Gedenken für Helmut Kohl : „Niemand ist vollkommen“

Steinmeier, Lammert, Merkel, Kauder (v.l.)
1 von 2
Steinmeier, Lammert, Merkel, Kauder (v.l.)

Spitzen von Staat und Politik nehmen vom verstorbenen Altanzler Abschied.

von
27. Juni 2017, 20:45 Uhr

Kyrie, Weihrauch und stilles Gedenken für Helmut Kohl: Um 7.30 Uhr würdigen die Abgeordneten der Unionsfraktion im weiten Rund der Berliner Hedwigs-Kathedrale den verstorbenen Altkanzler mit einer Totenmesse. Ein Schwarz-Weiß-Bild von Kohl steht im Altarraum, der Gottesdienst sei mit der Witwe Maike Kohl-Richter abgestimmt gewesen, heißt es. Die Spitzen von Staat und Politik sind gekommen: Bundespräsident Frank-Walter Steinmeier, Bundeskanzlerin Angela Merkel, fast das gesamte Kabinett und Spitzenvertreter der Opposition, die dem „Schwarzen Riesen“ die letzte Ehre erweisen wollen. Es ist der einzige feierliche Moment der Erinnerung in der Hauptstadt, aber kein Ersatz für den nationalen Staatsakt, gegen den sich Kohl ausgesprochen haben soll.

Die eigentliche Zeremonie findet am Sonnabend statt: Erst der Trauerakt im Europäischen Parlament, dann die Überführung des Sargs nach Speyer mit Requiem im Dom und anschließender Beerdigung. Der Friedensnobelpreisträger Michail Gorbatschow sagte seine Teilnahme gestern ab. Die Ärzte hätten ihm von einer Reise abgeraten.

Wann immer er in Berlin war, sei Kohl in die Hedwigs-Kathedrale zur Heiligen Messe gekommen und habe sich als gläubiger Katholik „nach Gott ausgerichtet“, erinnert Prälat Karl Jüsten. Doch die Totenmesse gestern wird überschattet vom Familienstreit im Hause Kohls, vom Zerwürfnis der Witwe Kohl-Richter mit den Söhnen des Altkanzlers. „Wir Außenstehenden sollten uns bei der Bewertung dieser unterschiedlichen Sichtweisen zurückhalten“, mahnt Jüsten. Man könne aber sagen: „In dieser Stunde sind unsere Gedanken auch bei Helmut Kohls Witwe sowie bei seinen Söhnen und ihren Familien. Wir wünschen ihnen allen, dass sie untereinander Versöhnung und Frieden erfahren“.

„Viele gute Jahre“ habe Deutschland dem Altkanzler zu verdanken. „Wir sind dankbar, dass wir Helmut Kohl in unseren Reihen hatten“, sagt Unionsfraktionschef Volker Kauder (CDU) in seiner Ansprache. „Ein großer Europäer“ und „ein deutscher Patriot“ sei er gewesen. Er habe für ein Europa der offenen Grenzen gestanden, das „nie wieder Krieg“ wolle. Der Rekord-Kanzler der Bundesrepublik sei außergewöhnlich gewesen. „Niemand ist vollkommen. Auch Kohl war Mensch“, erinnert Kauder an die dunklen Seiten des Verstorbenen. „Wo Licht ist, gibt es auch Schatten.“

dpa_1495b6004fd370e8
Stefan Sauer
 

Extra: Trauer auch in Mecklenburg

Im Örtchen Loddin auf Usedom hängt Trauerflor an der „Dr.-Helmut-Kohl-Straße“. Es ist der einzige Ort Deutschlands, in dem es eine solche Straße schon zu Lebzeiten Kohls gab.

zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen