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Angela Merkel und Martin Schulz : „Mutti“ gegen „Mister Europa“

vom
Aus der Onlineredaktion

Schulz gibt den Kümmerer und hält sich alle Optionen nach einer Ablösung Merkels offen. Hannelore Kraft warnt vor Rot-Rot-Grün

von
erstellt am 25.Jan.2017 | 21:00 Uhr

Plötzlich ist da wieder Optimismus. Minister und Abgeordnete fallen Martin Schulz um den Hals. Küsschen, Schulterklopfen und Standing Ovations für den Kanzlerkandidaten in spe. Die SPD-Bundestagsfraktion, bei der er gestern seinen Einstand gibt, empfängt den 61-Jährigen mit offenen Armen.

Am Tag nach dem großen Paukenschlag mit dem überraschenden Rückzug von Sigmar Gabriel als SPD-Vorsitzender und dem Verzicht auf die Kandidatur macht sich bei den Genossen Euphorie breit. Was für ein Kontrast zur Tristesse der vergangenen Woche!

Sigmar Gabriel, der sich zwar noch ins Außenamt rettet, plötzlich wie ein Mann von gestern. Und Schulz in der Rolle des Hoffnungsträgers. Hinter verschlossenen Türen gibt er den Motivationstrainer, streichelt die Seelen der Genossen. Die Operation Neuanfang nach dem dramatischen Tag der Entscheidung.

„Wenn wir Sozis den Menschen zeigen, dass wir an sie denken, dann gewinnen wir die nächste Wahl“, ruft Schulz den Abgeordneten zu. „Sigmars Handeln gestern war historisch“, lobt er den scheidenden SPD-Chef links neben sich, der am Dienstag den Weg freigemacht hatte. Gabriel selbst macht gute Miene zum bösen Spiel. „Sehr gut“, antwortet er auf dem Weg zur Fraktionssitzung auf die Frage, wie er denn geschlafen habe. Hinter verschlossenen Türen begründet Gabriel noch einmal seine Entscheidung. Schulz Kanzlerkandidat und SPD-Chef, er Außenminister und Brigitte Zypries als Wirtschaftsministerin – das alles beruhe auf dem Wunsch, „acht Monate vor der Wahl so wenig Diskontinuitäten wie möglich zu schaffen“.

Respekt für Gabriel – ja. Bedauern über seinen Rückzug – nein. So lässt sich die Stimmungslage bei den SPD-Abgeordneten beschreiben. In der Parteizentrale freuen sie sich schon über einen Martin-Schulz-Effekt. Seit Dienstag seien mehr als 200 Männer und Frauen neu in die SPD eingetreten. Alle 1000 Plätze für die offizielle Kandidaten-Präsentation am Sonntag im Willy-Brandt-Haus sind bereits vergeben.

Bei seiner Premiere in der Fraktion kündigt Schulz einen Gerechtigkeitswahlkampf an, mit den Sozialdemokraten als Kümmerer-Partei. „Wer elf Jahre Bürgermeister einer 40 000-Einwohner-Stadt war, kennt die Probleme der Menschen“, erinnert er an seine Zeit als Rathauschef in der Heimatstadt Würselen. „Das Bollwerk der Demokratie hat drei Buchstaben: SPD“, wird Schulz von Teilnehmern zitiert. „Wir müssen durch unser Handeln die Würde des Menschen in den Mittelpunkt stellen.“

Immer wieder gibt es donnernden Applaus im Saal. „Martin, du sprichst die Sprache der Menschen und deswegen erreichst du sie auch“, bedankt sich Fraktionschef Oppermann und freut sich über Aufbruchsstimmung. „Die Fraktion steht mit Frau und Mann hinter dir.“ Begeisterung bei den anwesenden Abgeordneten. „Das ging mitten ins Herz, aber auch in Kopf und Bauch“, freut sich Fraktionsvize Axel Schäfer.

Während Gabriel nach der Sitzung schnell zum Ausgang strebt und den Fahrstuhl nach unten nimmt, bleibt Schulz oben, tritt mit Oppermann vor die Kameras. „Das war ein guter Start in den Wahlkampf“, lobt der Überraschungskandidat und bekräftigt seinen Anspruch, das Land zu führen.

Wie genau er die Aufholjagd in den Umfragen schaffen will – dazu gestern allerdings kein Wort. Allzu große Rücksicht auf das schwarz-rote Bündnis, das noch acht Monate vor sich hat, wird Schulz sicherlich nicht nehmen. Doch die Debatte über Kurs und Koalitionsoptionen beginnt nun wieder neu.

Die Parteilinke wittert Morgenluft, hofft mit Schulz auf Bewegung für Rot-Rot-Grün. „Wir wollen, in welcher Konstellation auch immer, den Bundeskanzler stellen“, sagt der Kandidat und will sich jede Option offen halten. Erst die SPD möglichst stark machen, dann schauen, mit welchen Partnern etwas gehe, so die Marschroute.

Von NRW-Ministerpräsidentin Hannelore Kraft kommt jedoch eine bemerkenswerte Wortmeldung, ein deutliches Signal an Schulz. Die stellvertretende SPD-Vorsitzende warnt vor Rot-Rot-Grün im Bund. „Meine Erfahrungen mit der Linkspartei in NRW, auch 2010, sind, dass die Partei weder regierungswillig noch regierungsfähig ist. Im Bund kommen ja noch die Themen Europa und Außenpolitik hinzu“, erklärte Kraft im Gespräch mit unserer Berliner Redaktion. „Ich kann mir nicht vorstellen, gemeinsam mit einer anderen Partei zu regieren, die keine klare Position zu Europa und Nato hat.“

Kommentar "Die SPD auf Wolke Sieben" von Andreas Herholz

Die Erleichterung bei den Sozialdemokraten darüber, dass sie nicht mit einem ungeliebten Kandidaten in einen aussichtslosen Bundestagswahlkampf  ziehen müssen, ist groß. Sigmar Gabriel macht den Weg frei – und belohnt sich für seinen Rückzug mit dem Traumjob des Außenministers. Jetzt liegen alle Hoffnungen auf Martin Schulz. Der Mann, der wie kaum ein anderer deutscher Politiker für Europa steht, das Gesicht der EU ist, soll es nun richten. Ein Kanzlerkandidat Schulz, für den die Innenpolitik Neuland ist und der keine Regierungserfahrung hat. Der  wohl auch künftige SPD-Vorsitzende muss jetzt liefern und deutlich machen, wofür er und seine Partei stehen, welches Angebot sie den Wählern für die Zukunft machen.

Entscheidend wird es sein, jene zu überzeugen, die der SPD den Rücken gekehrt haben und jene mit anderer parteipolitischer Präferenz. Mit dem Thema Europa wurden in der Vergangenheit keine Wahlkämpfe gewonnen. Und allein mit der Warnung vor Rechtspopulismus und der Verweis auf Unsicherheiten in einer aus den Fugen geratenen Welt lässt sich auch nicht punkten. Schulz braucht ein überzeugendes  Programm, um die politische Mitte zu erreichen. Sonst kommt die SPD schnell wieder herunter von Wolke Sieben.


 

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