Terror in Russland : Millionenstadt in Panik

Spurensuche: Der  Bahnhof von Wolgograd bot gestern ein Bild der Verwüstung, Tatortermittler waren pausenlos im Einsatz.
Spurensuche: Der Bahnhof von Wolgograd bot gestern ein Bild der Verwüstung, Tatortermittler waren pausenlos im Einsatz.

Terror schockt Russland vor Olympia / Bombenexplosion erinnert sechs Wochen vor den Spielen in Sotschi an gefährliche Lage im Nordkaukasus

svz.de von
30. Dezember 2013, 00:33 Uhr

Erst eine Autobombe, dann ein Selbstmordattentat: Zwei Anschläge an einem Wochenende schüren bei vielen Russen die Angst vor einer Terrorserie – sechs Wochen vor Olympia in Sotschi. „In der Provinz können Extremisten leichter agieren als in Moskau, die Hauptstadt wird auch wegen der Winterspiele schärfer bewacht“, räumt Sprecher Wladimir Markin von der Ermittlungsbehörde ein. Radikale Islamisten aus dem russischen Konfliktgebiet Nordkaukasus drohen seit Monaten, den Terror vor den Wettkämpfen ins Kernland zu tragen. Nun trifft es erneut die Millionenstadt Wolgograd. Das frühere Stalingrad, Ort einer der blutigsten Schlachten des Zweiten Weltkriegs, gilt als wichtiger Verkehrsknotenpunkt und ist rund 700 Kilometer von Sotschi entfernt.

Im Bahnhof von Wolgograd hätten die Menschen dicht gedrängt vor einer Sicherheitsschleuse gestanden, berichten Augenzeugen. „Wegen der Neujahrsferien waren es viel mehr Reisende als sonst, sagt Kioskbesitzerin Irina Kirillowa, die unverletzt blieb. Sie erzählt von einem ohrenbetäubenden Knall, von splitterndem Fensterglas und schreienden Menschen. Mit einer Bombe von rund zehn Kilogramm Sprengkraft habe eine Selbstmordattentäterin mindestens 16 Menschen mit in den Tod gerissen, sagt Behördensprecher Markin. Zudem seien Dutzende Menschen schwer verletzt worden, weil der Sprengsatz auch Nägel enthalten habe. Erst Ende Oktober hatte in Wolgograd eine Selbstmordattentäterin in einem Linienbus sechs Passagiere getötet. Die Stadt sei „in Panik“, sagt der Berater des Gebietsgouverneurs. „Der Staat muss handeln“, fordert er. Es gehe nicht nur um Sotschi: Wolgograd sei eine der Spielstätten der Fußball-WM 2018.

Den Anschlag im Oktober verübte eine Islamistin aus der Teilrepublik Dagestan im Nordkaukasus. In der bergigen Vielvölkerregion kommt es immer wieder zu Gefechten zwischen Kreml-Einheiten und Extremisten. Diesen „Krieg“ in zentrale Teile Russlands zu tragen, dies hat der tschetschenische Islamistenführer Doku Umarow angedroht. Der Terrorchef wirft Präsident Putin eine „blutige Besatzungspolitik“ vor. Umarows Ziel ist ein von Moskau unabhängiger islamischer Gottesstaat, ein „Kaukasus-Emirat“. Zwar pumpt der Kreml Milliarden in die verarmte Region, um der für radikale Ideen anfälligen Jugend mit Jobs eine Perspektive zu verschaffen. Doch die Behörden werfen auch internationalen Terrornetz-werken wie Al-Kaida vor, die Islamisten zu finanzieren. Am Freitag hatte bereits die Explosion einer Autobombe in Pjatigorsk im Nordkaukasus für Aufsehen gesorgt. Beim Anschlag vor einer Polizeistation starben drei Menschen. Russische Politiker lehnten gestern eine weitere Verschärfung der Sicherheitsvorkehrungen ab. Schon jetzt gelten die Maßnahmen in Sotschi als extrem hoch.

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