Weil Alleinerziehende, Langzeitarbeitslose und Geringqualifizierte oft geringere Rentenansprüche haben, kämen sie auch bei einem höheren Rentenniveau nicht aus der Armutsfalle.

Welche Alternativen werden diskutiert?
Zunächst einmal Maßnahmen, die beim Arbeitsmarkt ansetzen, etwa Programme gegen Langzeitarbeitslosigkeit oder solche für Frauen, die wieder Tritt fassen wollen im Beruf. Diskutiert wird auch eine Versicherungspflicht für Selbstständige, die nicht anderweitig abgesichert sind. Einen entsprechenden Vorschlag hat die SPD in ihr Wahlprogramm aufgenommen. Zuletzt hatte der Bundestag ein Gesetz verabschiedet, das einen Freibetrag von 200 Euro für Geringverdiener vorsieht. Im Klartext: Wer im Alter auf Grundsicherung angewiesen ist, darf künftig rund 200 Euro von möglichen Ansprüchen aus Betriebs- oder Riester-Rente behalten. Bislang wurde alles angerechnet. Ein weiterer Vorschlag ist die Solidarrente: eine Art Rentenaufschlag für langjährige Geringverdiener.

Hintergrund: „Das Rentensystem ist keine Kuh“

Mit Professor Bert Rürup, Rentenexperte und früherer Vorsitzender des Sachverständigenrats zur Begutachtung der gesamtwirtschaftlichen Entwicklung, sprach Rasmus Buchsteiner.

Wie kann denjenigen gezielt geholfen werden, die am stärksten von Altersarmut betroffen sind?
Die Verhinderung von Altersarmut ist meines Erachtens vorrangig eine Aufgabe des staatlichen Systems. Private oder betriebliche Zusatzvorsorge ist in Deutschland freiwillig und soll in erster Linie die gesetzliche Rente aufstocken, aber nicht Altersarmut vermeiden.

Was schlagen Sie vor?
Ein rentenpolitischer Ansatz, um das Armutsrisiko von langjährig im Niedriglohnsektor Beschäftigten zu reduzieren, wäre die Solidarrente von Andrea Nahles oder deren etwas halbherzigerer Vorläufer die Lebensleistungsrente von Ursula von der Leyen. Das Prinzip besteht darin, dass, wer  viele Jahre im Arbeitsleben bemüht war, nicht hilfsbedürftig zu sein, im Alter nicht auf die staatliche Fürsorge angewiesen sein sollte. Für Erwerbstätige sollte es eine Rente oberhalb des Niveaus der Grundsicherung geben.

Schäuble  fordert eine längere Lebensarbeitszeit, will über die Rente mit 67  hinausgehen. Ist  das – irgendwann – unvermeidlich?
Unvermeidlich ist nichts. Das Rentensystem ist keine Kuh, die im Himmel frisst und auf der Erde gemolken werden kann. Die Kosten der Bevölkerungsalterung kann man nicht wegreformieren. Man kann nur versuchen, sie ausgewogen  auf  die Erwerbstätigen, die Rentenempfänger und die Steuerzahler zu verteilen. Dazu gibt es vier Möglichkeiten: Ein höherer Beitragssatz, mehr Steuerzuschüsse aus dem Bundeshaushalt, ein geringeres Rentenniveau und das Heraufsetzen der Altersgrenze. Jede Rentenreform ist daher ein Verteilungskompromiss, und kein Ökonom der Welt kann sagen, was im konkreten Fall die beste Lösung ist.

 
Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Das System anpassen

Noch ist Altersarmut eher ein Randphänomen in Deutschland. Aber der Anteil der Menschen, deren Rente nicht zum Leben reicht, wird  deutlich steigen. Da baut sich ein Szenario auf, das die Akzeptanz für die gesetzliche Rente schwer gefährden kann. Doch gilt es, kühlen Kopf zu bewahren, und mit den richtigen Maßnahmen gegenzusteuern.

Der deutsche Arbeitsmarkt hat sich bereits dramatisch verändert: Erwerbsbiografien mit einem sozialversicherungspflichtigen Job im selben Unternehmen bis zum Renteneintritt sind zur Ausnahme geworden. Die Digitalisierung dürfte in den nächsten Jahren unweigerlich zu weiteren Verschiebungen führen. Die gesetzliche Rentenversicherung, die auf langjährige Vollzeit-Arbeitnehmer ausgelegt ist, mag jetzt zwar noch stabil sein und über Milliarden-Rücklagen verfügen. Doch es gilt die Zeichen der Zeit zu erkennen, das System anzupassen, ohne seine Grundprinzipien völlig außer Kraft zu setzen. Wer über Jahrzehnte hinweg gearbeitet hat, aber wegen geringerer Entlohnung mit seinen Ansprüchen nicht über Grundsicherungs-Niveau hinauskommt, verdient einen Bonus. Auf die Politik wartet viel Renten-Arbeit in der nächsten Legislaturperiode.

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