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München nach dem Amoklauf : „Natürlich habe ich Angst“

vom
Aus der Redaktion der Zeitung für die Landeshauptstadt

Tränen, Trauer, aber auch Erleichterung und die Frage nach dem Warum

von
erstellt am 25.Jul.2016 | 05:00 Uhr

Gaby Zöller hat Tränen in den Augen. Sie kann immer noch nicht fassen, wie viel Glück sie gehabt hat. „Es hätte auch mich treffen können“, erzählt die 47-jährige. Nur zehn Minuten vor dem Amoklauf war sie noch hier vor dem OEZ, dem Olympia-Einkaufszentrum in München, führte ihren Hund Gassi. Als sie zu Hause ankam, hörte sie die ersten Schüsse. „Ich hatte gedacht, es wären Kinder mit Spielzeugpistolen“, sagt Zöller. Doch dann kamen im Radio bereits die ersten Eilmeldungen über das Blutbad quasi vor ihrer Haustür. Minuten, die für sie viel verändern. „Ich habe mich in München immer sicher gefühlt. Der Terror – das war so weit weg. Bis gestern.“

Was wird nun aus der fröhlichen Unbefangenheit dieser Stadt? Zöller hat in diesem Jahr drei der begehrten Reservierungen für die „Wiesn‘ ergattert. Doch jetzt weiß sie nicht mehr, ob sie in diesem Jahr überhaupt noch auf das Oktoberfest will: „Natürlich habe ich Angst.“

München am Tag danach. Dort hinten hatte alles begonnen. Vor dem McDonald’s -Restaurant. Der Täter – der 18-jährige Deutsch-Iraner Ali David S. – zog seine Waffe und feuerte – immer wieder. Er zielt auf Passanten, aus nächster Nähe, vor allem auf Kinder und Jugendliche, tötet neun Menschen und schließlich sich selbst, verletzt etliche schwer.

Es ist Freitagabend, kurz nach halb sechs, als das Grauen über Moosach kommt. Der Münchener Nordwesten ist der Schauplatz des Blutbads. Der junge Mann stürmt ins Olympia-Einkaufszentrum, in dem sich am späten Nachmittag die Menschen drängen. Er feuert weiter um sich. In seinem Rucksack hat er noch 300 Schuss Munition. Eine Tat, die die ganze Republik erschüttert.

Ein Video zeigt den Täter später auf dem Parkdeck der Shopping-Mall. „Ich bin Deutscher“, ruft er, während ihn Anwohner aus den nahegelegenen Hochhäusern beschimpfen. „Ich bin hier geboren worden. In einer Hartz-IV-Gegend.“ Und: „Ich war in stationärer Behandlung.“ Eine Zivilstreife der Polizei verfolgt ihn. Schließlich richtet sich der junge Mann selbst.

Am Samstag dann macht sich langsam etwas Erleichterung breit, als deutlich wird, dass es nicht um einen islamistischen Hintergrund geht, nicht um IS-Terror, sondern um die Tat eines labilen, wohl psychisch kranken Schülers, um einen Amoklauf.

Samstagmittag tritt Hubertus Andrä, der Münchener Polizeipräsident, vor die Kameras. Zehn Tote und mehr als zwanzig Verletzte, lautet am Ende die Bilanz des Schreckens. Die Eltern und der Bruder stehen unter Schock, sind nicht vernehmungsfähig.
Tränen, Trauer und immer wieder die Frage nach dem Warum. Polizeipräsident Hubertus Andrä spricht vom schwersten Einsatz seines Lebens.

München unter Schock. An der Straßenecke vor dem Einkaufszentrum ringen Anwohner um Worte für das eigentlich Unfassbare. „Wie kann man nur so blöd sein und so etwas tun”, sagt Okan O. Auf seinem Smartphone zeigt er eines dieser grausamen Bilder, die schnell nach der Tat auf Facebook kursieren. Ein junger Mann in einer Blutlache, getötet offenbar durch einen Kopfschuss, der Körper bedeckt mit weißen Laken. „Ein guter Bekannter“, sagt Okan O. über den 19-jährigen, ringt um Fassung. „Er wollte nächste Woche in den Urlaub nach Griechenland, kam deshalb zum Einkaufen.“ Der Vater liege jetzt im Krankenhaus, habe einen Herzinfarkt erlitten, als er vom Tod seines Sohnes erfuhr.

Was tun gegen Amokläufer?

Er ist psychisch krank gewesen und hat seine Bluttat lange und akribisch geplant: Für den Tag seines Amoklaufs in München wählte der 18-Jährige den fünften Jahrestag des Breivik-Massakers in Norwegen. Sind Staat und Gesellschaft schlicht machtlos gegen Einzeltäter wie Ali David S.? Oder könnten schärfere Waffengesetze oder ein Verbot von „Baller-Spielen“ mehr Sicherheit schaffen? Hintergründe  von Tobias Schmidt.

Wer war der Täter und warum lief er Amok?

Anders als der Attentäter von Nizza und der Zug-Angreifer von Würzburg hatte Ali David S. kein islamistisches Motiv. Auch seine iranischen Wurzeln spielten offenbar keine Rolle: „Ich bin Deutscher“, rief er während seiner Tat. Es handelte sich nicht um einen politisch motivierten Anschlag, sondern um einen persönlich motivierten Amoklauf. Der 18-jährige Deutsch-Iraner wollte sich womöglich an Mitschülern rächen, die er über Facebook gezielt in ein McDonald’s-Restaurant gelockt haben soll. Laut Ermittlern litt er an Depressionen  und bereitete seine Tat akribisch vor: In seinem Zimmer lag das Buch „Amok im Kopf – Warum Schüler töten“.

Wie kam der Täter an die Waffe?

Die Tatwaffe war eine „Glock 17“ Kaliber neun Millimeter, aus der mindestens 57 Schüsse abgegeben wurden. Im Rucksack des Täters wurden noch 300 Schuss Munition gefunden. Die „Süddeutsche Zeitung“ berichtete gestern, es habe sich um eine wieder schussfähig gemachte einstige Theaterwaffe aus der Slowakei gehandelt, die sich der Täter im „Darknet“ besorgt haben soll – einer verborgenen Welt im Internet, zu der man nur mit Spezialkenntnissen und besonderer Software Zugang bekommt und in der Kriminelle Waffen, Drogen oder Kinderpornografie anbieten.

2002 tötet ein Schüler in Erfurt 16, 2009 ein 17-Jähriger in Winnenden 15 Menschen. Gibt es Parallelen?

In den beiden vorherigen schweren Amokläufen waren die Täter Schüler mit psychischen Schwierigkeiten und wenigen Sozialkontakten. Ali David S. hat sich intensiv mit Winnenden befasst, er soll an den damaligen Tatort gefahren und dort Fotos gemacht haben. Als schlimmes Vorbild diente ihm auch der Norweger Anders Behring Breivik, der  vor genau fünf Jahren  77 Menschen getötet hatte. Breiviks rechtsextremistisches und islamfeindliches „Manifest“ fand sich laut Medienberichten auf dem Computer des Amokläufers.

Sollte uns auch die Bundeswehr gegen Amokläufer schützen?

Ja, meint der bayrische Innenminister Joachim Herrmann (CSU), und fordert ihren Einsatz zur Terrorbekämpfung. In extremen Situationen wie Freitagabend wäre es „völlig unbegreiflich“, wenn gut ausgebildete Soldaten nicht eingesetzt werden dürften, „obwohl sie bereitstehen“, sagte er. Der CDU-Innenpolitiker Wolfgang Bosbach ist dagegen: München habe gezeigt, dass das nicht notwendig sei, „gerade weil die Polizei und insbesondere die Anti-Terroreinheiten in beeindruckender Weise rasch und konsequent reagiert haben“. Am Freitagabend war die Polizei-Spezialeinheit GSG 9 im Einsatz, auch Spezialisten aus Österreich halfen. Laut Bundesverteidigungsministerin  von der Leyen (CDU) war am Freitag bereits eine Feldjäger-Einheit der Bundeswehr in Bereitschaft, griff aber nicht ein. Von der Leyen will Soldaten und Polizisten gemeinsam üben lassen, „damit das Zusammenspiel im Ernstfall funktioniert“. Bei parallelen schweren Anschlägen an mehreren Orten lasse das Grundgesetz dies zu.

Werden Amokläufer durch Gewaltspiele am Computer inspiriert?

Der Unions-Fraktionschef Volker Kauder (CDU) sprach sich dafür aus, Computer-Gewaltspiele zu begrenzen. „Diese Egoshooter-Spiele müssen einmal hinterfragt werden.“ Rufe nach schärferen Regeln gab es schon nach dem Amoklauf von Erfurt vor 14 Jahren, weil Robert S. damals genau wie in einem Computerspiel vorgegangen war. Auch Ali David S. soll intensiv Egoshooter-Spiele genutzt haben, bei denen Spieler mit verschiedenen Waffen  Gegner niedermetzeln.

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