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Leben in der Notunterkunft : Nach US-Flut: «Es ist unbequem, aber da musst du durch»

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Tausende Menschen leben nach Hurrikan «Harvey» noch immer in der größten Notunterkunft von Houston. Privatsphäre gibt es nicht. Dennoch zeigen sich Betroffene dankbar.

svz.de von
erstellt am 02.Sep.2017 | 13:36 Uhr

Der sieben Jahre alte Keshon war gerade beim Frisör. Ein Freiwilliger in Houstons größter Notunterkunft hat ihm die Haare geschnitten. Für die Opfer des inzwischen herabgestuften Hurrikans «Harvey», die durch die Überschwemmungen ihr zu Hause verloren haben, ist das ein kleiner Luxus.

Trotzdem habe sie ihren kleinen Neffen bestechen müssen, sagt seine Tante Lacretia Thomas (28). Die beiden wohnen jetzt in den Ausstellungsräumen des George R. Brown Convention Center in der texanischen Metropole. Auch eine Woche nach dem Hurrikan mit Regen-Rekordmengen leben noch Tausende durch die Flutkatastrophe obdachlos gewordene Menschen hier.

Thomas und Keshon, dessen Nachnamen sie nicht nennen will, teilen sich Halle C mit mehreren Hundert anderen - darunter auch Verwandte, die ebenfalls wegen der Flut ihre Häuser und Wohnungen verlassen mussten. Sie haben ein paar Feldbetten zusammengeschoben, aber viel Privatsphäre gibt es hier nicht. «Ich brauche keine Privatsphäre», sagt Thomas. «Es ist unbequem, aber da musst du durch. Es ist immer noch bedeutend besser als mitten in der Katastrophe zu sein.» Sie sei dankbar für die Unterkunft, «weil ich weiß, wo ich herkomme».

Tante und Neffe waren lange obdachlos, bis ihnen ein Bekannter vor kurzem eine Wohnung gab. Die wurde am 26. August überschwemmt. Das Wasser stand am Ende einen Meter hoch. «Wir haben in der Küche auf den Arbeitsflächen geschlafen», sagt Thomas. Sie habe immer wieder bei den Rettungsdiensten angerufen. Zunächst habe keiner reagiert, weil Polizei und Feuerwehr mit Tausenden Evakuierungen völlig überlastet waren. Dann hätten sie Hilfe versprochen, aber nichts sei passiert. Kurz bevor der Hurrikan auf Land traf, habe sie noch eingekauft, sagt Thomas. Dadurch hätten sie mehrere Tage in ihrer überfluteten Wohnung überleben können. «Wir haben nicht gehungert.»

Mit ihren «letzten fünfzig Dollar» habe sie schließlich am Donnerstag das Taxi gezahlt, das sie aus dem heruntergekommenen Viertel Homewood im Nordosten der Stadt ins Zentrum brachte. Hier steht das Kongresszentrum umringt von Luxushotels. «Es ist schön, um ehrlich zu sein», sagt Thomas. Die Freiwilligen seien alle sehr geduldig, und es stünden viele Dienstleistungen zur Verfügung.

Zeitweise waren bis zu 10 000 Menschen in dem Kongresszentrum - meist Mitglieder von sozialen Minderheiten aus den ärmsten Vierteln der Stadt. Auch anderswo in Houston kamen Flutopfer unter. Am Freitag waren nur noch rund 2000 Leute in der Unterkunft. Aber zahlreiche Wohnungen seien wegen des Hochwassers noch immer unbewohnbar. «Viele von ihnen gehen nach Hause, aber sie sehen die schlechten Nachrichten und kommen zurück», sagt Paula Smith. Als freiwillige Helferin des Roten Kreuzes arbeitet sie seit Montag in der Notunterkunft - seit die Straßen um ihre Wohnung herum wieder passierbar sind.

Inzwischen werden die ersten Notlager in der Stadt schon wieder geschlossen. Die restlichen Flutopfer kommen ins Kongresszentrum. Doch erst am Freitag gab es wieder neue Evakuierungen im Westen der Stadt, weil die beiden größten Staubecken überzulaufen drohen.

Vor dem Kongresszentrum hängen Leute herum und rauchen. Andere singen und tanzen in einem lauten Gottesdienst mit einem Gospel-Konzert, das eine Vorstadtkirche organisiert hat. Manche, die man vor dem Gebäude trifft, tragen Kleidung oder ein paar andere ärmliche Habseligkeiten in blauen Ikea-Tüten oder braunen Müllsäcken mit sich herum.

In einer anderen Ausstellungshalle bieten Freiwillige unverderbliche Lebensmittel, medizinische Dienste, Kleidung oder Transportmöglichkeiten an. Einige helfen den Betroffenen, die Formulare für ihre Entschädigungszahlungen auszufüllen. «Sie wollen mit jemandem Reden?» steht auf Schildern, die Flutopfern den Weg zu einer Beratungsstelle weisen.

Auf dem Gesicht der aufgewühlt aussehenden jungen Frau, die gerade von Krankenschwestern in blauen Uniformen beruhigt wird, zeichnet sich die wachsende Belastung durch die Katastrophe ab. «Soll ich dich zu deiner Mutter bringen?», fragt eine der Krankenschwestern. «Ich will überhaupt nicht mehr hier sein», sagt die junge Frau.

Die freiwilligen Helfer in der Unterkunft kommen von überall her. «Wisconsin, Minnesota - es ist nicht nur Houston. Wir haben auch New Yorker hier», sagt Smith. «Die hier sind aus Tennessee», sagt sie und zeigt auf eine Gruppe, die gerade vorbeigeht. Sogar mehr als ein Dutzend Helfer vom Mexikanischen Roten Kreuz seien nach Houston gekommen. Ein Mann mit vielen Tattoos aus Miami sagt, er habe lange als Freiwilliger für das Rote Kreuz gearbeitet, sowohl nach Hurrikanen in seinem Heimatstaat Florida wie auch kürzlich nach den Überschwemmungen in Louisiana.

Das Haus von Smith ist von den Fluten verschont geblieben. Doch ihr privater Kindergarten, ihre Einkommensquelle, wurde überschwemmt. Dennoch helfe sie in der Notunterkunft. «Es geht nicht um uns», sagt sie. «Es geht darum, dass sich diese Menschen hier wohlfühlen können.»

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