zur Navigation springen

9000 Tonnen Opium : Rekordernte von Schlafmohn in Afghanistan

vom

Fast doppelt so viel Opium wie 2016 hat Afghanistan, weltgrößter Drogenexporteur, in diesem Jahr produziert. Das zeigt, wie massiv die islamistischen Taliban ihre Kontrolle über das Land ausgebaut haben. Es zeigt auch das Versagen der internationalen Gemeinschaft.

svz.de von
erstellt am 15.Nov.2017 | 12:48 Uhr

Afghanistan verzeichnet in diesem Jahr mit geschätzten 9000 Tonnen Opium die größte Schlafmohnernte seiner Geschichte. Das seien 87 Prozent mehr als im vergangenen Jahr, heißt es in einem Bericht des Büros der Vereinten Nationen für Drogen- und Verbrechensbekämpfung (UNODC) in Kabul.

Schlafmohnpflanzen, die Basis für Opium aber auch andere Rauschgifte wie Heroin sind, wuchsen demnach auf rund 328.000 Hektar. «Dieses Ausmaß an Schlafmohn-Anbau ist ein neuer Rekord und übertrifft die vorherigen Höchstwerte aus dem Jahr 2014 - 224.000 Hektar - um 104.000 Hektar oder 46 Prozent», schreiben die Autoren. Gleich nach der Ernte - noch vor der Weiterverarbeitung - ist diese Ernte nach Ansicht der UN bereits 1,4 Milliarden Dollar wert.

Besonders stark - um 79 Prozent - sei der Schlafmohnanbau in der südafghanischen Provinz Helmand angestiegen, heißt es in dem neuen Bericht weiter. Helmand ist eine Hochburg der Taliban. Viel mehr Schlafmohn gab es zum Beispiel aber auch in der nordafghanischen Provinz Balch, wo die Bundeswehr mit einem großen Feldlager stationiert ist. Hier fanden die Beobachter der UN fast fünf Mal so viel Schlafmohn wie 2016. Insgesamt wird Schlafmohn nun in 24 der 34 Provinzen angebaut. Vernichtet wurden landesweit nur rund 750 Hektar.

Ein Grund für die explosionsartige Expansion des Schlafmohns ist der Konflikt mit den Taliban, der sich seit Ende der Nato-Kampfmission im Dezember 2014 in einen Krieg ausgewachsen hat. Die Taliban kontrollieren oder beeinflussen nach Angaben des US-Militärs heute wieder rund 13 Prozent des Landes. Etwa 30 Prozent sind umkämpft.

Die UN sahen in einer Analyse aus dem Mai zu den sozio-ökonomischen Umständen des Opium-Booms die meisten Anbaugebiete in Gegenden, in denen es weniger Regierungsleistungen wie Bildung oder Gesundheitsversorgung gibt, weniger Sicherheit und damit weniger Zugang zu Märkten, um andere Produkte verkaufen zu können.

Gleichzeitig sind vor einigen Jahren neue Pflanzensorten aufgetaucht, die mehrere Ernten pro Jahr möglich machen. Haschim Alokosai, ein Senator aus Helmand, bestätigt, «dass es in einigen Gegenden von Helmand mittlerweile drei Ernten pro Jahr gibt». Gleichzeitig werden mehr Drogen jetzt gleich im Land produziert und nicht mehr exportiert. Alokosai, aber auch Ermittler der Anti-Drogen-Polizei sagten der Deutschen Presse-Agentur, dass es vor allem im Süden und Westen mittlerweile große Heroinfabriken gebe.

Der Hauptverdiener am Geschäft sind die Taliban, die die wachsenden Anbauflächen in ihren Gebieten besteuern und für den Schmuggel Schutzgelder nehmen. Das macht die afghanischen Aufständischen zu Narkofürsten mit mehr Mitteln für Waffen und Soldatengehälter. Nach Angaben des UN-Sicherheitsrats haben sie 2016 etwa die Hälfte ihres Einkommens aus den Drogen bezogen - bis zu 400 Millionen Dollar. Sie sollen zunehmend auch selber Drogen produzieren, zum Beispiel Heroin.

Der neue Opiumrekord ist nicht nur ein Zeichen für den Ernst des neuen Krieges in Afghanistan. Er ist auch Zeichen eines teuren Fehlschlags internationaler und afghanischer Antidrogenmaßnahmen. Allein die USA haben nach einem 2017 veröffentlichten Bericht des Spezialinspekteurs des US-Senats für den Wiederaufbau in Afghanistan, John Sopko, seit 2002 rund 8,5 Milliarden Dollar für die Drogenbekämpfung ausgegeben.

In einem Papier des Ost-West-Instituts über die Versuche, alternative Einkommensquellen für Bauern zu schaffen, hieß es 2016, Regierungs- und Geber-Initiativen seien weder konsistent noch breit unterstützt gewesen, und Programmen habe es an Fachwissen gefehlt.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen