Klimawandel : Ohne Kohleausstieg geht es nicht

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Umweltschützer Christoph Bals von Germanwatch warnt Deutschland vor „klimapolitischer Blamage“.

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06. November 2017, 05:00 Uhr

Dringender Appell an die künftige Bundesregierung: Sie müsse unbedingt mehr tun für den Klimaschutz, sonst drohe eine klimapolitische Blamage, mahnt Christoph Bals, politischer Geschäftsführer der Umwelt- und Entwicklungsorganisation Germanwatch. Bals denkt dabei nicht nur an einen Kohleausstieg. Deutschland hat sich lange als Vorreiter beim Klimaschutz verstanden, dürfte aber die selbst gesetzten Klimaschutzziele verfehlen. Uwe Westdörp sprach mit ihm.

Wie bewerten Sie die deutsche Position zum Auftakt des Bonner Klimagipfels?
Bals: Das Land, das den Klimagipfel ausrichtet, steht immer unter besonderer Beobachtung. So macht international – in den USA, in China, in Großbritannien und so weiter – die Runde, dass Deutschland weit davon entfernt ist, sein Klimaziel zu erreichen. Wenn im Koalitionsvertrag nicht neue Maßnahmen – insbesondere in Bezug auf die Reduzierung der Kohle – beschlossen werden, wird das deutsche Klimaziel krachend verfehlt, die Emissionen bis 2020 um 40 Prozent gegenüber 1990 zu verringern. Seit 2009 sind in Deutschland die Emissionen nicht mehr gesunken. Die Verkehrsemissionen liegen sogar leicht höher als 1990. Wenn bei den Koalitionsverhandlungen nicht entsprechende Maßnahmen beschlossen werden, steht Deutschland vor einer klimapolitischen Blamage.

Reicht es aus, die Hälfte der deutschen Kohlekraftwerke bis 2020 stillzulegen?
Die Stilllegung von der Hälfte der Kohlekraftwerke ist die einzige Maßnahme, die sicherstellen kann, dass Deutschland sein Ziel für 2020 einhält. Um aber die Klimaziele für 2030 erreichen zu können, ist weit mehr notwendig.

Was fordern Sie?
Eine Verkehrswende mit mehr Schiene und Elektromobilität. Ferner brauchen wir eine erhebliche Steigerung der Auktionsmenge für erneuerbaren Strom und Anreize für die Sanierung von Gebäuden. Notwendig sind auch der Einstieg in ein Transformationsprogramm für die Schwerindustrie und ein Umbau der Landwirtschaft, wo drei Viertel der Emissionen aus der Nutztierhaltung kommen. Ein CO2-Mindestpreis für alle Sektoren ist eine notwendige, aber nicht ausreichende Bedingung für diese Fortschritte.

169 Staaten haben das Klimaabkommen ratifiziert. Welche Regeln braucht es, um den Temperaturanstieg auf 1,5 Grad zu begrenzen?
In Bonn können die Regeln für die Nachbesserungsrunden für die staatlichen Ziele beschlossen werden. Denn alle fünf Jahre sollen die Klimaziele der Staaten verschärft werden, zum ersten Mal 2018 bis 2020. International gibt es viel positive Dynamik: Seit 2014 sind erstmals in Jahren ohne große Wirtschaftskrise die globalen energiebedingten Emissionen nicht mehr gestiegen. Seit Paris wird weltweit weniger Kohle verbrannt – im letzten Jahr sechs Prozent weniger. In mehr als 30 Staaten ist Energie aus Sonne und Wind schon kostengünstiger als Energie aus Kohle, Öl und Gas– ohne jede Subvention. Das macht Mut.

Die US-Regierung hat angekündigt, aus dem Pariser Klimaabkommen aussteigen zu wollen. Welches Signal bedeutet das für die Bonner Konferenz?
Diese Ankündigung zeigt, dass die US-Regierung versucht, die letzte Verteidigungsschlacht der fossilen Energien Kohle, Öl und Gas zu organisieren. Wichtig ist nun, dass die große Mehrheit der Staaten zeigt, dass sie sich durch eine solche klimapolitische Geisterfahrt nicht beeinflussen lässt – oder gar im Gegenteil noch einen Zahn zulegt. Es ist gut, dass viele Staaten und Städte der USA in Bonn sind, die deutlich machen: Wir sind noch im Paris-Abkommen – auch wenn unsere eigene Regierung aussteigt.

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