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US-Wahlen 2016 : Operation gelungen, Partei tot?

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Donald Trump ist nun offiziell der Spitzenkandidat der US-Republikaner, die auch nach seiner Nominierung weiter gespalten sind

svz.de von
erstellt am 21.Jul.2016 | 08:00 Uhr

„Er ist nicht meine erste, aber meine endgültige Wahl“. Das, was der New Yorker Abgeordnete Pete King zum umstrittenen Spitzenkandidaten der US-Republikaner sagt, gilt für viele auf dem Parteitag. Seit Dienstagabend 19.13 Uhr Ortszeit ist das einst Undenkbare offiziell: Donald Trump zieht in das Wahlfinale gegen Hillary Clinton am 8. November. Doch in den ersten 48 Stunden der Krönungs-Veranstaltung sind die Zweifel unter Amerikas Konservativen noch gestiegen, dass es dem New Yorker Geschäftsmann gelingen wird, eine reibungslose und schlagkräftige Kampagne in den nächsten Monaten hinzulegen, die mit der geölten hochprofessionellen Organisation der Demokraten mithalten kann. „Hillary hätte sich eine solche peinliche Blamage nicht geleistet“, seufzten Delegierte nach dem Drama der Eröffnungsnacht, das mit seinen gut begründeten Plagiatsvorwürfen gegen Hauptrednerin Melania Trump die Medien-Schlagzeilen in eine höchst unerwünschte Richtung gelenkt hatte.

Dass Donald Trumps Siegesfähigkeit seit der Bekanntgabe seiner Kandidatur immer wieder in Frage gestellt worden ist, liegt dabei nicht an der Stärke seiner Kontrahentin, die es nur dem parteilich geführten Justizministerium zu verdanken hat, dass man ihr wegen ihrer E-Mail-Affäre keine Anklage servierte. Der Milliardär und ehemalige Reality Show-Gastgeber hat vielmehr seinen Ruf als impulsiver, unberechenbarer und mangels Spenden schlecht aufgestellter Bewerber bestätigt, in dessen Mitarbeiterstab es brodelt und in dem Unzufriedenheit wie Chaos das tägliche Brot sind. Das zeigen allein schon die widersprüchlichen Stellungnahmen, nachdem Melania Trump sich für ihre Rede bei Michelle Obama schamlos bedient hatte und damit extrem schlecht beraten war. Doch Trump scheint bei seiner „Aktion Weißes Haus“ vor allem auf die Mitglieder seiner Familie zu hören, was das Pannen-Potenzial enorm erhöht.

„Wir haben noch nie so einen Präsidentschaftsbewerber gesehen, der als Außenseiter alles auf den Kopf stellt“, bewertet der US-Historiker David Gergen diese Zäsur in der amerikanischen Politik-Geschichte. Das „auf den Kopf stellen“ betrifft dabei auch den Höhenflieger Donald Trump selbst. Das jüngste Beispiel: Nach der Terrorattacke von Nizza kündigt er an, die Bekanntgabe seines Vizepräsidentschafts-Kandidaten auf den nächsten Tag zu verschieben. Dann spricht er davon, dass sich Amerika in einem „Weltkrieg“ befindet – und nennt dann plötzlich doch den Namen Mike Pence auf Twitter ohne Rücksicht auf seinen zuvor noch verkündeten „Fahrplan“. Dazu lancieren Mitarbeiter, dass Trump offenbar nach der Bekanntgabe von Pence als seinen potenzieller Stellvertreter gegen Mitternacht kalte Füße bekam und analysieren ließ, ob und wie er diese so bedeutende Entscheidung wieder rückgängig machen könne. Pikante Enthüllungen, die weiteren Zweifeln an Trump Nahrung geben.

Doch noch schwerer wiegen bei einem Teil der Delegierten und der Mehrheit der Demonstranten der Stil und die Ideen des Bewerbers. Die Mauer, die er bauen will, um Mexikaner aus den USA heraus zu halten. Ein temporärer Einwanderungsstopp für Muslime. Die Abschiebung von Millionen Latinos, die sich illegal im Land aufhalten. Das alles hat dazu geführt, dass alteingesessene Republikaner fest mit einer Niederlage und dauerhaftem Schaden für die Volksvertreter der Partei rechnen. Und das am schlechtesten gehütete Geheimnis in Cleveland ist: Vereint wird die „Grand Old Party“ nicht durch den Trump-Faktor, sondern in erster Linie durch die kollektive Verachtung für Hillary Clinton. „Lock her up“ – steckt sie ins Gefängnis, das ist der tägliche zu hörende Schlachtruf auf dem Jubelfest in Ohio. Verdrängt wird mit dieser Polemik auch die Frage, wie sich die Nominierung Trumps auf das so wichtige Machtverhältnis auf dem Kapitol auswirken wird. Und natürlich das Weiße Haus selbst. „Ich fürchte, auf lange Zeit der letzte republikanische Präsident gewesen zu sein“, vertraute George W. Bush kürzlich Parteifreunden an. Bush ist wie andere dem Parteitag ferngeblieben.

„Ich hoffe, ihr habt Spaß“, ruft ein aus seinem New Yorker Penthouse zugeschalteter Donald Trump den Delegierten zu, nachdem die Nominierung feststeht. Die gedachte Antwort von einem nicht unbeträchtlichen Teil dürfte ein klares „No“ sein. Die Republikaner haben zwar ihr Zugpferd. Doch sie fürchten auch um ihre politische Zukunft.

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