BARBAREI : Mit Vorschlaghammer gegen die Kultur

Fast tagtäglich im Nordirak oder in Syrien: ISIS-Kämpfer zerstören jahrtausendealte Kulturgüter.
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Fast tagtäglich im Nordirak oder in Syrien: ISIS-Kämpfer zerstören jahrtausendealte Kulturgüter.

Seit 3000 Jahre bewachen Stiere mit Flügeln und Köpfen von Menschen die assyrische Stadt Nimrud. Bis ISIS-Kämpfer sie zerstörten.

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14. März 2015, 16:00 Uhr

Schlagfertigkeit ist das, was einem Tage später einfällt. Neulich merkte zu weingetränkter Stunde und aus Anlass der ISIS-Zerstörungsorgie in einem Mossuler Museum ein Mitbewohner meiner Stammbar an, dass die Islamisten mit ihrer Bilderstürmerei doch einfach nur konsequenter als andere seien. Hä? Mehr brachte ich nicht hervor, erst recht keine Erwiderung. Ich musste mir aber noch anhören, dass Berliner Mauer, Hakenkreuze und Saddam-Statuen nach den jeweiligen Epochenwenden auch geschleift wurden.

Und so sitze ich hier nun vor einem Glas Tee und grübele vor mich hin, ob das alles wirklich mit dem zu vergleichen ist, was die ISIS-Terroristen in einem Museum der nordirakischen Stadt Mossul angerichtet haben. Klar: Die Statuen sind genauso Geschichte wie die Berliner Mauer. Und klar: Es wäre wünschenswert, wenn mehr Mauerfragmente erhalten geblieben wären, um den Folgegenerationen zu zeigen, worum es damals ging.

Aber deklinieren wir es durch: Ist die mutwillige Zerstörung von Symbolen und Bauten immer dasselbe? Die Vernichtung und Entsorgung von Mauer, Hakenkreuzen und der Saddam-Statue geschahen nicht aus Hass, religiöser Verblendung oder anderen niederen Motiven.

Überflüssig zu erwähnen, dass an der deutschen Grenze knapp 1000 Menschen starben, dass die Nazis Millionen auf dem Gewissen haben und dass Saddam bei dieser Aufzählung irgendwo mittendrin liegt. Nur logisch hingegen, dass Gegner und Opfer aus verschiedensten Motiven ihrerseits wirkmächtig und symbolträchtig Hand an die Insignien und Machtwerkzeuge der ehemaligen Peiniger oder Feinde anlegen.

Die Sprengung des Hakenkreuz' über der Haupttribüne des Reichsparteitagsgeländes durch die siegreichen US-Truppen geschah kurz vor der Kapitulation Deutschlands und kann Jahrzehnte später nicht nur als Zeichen des Untergangs der Naziherrschaft, sondern auch als symbolischer Beginn der Entnazifizierung interpretiert werden. (Übrigens wäre es absurd gewesen, wenn die gerade besiegten Deutschen als Sprengmeister aufgetreten wären. Sie hatten diese Diktatur installiert und jahrelang getragen.) Das Ab- und Einreißen der Mauer besiegelte die Existenz eines Unrechtssystems, dessen Funktionieren ganz wesentlich durch dieses Bauwerk sichergestellt wurde. Und dass frisch befreite Iraker auf die Idee kommen, ein überlebensgroßes Standbild dessen zu beseitigen, der seine Macht mit grausamsten Methoden unter ihnen absicherte, überrascht auch nicht.

Es bedarf wahrscheinlich jahrzehntelanger Schleifen und Diskurse in den Feuilletons, um diesen verbrecherischen Symbolen nachzutrauern und einen unwiederbringlichen Verlust historischen Inventars zu beklagen. Ihre Zerstörungen – auch wenn es kollektive Affekte waren – erfüllten sogar einen Sinn. Von Vergewaltigungsopfern wird berichtet, dass sie nach den Taten stundenlang duschen. Ein ähnlich gelagerter Drang könnte im Falle von Mauer und Saddam-Standbild ebenfalls gewirkt haben. Wer will das verurteilen?

Aus der Sicht von Historikern gilt freilich wie so oft: Hinterher ist man immer schlauer. Ja klar: Die fast völlige Beseitigung der Berliner Mauer ist ein Verlust. Das Ensemble aus Stacheldraht, Todesstreifen, Selbstschussanlagen und Wachtürmen war sogar ein Unikat. Hakenkreuze freilich waren Massenware im NS-Staat – weder künstlerisch ambitioniert, noch von sonst einem Wert über die Signalisierung der Macht der NSdAP hinaus. Wo die Nazis echte Bauwerke von Substanz ohne unmittelbaren ideologischen Bezug schufen, geschah nach 1945 oftmals genau nichts. Das Bundesministerium der Finanzen hat seinen Sitz im ehemaligen Reichsluftfahrtministerium, das 1935/1936 entstand.

Mittlerweile ist aus dem Tee Wein geworden und wir können uns den Grauzonen hingeben. Was ist mit Marx-Denkmälern? War es in Ordnung, sie zu beseitigen? Und wieder: Ja klar: Man würde von den Opfern der SED zu viel erwarten, einen Säulenheiligen der ehemaligen Staatspartei von der symbolischen Reinigung nach Zeiten der Diktatur auszunehmen, weil er doch angeblich für die Folgen seiner Schriften nicht verantwortlich ist. Einem Opfer der Zeugen Jehovas würden wir nicht den Vorwurf machen, eine Bibel verbrannt zu haben.

Versündigen wir uns denn nicht am kollektiven Gedächtnis einer Nation, wenn wir die städtebaulichen Symbole ganzer Epochen vernichten? Eben nicht! Die NS-Herrschaft wird nicht durch Hakenkreuze unter Reichsadlern (die haben oftmals überlebt) begreifbar, sondern durch die Arbeiten von Historikern, Juristen und die Bereitschaft von Zeitzeugen, Auskunft zu geben und über Erlebtes zu berichten.

Das ist der entscheidende Unterschied zu der Bilderstürmerei der Islamisten im Irak. Ihnen geht es darum, die Vergangenheit zu vernichten, während die zuvor genannten „Bilderstürmer“ nach dem zerstörerischen Affekt alles daran setzen, dass der Terror aufgearbeitet wird und in der Erinnerung erhalten bleibt. Der erste Gedanke von Stasi-Opfern war nicht die Zerstörung des MfS-Hauptquartiers, sondern die Sicherung der für die Aufarbeitung immens wichtigen Akten.

Islamisten glauben an eine statische Wahrheit für die Ewigkeit. In ihrem Denken gibt es nur ein Jetzt, das keine Bezüge zur Vergangenheit braucht. Und wer in der Gewissheit lebt, DIE Wahrheit erkannt zu haben, muss sich auch nicht selbstquälerisch der Frage hingeben, ob irgendwer in der Zukunft zu einer anderen Bewertung kommt. Dessen Kopf würde schließlich rechtzeitig abgeschnitten werden.

Es bedarf nur etwas Geschick beim Suchen auf Youtube, dann kann man sich den Exzess gegen die Exponate des Mossuler Museums einmal selbst ansehen. Mit Pressluft- und Vorschlaghämmern geben sich dort Bestien ihrem Gewaltrausch hin. Einzigartige Kulturgüter aus altorientalischer Zeit werden zertrümmert. Tausende Jahre alte Kunstwerke werden zu Götzen erklärt und müssen deshalb für die Ewigkeit zerstört werden – ihre Existenz zuvor war schließlich nicht legitim, in der Logik der Islamisten auch nicht die Existenz ihrer Erschaffer. „Das ist so, als würde jemand die Sphinx in Ägypten zerstören“, sagte der Direktor des Vorderasiatischen Museums in Berlin, Markus Hilgert. Vermutlich stapelt der Mann tief. Wenn sie könnten, würden die ISIS-Schlächter auch die Pyramiden nebenan sprengen.

Diese wahnsinnig gewordenen Männer sind freilich nie von den Erschaffern der Kunstwerke, die sie zerstören, gedemütigt und beherrscht worden. Sie erleben nicht den überwältigenden Augenblick einer Befreiung, sondern den überwältigenden Augenblick ihrer vorübergehenden Allmacht, die Möglichkeit, Raum, Zeit und die Kontinuität der Geschichte zu zerstören. Auf der Suche nach ISIS-Parallelen in der Weltgeschichte kommt man aus deutscher Perspektive an einer Stelle raus: Der Anspruch, ein 1000-jähriges Reich – das ist die Ewigkeit – zu schaffen, dürfte in derselben Wahnsinnsliga angesiedelt gewesen sein wie der „Islamische Staat“. Auch die Nazis hatten sich mit der Vernichtung der Juden vorgenommen, die Geschichte aus ihrer Sicht zu reinigen. Wer Köpfe „Ungläubiger“ abschneidet, ist davon nicht weit entfernt. Was dagegen zu tun ist, haben die Alliierten im 20. Jahrhundert gezeigt.

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