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Mauerfall vor 28 Jahren : „Niemand hat zugehört“

vom
Aus der Onlineredaktion

Als die Mauer fiel, gab es überschäumende Freude, aber auch Angst im Osten vor der Zukunft. Wie ist heute das Befinden der Deutschen?

Und wieder naht ein Jahrestag des Mauerfalls. Die historische Sensation vom 9. November 1989 hat sich bei vielen Deutschen eingebrannt und ist jetzt schon 28 Jahre her. Nun kocht die Ossi-Wessi-Debatte, die viele längst überwunden glaubten, neu hoch. Einen Stein ins Wasser geworfen hat dabei der Chef der Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger. Er sagt, die westdeutschen Eliten dominierten bis heute den Osten.

Das werde als „kultureller Kolonialismus“ erlebt, so der einstige DDR-Bürgerrechtler in der „Berliner Zeitung“. Er bezieht sich auf eine Studie und sieht eine wachsende Entfremdung von staatlichen Institutionen und Demokratie.

Die Bundesstiftung zur Aufarbeitung der SED-Diktatur widerspricht vehement. Die Unterscheidung in Ossi und Wessi sei zum Klischee verkommen, das aber gern fürs Eliten-Bashing benutzt werde, erregt sich Geschäftsführerin Anna Kaminsky. Damit werde eine Debatte von gestern angeheizt, die heutige Ressentiments im Osten nur verstärke.

„Die Herkunft wird vor allem dann zum Problem stilisiert, wenn Erwartungen enttäuscht werden und die allgemeine Unzufriedenheit zunimmt“, sagt Kaminsky. Wie widersprüchlich das sei, habe die Bundestagswahl gezeigt. Die AfD wurde im Osten zweitstärkste politische Kraft – eine Partei, die mit zwei westdeutschen Spitzenkandidaten antrat, wie Kaminsky zu bedenken gibt.

Die Stiftung sieht eine zunehmende Verklärung der Vergangenheit – bei Ost- und Westdeutschen gleichermaßen. „Der weichzeichnende Blick in die Vergangenheit ist eine Reaktion auf die allgemeine Verunsicherung der Gegenwart“, schätzt Kaminsky ein.

Laut Statistischem Bundesamt lebten Ende 2015 von knapp 82,2 Millionen Bürgern 16,1 Millionen in den ostdeutschen Ländern und Berlin. Könnte man da mehr als ein Vierteljahrhundert nach dem Mauerfall nicht auch zu dem Schluss kommen, das ist eben eine Minderheit – warum also weiter extra Aufmerksamkeit und Zuwendung?

Es gebe noch systematische Unterschiede zu Westdeutschland, so Kanzlerin Angela Merkel (CDU) in ihrer jüngsten Videobotschaft. Deshalb werde es auch künftig „eine spezifische Förderung“ für die neuen Bundesländer geben, verspricht die CDU-Politikerin schon vor Bildung einer neuen Regierung. Die Besonderheiten der Ost-Länder müsse man weiter im Auge haben.

Sachsen-Anhalts Ministerpräsident Reiner Haseloff (CDU) pflichtet ihr bei. Die Angleichung der Lebensverhältnisse sei weiter ein Thema, sagt er in einem Interview des Deutschlandfunks. Die Förderung müsse neu ausgerichtet werden, viele Instrumente seien „ausgelutscht“.

Obwohl der Lebensstandard seit 1989 gestiegen, die Arbeitslosigkeit wieder gesunken ist und Kommunen herausgeputzt wurden, fühlen sich etliche Ostdeutsche weiter benachteiligt. Sie verweisen auf niedrigere Renten, sterbende Dörfer, abgewanderte Fachkräfte.

Die Deutschen seien nicht neugierig genug aufeinander, findet ein CDU-Politiker aus Niedersachsen, der 1990 nach Magdeburg kam. Rainer Robra ist dort Chef der Staatskanzlei und sagt in einem Zeitungsinterview, dass viele West- und Ostdeutsche im jeweils eigenen Milieu verharrten. Es kränke ihn, „dass der durchschnittliche Westdeutsche so wenig Interesse für uns hat“.

Die sächsische Integrationsministerin Petra Köpping (SPD) nimmt kein Blatt vor den Mund: Eine öffentliche Auseinandersetzung mit der Nachwendezeit, den Schicksalsumbrüchen und Hoffnungen der Ostdeutschen gebe es kaum noch. „Tat man es dennoch, war man sofort ,Jammer-Ossi oder DDR-Nostalgiker‘, sagt sie. Ihre Mahnungen hätten die Genossen auf Bundesebene aber ignoriert, so Köpping. Sie seien im Wahljahr 2017 eher mit ihren Träumen von der Kanzlerschaft befasst gewesen. „Das machte die Leute erst recht wütend, oder es machte sie stumm.“

In Westdeutschland gebliebene Westdeutsche hätten keinen Schimmer über die Umbrüche im Osten, befindet Köpping. Niemand habe Probleme wirklich ernst genommen, niemand die Lebensgeschichten gewürdigt. „Niemand hat zugehört. Das ist bei vielen Menschen eine Kränkung, die bis heute wirkt.“ Es gebe unzählige Beispiele, wie Menschen über den Tisch gezogen worden seien, weil sie blauäugig waren und die neuen Regeln nicht überblickten. Manche hätten bis heute mit Schulden aus dieser Zeit zu kämpfen.

Auch die Besetzung von Führungspositionen mit Westdeutschen sei für viele „ein Stachel der Demütigung im Fleisch“ gewesen. Die meisten Ostdeutschen hätten damals mangels Eigenkapital keine Kredite bekommen. Köpping erinnert an die, denen unnütze Versicherungen aufgeschwatzt und schrottreife Gebrauchtwagen überteuert angedreht, denen Immobilien oder antike Möbel für wenig Geld abgeluchst wurden. „Und während man sich selbst beim Verlieren zusah, schienen andere zu gewinnen.“ Und das soll Demokratie sein, hätten sich viele gefragt.

Hoch leben die Klischees!

Warum auch 28 Jahre nach dem Mauerfall die Einheit der Deutschen ein hehrer Wunsch bleibt

von Michael Seidel

Wenn der (ostdeutsche) Chef der im tiefsten Westen (Bonn) ansässigen Bundeszentrale für politische Bildung, Thomas Krüger, die Hegemonie westdeutscher Eliten im Osten beklagt, ist ihm sachlich kaum zu widersprechen. Wenn die Chefin der „Stiftung Aufarbeitung“ vehement widerspricht und als Gegenargument ausgerechnet die von westdeutschen Eliten angeführte AfD-Truppe heranzieht, ist das bezeichnend dafür, wie wenig wir immer noch voneinander verstehen und wie sehr wir aneinander vorbeireden.

Der Umstand, als West-Geborener vielleicht eine Zeit im Osten verbracht zu haben – etwa als Aufbauhelfer oder für einen Ausbildungsabschnitt – macht ihn/sie noch  nicht zum Ost-Kenner. Aber immerhin hat derjenige wenigstens eine Ahnung. Der Großteil der Westdeutschen hingegen war bis heute nie im Osten und denkt auch gar nicht dran, sich in diese „terra incognita“ zu begeben, die ihn/sie immer noch den Ruch der „Ostzone“ hat, kurz vor dem Ural sozusagen.

Dagegen war nahezu jeder Ost-Geborene mindestens mal zum Shoppen im Westen. Also: Schon die Interessenslage unterscheidet uns weiterhin. Erst recht der Kenntnis- und Erfahrungshorizont. Das wirkt auch auf Emotionen.

Ob Quotenregeln für Ossis in Beamtenapparat, Justiz und Wissenschaft heute noch etwas nützen, ist stark zu bezweifeln. Vielleicht wäre es sinnvoller, etwa Auswahlkriterien für solche Positionen zu schärfen. Westdeutsche Dominanz etwa in Hör- und Gerichtssälen oder auch in Unternehmens-Chefetagen rührt ja weniger aus jüngster Zeit: Dass vielfach eher die „dritte Garde“ unverhofft  Karriere im Osten machte, war ein Problem der Neunziger Jahre. Heute ist es grassierender Fachkräftemangel, der manche attraktive Position für halbgute Kandidaten öffnet. Das  könnte aber durch präzisere  Definition von Kontext-Bedingungen für Stellenbesetzungen geregelt werden.

Letztlich bleibt es bei der Erkenntnis: Wo nur etwa ein Viertel der Bevölkerung in den Genuss der sozialen Komponenten der Sozialen Marktwirtschaft kommt, dürfen Meinungsführer sich nicht wundern, wenn die Loyalität zum System nicht sonderlich ausgeprägt ist, weil Menschen sich abgehängt fühlen. Wo „suboptimale Führungskräfte“ die Deutungshoheit in Hochschulen, Behörden oder Unternehmen haben, werden Hochqualifizierte, denen lediglich die Fähigkeit der Selbstdarstellung fehlt, sich immer „überwältigt“ fühlen. Diesem gefühlten Kolonialismus widersetzt man sich am besten mit   gesundem Selbstbewusstsein und eigenem Deutungsanspruch. Wer sich ohne Not die Butter vom Brot nehmen lässt, darf  nicht klagen, dass er verhärmt wirkt neben den Feisten der Geschichte.

 

 

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