zur Navigation springen

Sexueller Missbrauch: Hilfsfonds : „Politik des kalten Herzens“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hilfsfonds für Missbrauchsopfer in Familien fast ausgeschöpft. Nur der Bund, MV und Bayern haben sich beteiligt

svz.de von
erstellt am 18.Mai.2016 | 06:00 Uhr

Canisius-Kolleg, Odenwaldschule, Regensburger Domspatzen: Nach den großen Skandalen um sexuellen Kindesmissbrauch in Deutschland 2010 war der Bundesbeauftragte Johannes-Wilhelm Rörig ein gefragter Mann. Inzwischen gehen ihm Politiker aus dem Weg. Denn Rörig erinnert sie an ihre Versprechen: 100 Millionen Euro für einen Hilfsfonds für Menschen, die in ihrer eigenen Familie missbraucht wurden. Zusammengekommen ist nur etwas mehr als die Hälfte. Aber neue Anträge kommen fast täglich dazu. Ulrike von Leszczynski sprach mit Rörig über die Ursachen der Finanzierungslücke.

Was ist schief gelaufen?
Rörig: 14 Bundesländer haben immer noch nicht eingezahlt. Nur der Bund, Mecklenburg-Vorpommern und Bayern haben sich beteiligt. Seit 2011 haben zwei Bundesfamilienministerinnen vergeblich versucht, die säumigen Länder von ihrer Politik des kalten Herzens gegenüber den Opfern von Kindesmissbrauch in Familien abzubringen. Vergeblich. Der Fonds ist bald leer.

Was steckt Ihrer Ansicht nach hinter dieser Weigerung?
Ich unterstelle da ein mangelndes Problembewusstsein, dass Missbrauchsopfer zusätzliche Therapien und andere Hilfen dringend brauchen. Wenn ich über das politische Parkett in Berlin laufe, dann möchte sich niemand gerne mit mir und dem Thema Kindesmissbrauch auseinandersetzen. Natürlich ist das Thema unangenehm. Aber rein statistisch müssen wir davon ausgehen, dass fast jeder von uns Betroffene und möglicherweise auch Täter kennt. Kindesmissbrauch ist ein riesiges Problem in Deutschland, vor allem in Familien. Pro Jahr gibt es allein 12 500 offizielle Ermittlungsverfahren – bei einem Dunkelfeld von ungefähr 100 000 Taten.

Haben die Länder denn mehr als eine moralische Pflicht, in den Fonds einzuzahlen?
Ein Gesetz gibt es leider nicht. Es geht aber um gesamtgesellschaftliche Verantwortung. Und da wird bei den Hilfen für Betroffene nicht die nötige politische Priorität gesetzt. Die Länder berufen sich darauf, dass eine Reform des Opferentschädigungsgesetzes angestrebt ist – und sie sich deshalb an anderen Hilfen nicht beteiligen müssen. Allein dieses Stichwort lässt mir die Haare zu Berge stehen. Seit fünf Jahren warten wir auf die Reform. Ich weiß nicht, ob Frau Nahles [Bundessozialministerin Andrea Nahles] überhaupt weiß, dass es ein neues Gesetz geben soll.

Könnte der Missbrauchsfonds nicht ähnlich wie der Fonds Heimerziehung nachträglich aufgestockt werden?
Wenn der Start 2013 samt zwei Jahren Verspätung nicht so ruppig gewesen wäre und Betroffene früher Vertrauen geschöpft hätten, wären die Antragszahlen wohl jetzt schon viel höher. Das ist ja nicht so, als ob man sich eine Fahrkarte am Bahnhof zieht. Da geht es um angetanes Leid in Kindheit und Jugend, das ist eine Wahnsinnsbelastung. Im Moment dauert die Bearbeitung allerdings ein Jahr. Es gab beispielsweise den Antrag einer betroffenen Studentin, die in ihrer Examensphase dringend Unterstützung brauchte. Der Antrag wurde aber viel zu spät bewilligt.

Der Hilfsfonds für die Opfer

Der Hilfsfonds für die Opfer sexuellen Kindesmissbrauchs in Familien steht drei Jahre nach dem Start vor einer ungewissen Finanzierung. Der mit rund 58 Millionen Euro gefüllte Fonds für zusätzliche Therapien und andere Hilfen sei fast leer, sagte der Missbrauchsbeauftragte der Bundesregierung, Johannes-Wilhelm Rörig. Bis April hätten mehr als 5000 Menschen, die in Kindheit und Jugend sexuelle Gewalt in ihrer Familie erfuhren, Anträge gestellt.

Der Fonds war ein Ergebnis des Runden Tisches „Sexueller Kindesmissbrauch“, der als Reaktion auf die Missbrauchsskandale an kirchlichen und staatlichen Schulen sowie anderen Einrichtungen Empfehlungen abgab. Die meisten Missbrauchsfälle ereignen sich innerhalb von Familien.

Der Fonds unterstützt Erwachsene, die noch immer unter sexuellen Übergriffen in Kindheit und Jugend leiden, aber bei ihrer Krankenkasse keinen Anspruch auf passende Therapien oder Lebenshilfen haben. Pro Person wird dabei mit bis zu 10 000 Euro kalkuliert. Die Antragsfrist wurde im April verlängert. Allein im vierten Quartal 2015 stellten rund 500 Betroffene einen Antrag, danach stiegen die Zahlen nach bisheriger Schätzung noch weiter an.

Das Bundesfamilienministerium zeigt sich weniger pessimistisch als der Missbrauchsbeauftragte. „Wir gehen davon aus, dass wir die Anträge mit der bestehenden finanziellen Ausstattung weitgehend bewältigen können“, sagte ein Sprecher von Ministerin Manuela Schwesig (SPD). Falls die Summe wider Erwarten nicht ausreichen sollte, werde man gemeinsam mit dem Parlament über die weitere Finanzierung nachdenken müssen. Von 14 Bundesländern fehle nach wie vor jede Bereitschaft zur Beteiligung.

Von 2010 bis Mai 2015 riefen 56 000 Betroffene beim Hilfetelefon des Bundesbeauftragten Rörig an, fast 6000 schrieben Briefe. Der Beratungsbedarf blieb damit konstant hoch. Noch immer fehlt es an Beratungsstellen, insbesondere für Männer, und an Therapieplätzen.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Kommentare

Leserkommentare anzeigen