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Onlineshops der Parteien : Mit Pappgenossen auf Wählerfang

vom
Aus der Onlineredaktion

Sie bestechen Vierbeiner mit Leckerlis, umarmen wildfremde Menschen und verschenken mehr oder weniger sinnigen Kram – Politiker während des Wahlkampfes

von
erstellt am 09.Aug.2017 | 06:00 Uhr

Wenn jemand wissen sollte, was das Volk braucht, dann doch wohl die zahlreichen Parteien, die sich zur kommenden Bundestagswahl aufstellen. Nicht zu wissen scheinen sie aber, was sich als Werbegeschenk eignet, wie ein Blick in ihre Onlineshops zeigt.

Packe ich dort meinen Koffer – oder Warenkorb –, kann dieser sich neben klassischen Wahlplakaten, Ansteckern und dem Heiligen Gral der Werbegeschenke – dem Kugelschreiber – auch mit reichlich Sonderbarem füllen. Beim digitalen Bummeln stellt man sich schon einmal die Frage, ob ein vermeintlich lebensgroßer Martin Schulz (SPD) als Pappaufsteller eine gute Flurgarderobe darstellen könnte. 1,80 Meter hoch, 60 Zentimeter breit, müsste man aber mal in persona nachmessen. Oder eine Vogelscheuche im Gemüsebeet? Vielleicht braucht die Tochter ja auch noch ein Date für den Schulball – zwar wäre Martin auf dem Tanzparkett wohl etwas steif, aber zumindest auf Fotos würde er stets eine gute Figur machen. Auch für ganz alltägliche Probleme haben die Sozialdemokraten eine Lösung parat – nicht umsonst findet sich in ihrem Parteishop eine Auswahl, die manchen Eigentümer eines Gemischtwarenladens vor Neid erblassen ließe – von Geschenkideen über Accessoires, Stofftiere, CDs und DVDs, Schreib- und Haushaltswaren bis hin zu Handyzubehör gibt es hier quasi alles, was das politische Herz begehrt. Denn wer ein echter Parteifreund ist, zeigt das in allen Lebenslagen.

Die Geschichte der Werbegeschenke zu politischen Wahlen ist mindestens genauso alt wie die demokratischen Wahlen selbst. Mit Kugelschreibern und Fähnchen lockt man jedoch kaum noch einen Wähler hinterm Ofen hervor. Zum Superwahljahr 2009 traten erstmals alle im Bundestag vertretenen Parteien mit eigenen Onlineshops an. Die SPD betreibt ihren „Imageshop“ bereits seit 1998.

Für die Hausfrau von heute bietet die SPD beispielsweise ein Waffeleisen – das natürlich Waffeln mit Parteilogo backt –, falls Frau am Wochenende mal nicht weiß, was sie kochen soll. Auch unter spröden Lippen muss kein Anhänger lange leiden. Ein Lippenpflegestift befindet sich genauso im Sortiment sowie Süßigkeiten, um die Kinder aufzuputschen – Gummibären mit Rindergelatine... lecker lecker. Und auch Spitzen gegen die CDU dürfen hier natürlich nicht fehlen. So liest man auf einer Grillzange den Spruch „Damit es nicht schwarz wird“ Und selbst in der harmlos erscheinenden Streichholzbox findet sich ein versteckter Seitenhieb – zwei der Streichholzköpfe sind abgebrannt, also mit schwarzen Köpfen. Der Slogan auf der Box verrät: „Auch hier sind wieder nur die Roten zu gebrauchen.“ Natürlich sind es nicht nur die Sozialdemokraten, die sich darum bemühen, ihren Wählern jeden noch so unsinnigen Wunsch von den Augen abzulesen. Die anderen Parteien hinken in Sachen Auswahl jedoch noch etwas hinterher.

Kreativ sind sie aber. Die Linke beispielsweise muss sich gedacht haben, die Roten haben schon so viele Lebensbereiche abgedeckt, wo können wir noch eine Nische finden? Na klar, Babykleidung! Nichts ist schließlich cooler, als sein Kind in einen Strampler zu stecken auf dem steht „Mit links gemacht“. Generell scheinen die Parteigenossen Kinder als potenzielle Wähler im Visier zu haben. Denn wenn sie größer werden, warten Brausepulver, Buntstifte und temporäre Tattoos auf die coolen Kids von morgen. Und wer dann zum echten Rebell wird, kann sich einen Varoufakis-Duftbaum ins Auto hängen, der „nach Ärger“ riecht. Apropos wilde Teenager – die werden auch bei der Piratenpartei fündig, die sehr erwachsene Aufkleber mit Aufschriften wie „♥ Penis“ und „♥ Vagina“ bietet. Und damit bloß keine weiteren Rebellen nachwachsen, sind Freunde der Piratenpartei auch immer mit logobesetzten Kondomen unterwegs. Klingt ja noch halbwegs sinnvoll. Genauso wie die Idee, hochwertigen Gold- und Silberschmuck mit dem Parteilogo für die Dame von Welt anzubieten. Doch selbst ich kann mir nicht erklären, warum ich Pfeffersticks, orange Dekosteinchen oder Vogelfutter – !!! – bei ihnen kaufen sollte. Zählen Straßentauben als Wähler? Liegt vielleicht daran, dass ihr Marketingnetzwerk noch nicht so ausgereift ist.

Die CDU ist da schon zwei Schritte weiter und wirbt quasi nach dem Motto „wählst du noch oder lebst du schon?“ Denn was gibt es schöneres, als beim Candlelightdinner mit gutem Wein – oder einer Hipster-Limonade im Weckglas-Look mit Papierstrohhalm – und tollem Essen gleich mal dezent die politische Meinung zu offenbaren? Lauschig flackert dann das CDU-Logo über die Wände. Könnte auf jeden Fall helfen, wenn der Gesprächsstoff ausgeht. Und auch Nachtisch hat die Union parat: CDU-Butterkekse, die laut Shop „ihrem Namen voll gerecht werden“.

Eher konservativ zeigen sich im Vergleich die Shops von FDP und Grünen. Erstere bieten die wohl geschmackloseste Seidenkrawatte der Welt an. Fragt sich nur, ob die wirklich Wähler anlockt oder nicht eher abschreckt. Auch die Warnwesten mit Taschen schreien ja geradezu: „Vorsicht, ich bin FDP-Wähler, bitte nicht ansprechen.“ Bei den Grünen ist – wie zu erwarten – alles grün. Wie diese untragbare neue Trendfarbe „Greenery“. Zu ihren innovativen Werbegeschenken gehören ein „Geiler (Jute)-Sack“ und ein Holz-Kochlöffel. Der „Energiewender“ eignet sich sowohl für selbstgedüngte Gemüsepflanzerl wie auch für Steaks aus Massentierhaltung. Und sogar die Fäden für ihre Luftballons sind ausgezeichnet als öko – die Luftballons auch?

Da die AfD noch neu im Wählerfang-Business ist, fällt ihre Auswahl eher klein aus. Dafür mit inbrünstigen Beschreibungen: Auf dem USB-Stick „sind Ihre Daten sicher“, mit dem Regenschirm „lassen wie Sie nicht im Regen stehen“ und die Keramiktasse besitzt sogar einen „neuen und besseren Henkel“, kein Witz! Und für alle, die auch daheim Wahl spielen wollen, gibt es die Tisch-Wahlkabine aus Wellpappe, die zudem einen „idealen Rückzugsort“ bildet. Sicher ein Kassenschlager.

Vielleicht können sich die Etablierten ja in Zukunft durch solche Nebengeschäfte finanzieren. Knallrote SPD-Möbel oder Bio-Kochbücher der Grünen könnte ich mir vorstellen. Was ich mich aber frage: Wie kommt man an die guten Sachen? Außer Kugelschreiber...

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