Bilanz Hurrikan „Irma“ : Mit blauem Auge davongekommen

„Irma“ hat auch Kuba hart getroffen. Zehn Menschen wurden in den Tode gerissen. In der Hauptstadt Havanna drang das Wasser über 500 Meter ins Stadtzentrum vor.
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„Irma“ hat auch Kuba hart getroffen. Zehn Menschen wurden in den Tode gerissen. In der Hauptstadt Havanna drang das Wasser über 500 Meter ins Stadtzentrum vor.

Hurrikan „Irma“ und eine erste Bilanz: Überflutungen, Millionenschäden – aber nicht der befürchtete „Killer-Sturm“

svz.de von
11. September 2017, 21:00 Uhr

Was tut man, wenn sich einer der gefährlichsten Wirbelstürme der Geschichte nähert und mehr als sechs Millionen Menschen zur Evakuierung aufgefordert werden? Für Sherri Stoy aus Süd-Florida waren es zwei Dinge. Zuerst schrieb sie einen offenen Brief auf Facebook – gerichtet an Hurrikan „Irma“. Sie werde alles tun, was nötig sei, um am Ende als Gewinnerin dazustehen, formulierte sie. „Wir sind stark, halten zusammen und improvisieren.“ Während ihre Nachbarn – der dramatischen Aufforderung von Governeur Rick Scott („Wer bleibt, kann sterben“) folgend – die Flucht in Richtung Inland antraten, verweigerte die passionierte Reiterin dann die Abreise – und griff zu ungewöhnlichen Maßnahmen. Alle vier ihrer Pferde wurden in ihrem Wohnzimmer untergebracht, der zum Stall umfunktioniert worden war. „Sie sind alt. Der Stress der Evakuierung wäre zu groß gewesen“, formulierte sie.

Gestern schien es, als habe „Irma“ den Brief von Sherri Stoy und die Gebete von Millionen Menschen erhört. Zwar war der Hurrikan am frühen Sonntagmorgen mit der zweitgrößten Stärke vier und Windgeschwindigkeiten von 215 Stundenkilometern auf die Inselgruppe der Florida „Keys“ geprallt, um sich dann etwas abgeschwächt die Westküste heraufzuarbeiten. Zwar fürchten Meteorologen und Katastrophenschützer, dass es die nächsten Tage vielerorts Überflutungen geben wird. Zwar waren gestern offiziellen Schätzungen zufolge mehr als 5,8 Millionen Menschen (knapp 60 Prozent der Bewohner Floridas) ohne Strom. Doch die Zahl der Toten scheint sich in engen Grenzen zu halten. Während Hurrikan „Katrina“ 2005 am Golf von Mexiko mehr als 1800 Menschenleben gefordert und Hurrikan „Andrew“ 1992 als bisher schwerste Heimsuchung von Florida 65 Menschen getötet hatte, dürfte der „Sonnenschein-Staat“ diesmal trotz hoher Sachschäden mit einem blauen Auge davonkommen. Bis gestern war zunächst nur von fünf Toten die Rede, die zumeist bei Verkehrsunfällen – durch Wind und Regenfälle begünstigt – starben.

Auch die von Fachleuten befürchteten „Monsterwellen“ an der Küste, die mit fünf Metern Höhe ganze Ortschaften überspülen sollten, wurden bisher nicht gemeldet.

Gestern schwächte sich „Irma“ auf ihrem zerstörerischen Weg ins Inland und in Richtung Atlanta (Bundesstaat Georgia) dann zu einem tropischen Sturm ab, begleitet von starken Regenfällen und immer noch gefährlichen Böen. Wo der Sturm nachließ, wagten sich die ersten Bürger bereits wieder auf die Straßen. Mancherorts prägten gestern allerdings Überflutungen das Bild. Teile der Innenstadt von Miami standen schon am Sonntag unter Wasser, und in der Stadt Jacksonville meldeten die Behörden gestern eine „Sturmflut von historischer Dimension“. Die größte Herausforderung stellt nun neben der Beseitigung der Sturm- und Wasserschäden die Wiederherstellung der Stromversorgung dar. Für die kommenden Tage werden in Florida Temperaturen deutlich über 30 Grad Celsius erwartet, doch Kühlschränke und Klimaanlagen werden mancherorts für Wochen außer Betrieb sein.

Verheerende Folgen für Europa

Angesichts des Wirbelsturms „Irma“ warnt der Direktor des Potsdam-Instituts für Klimafolgenforschung, Hans Joachim Schellnhuber, vor verheerenden Folgen auch für Europa. „Das Jahr 2017 zeigt uns auf bitterste Weise, warum die Wissenschaft seit Jahrzehnten vor dem Klima-Chaos warnt: Die Elemente Feuer, Wasser und Luft wenden sich nun gegen uns, weil wir den Planeten aus dem Gleichgewicht bringen“, erklärte Schellnhuber gestern.

Viele weitere Wirbelstürme könnten die Menschheit heimsuchen, meint der Experte. Zugleich kritisierte Schellhuber, dass das Thema im Bundestagswahlkampf nahezu völlig ausgeblendet werde.

Der Klimaexperte Anders Levermann rechnet aufgrund des Klimawandels künftig mit immer mehr starken Hurrikans. „Es ist nicht so, dass jetzt immer Hurrikans entstehen. Aber wenn sie entstehen, dann haben sie mehr Energie zur Verfügung“, sagte der Wissenschaftler des Potsdam-Institut für Klimafolgenforschung. Die diesjährige Hurrikan-Saison beschrieb er als „wirklich enorm“.

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