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Bertelsmann-Studie : „Nicht die Stunde der Populisten“

vom
Aus der Onlineredaktion

Extremismus-Experte Professor Hajo Funke über die neue Studie zur Einstellung der Deutschen. Kritik an Methodik der Befragung

von
erstellt am 25.Jul.2017 | 21:00 Uhr

Populismus ist in Deutschland offenbar nicht mehrheitsfähig. Zwar ist knapp ein Drittel aller Wahlberechtigten einer Studie der Bertelsmann Stiftung zufolge populistisch eingestellt. Die Mehrheit der deutschen Wähler lehne jedoch populistische Positionen ab (knapp 37 Prozent) oder stimme ihnen nur teilweise zu (knapp 34 Prozent). Mit Professor Hajo Funke, Politikwissenschaftler an der Freien Universität Berlin und Extremismus-Experte, sprach Andreas Herholz.

Ein Drittel der Deutschen vertritt populistische Positionen. Kein Grund zur Entwarnung, oder?
Funke: Populistische Strömungen in Deutschland sind nicht so stark. Es gibt weitaus weniger Populisten in Deutschland als ein Drittel der Bevölkerung.

Populismus ist dann gegeben, wenn man nach dem Willen des Populisten ein reines Volk definiert und damit – antiplural – andere nach Belieben ausschließt oder sogar herabwürdigt. Diese Definition, von der die Studie selbst ausgeht, wird nicht abgefragt. Das ist ein eklatanter Widerspruch zwischen Definition und ihrer eigenen Empirie. Der Anteil der echten Populisten ist deutlich niedriger. In Deutschland gibt es vor allem einen Rechtspopulismus in Gestalt von Pegida und dem von Höcke und Gauland dominierten Teil der AfD. Der Anteil von Rechtspoplisten hierzulande liegt bei 5 bis 7 Prozent. Wer etwa sagt, die Abschiebung von Flüchtlingen ohne Bleiberecht sollte beschleunigt werden, ist nicht unbedingt ein Populist.

Ist die Analyse nicht präzise?
Die Methodik der Studie ist zum Teil wenig differenziert und nicht immer seriös. Da fehlt es an Präzision. Die Ansicht etwa, dass Korruption in der Politik bekämpft werden soll, ist nicht populistisch, sondern vernünftig. Diese Ansicht werden viele teilen. Aber es ist jetzt nicht die Stunde der Populisten in Deutschland. Nicht jeder, der das politische Establishment kritisiert, ist Populist. Die Methodik der Studie ist in Teilen eher zweifelhaft.

85 Prozent der Deutschen stehen zur Demokratie. Ein klares Bekenntnis zu unseren Werten und der freiheitlichen Ordnung und kein Grund zur Sorge?
Ja, das ist beruhigend. Andere Studien kommen zu ähnlich hohen Werten. Wenn 85 Prozent zur Demokratie stehen, können nicht mehr als 30 Prozent Populisten im klassischen Sinne sein. Der Anteil an echten Populisten liegt deutlich niedriger. Nicht jeder, der nicht alles gut findet, was die Bundesregierung macht, ist gleich Anti-Establishment.

Die AfD hat deutlich an Zustimmung verloren. Wie ist das zu erklären?
Je näher der Tag der Bundestagswahl rückt, desto mehr trennen sich die Protestler von den Rechtspopulisten. Die Talfahrt der AfD begann zu Beginn des Jahres und hat jetzt auch Ostdeutschland erreicht. In Thüringen und Sachsen-Anhalt ist die Zahl der AfD-Anhänger innerhalb von einem Jahr auf die Hälfte zurückgegangen, zum Teil sogar darunter. Die ständigen Machtkämpfe der zerrissenen Führung haben dafür gesorgt, dass sich viele abgewendet haben. Die AfD-Spitze ist gespalten. Noch ist nicht klar, ob die Talsohle bereits erreicht ist.

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