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NSU-Terror : Pampige Heimchen am Herd

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Hätten Ermittler die Nazi-Frauen nicht unterschätzt, wäre der NSU laut Experten weit früher aufgeflogen.

Sie inszenieren sich als Heimchen am Herd und unwissende Mitläuferin - eben nur die „Freundin von“. Es gibt noch nicht einmal ein griffiges Wort für weibliche Neonazis. Doch nach Einschätzung von Kennern nehmen sie in der Szene eine immer aktivere und radikalere Rolle ein. Je attraktiver und ungefährlicher rechtsextreme Frauen aussehen, desto besser. Dahinter stecke Kalkül - eine Strategie, die auch beim NSU-Prozess um die mutmaßliche Neonazi-Terroristin Beate Zschäpe deutlich wird, sagen Experten.

Längst spielen Frauen nach einer Analyse der Amadeu Antonio Stiftung sogar eine Schlüsselrolle. Sie agieren verdeckt in der Nachbarschaft, in Kitas und Schulen, tragen ihre Ideologie in die Mitte der Gesellschaft. Nach Einschätzung der Genderwissenschaftlerin Renate Bitzan stammt bei Wahlen mittlerweile jede dritte Stimme für die Rechten von einer Frau. Jedes fünfte Mitglied rechtsextremer Parteien ist weiblich - mindestens zehn Prozent der rechten Gewalttaten verüben Frauen. Trotzdem, sagt Michaela Köttig, Gründerin des Forschungsnetzwerks „Frauen und Rechtsextremismus“, würden Neonazi-Frauen noch immer nicht als Aktivistinnen wahrgenommen. „Man kann sich einen solchen politischen Hintergrund einfach nicht vorstellen.“ Selbst nach einem Jahr vor Gericht erwarteten viele von der mutmaßlichen Terroristin Beate Zschäpe noch immer, dass sie Reue zeige. „Aber wieso sollte sie das, wenn sie überzeugt von ihrer Ideologie ist?“, fragt Köttig.

Ein Grund, warum Zschäpe wohl nicht auf dem Schirm der Sicherheitsbehörden war, liegt möglicherweise in ihrem Frau-Sein. Zu diesem Ergebnis kommt die Studie der Stiftung. Die Verbrechen des NSU seien unerkannt geblieben, weil Frauen bei der Suche nach Tatverdächtigen stets „herausgerastert“ wurden, sagte Stiftungs-Expertin Esther Lehnert. Grund sei eine „Kombination von institutionalisiertem Rassismus und Sexismus“ gewesen. Dabei bezieht sich Lehnert auch auf den Fall der Zeugin Mandy S., die 2007 aus einer Tatverdächtigenliste mit militanten Rechtsextremisten aus dem Raum Nürnberg flog, weil sie als Frau nicht den Suchkriterien entsprach. Auch die Berliner Rechtsanwältin Antonia von der Behrens, die als Nebenklage-Vertreterin im NSU-Prozess auftritt, wirft der Bundesanwaltschaft vor, Zeuginnen aus der Szene zu lange als naive Mitläuferinnen behandelt zu haben. Sie habe indes die Hoffnung, dass sich dies jetzt ändert. Sie verwies wiederum auf die Befragung der Zeugin Mandy S.: Das Gericht sei bei ihr erstmals davon abgewichen, der Selbststilisierung der „ahnungslosen“ Frau auf den Leim zu gehen.

Die Amadeu Antonio Stiftung fordert jetzt einen neuen Blick: „Rassistische und antisemitische Einstellungen von Mädchen und Frauen werden in der Zivilgesellschaft, Sozialarbeit und Erziehung sowie in Medien und Gemeindeverwaltungen nur wenig wahrgenommen.“ Als Konsequenz schlägt Lehnert einen differenzierteren Blick auf das Engagement von Frauen vor: „Mutterschaft schützt nicht vor rechtsextremen Einstellungen.“ In Schulen und Kitas müssten die Pädagogen professionell geschult werden: in rechtsextremer Ideologie und Lifestyles; aber auch im Umgang mit entsprechend eingestellten Eltern, die sich oft als rechtsextreme Kader entpuppten. Das gelte auch für Sportvereine, sagte Radvan mit Blick auf den Fall der Rostocker Olympia-Ruderin Nadja Drygalla. Im Sommer 2012 verließ Drygalla das Olympische Team in London, weil ihre langjährige Beziehung zu einem führenden Neonazi im selben Sportclub bekannt wurde. Den Medien wirft die Studie ein oftmals wenig differenziertes, verharmlosendes Bild vor, wenn es um Darstellung der Rolle von Frauen in rechtsextremen Kreisen geht.

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