Berlin : Merkel zum Dritten

Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verfolgt im Schloss Bellevue in Berlin, wie die Mitglieder ihres neuen Kabinetts ihre Ernennungsurkunden überreicht bekommen.
Bundeskanzlerin Angela Merkel (CDU) verfolgt im Schloss Bellevue in Berlin, wie die Mitglieder ihres neuen Kabinetts ihre Ernennungsurkunden überreicht bekommen.

Neuer Bundestag kann nun endlich mit der Arbeit beginnen

svz.de von
18. Dezember 2013, 00:35 Uhr

„...so wahr mir Gott helfe!“ Um 12.05 Uhr ist es dann geschafft. Die Kanzlerin spricht die letzen Worte ihres Amtseides. Bundestagspräsident Norbert Lammert (CDU) gratuliert noch einmal, und die Abgeordneten haben sich erhoben, das ganze Haus applaudiert. Angela Merkel nimmt wieder ganz vorn auf der noch leeren Regierungsbank Platz und genießt. Es ist ein Augenblick der Genugtuung, des Triumphes an diesem Tag in Berlin. Geschafft, Start frei in die nächste Amtszeit: Merkel, die Dritte. Nur ihre politischen Vorbilder Helmut Kohl und Konrad Adenauer haben länger regiert als sie.

Um 10.12 Uhr war die Last und Anspannung der vergangenen Monate plötzlich weg. 462 Ja-Stimmen, mehr hat noch kein Kanzler seit 1949 bei seiner Wahl erhalten. Dennoch: 42 Stimmen weniger als die schwarz-rote Mehrheit. Ein kleiner Schönheitsfehler. Merkel reagiert mit einem Achselzucken. „Herr Präsident, ich nehme die Wahl an und danke für das Vertrauen“, sagt die Kanzlerin.

Woher kamen die Abweichler? Eine Frage, die angesichts des klaren Votums und der erdrückenden Mehrheit der Großen Koalition erst einmal in den Hintergrund rückt. „Es gibt immer Enttäuschte“, lautet ein Erklärungsversuch. „Kraft, Erfolg und Gottes Segen“, wünscht Bundestagspräsident Lammert.

Ein warmes Lächeln hellt das Gesicht der alten und neuen Kanzlerin auf. Ganz vorne im Defilee der Gratulanten sind von der SPD Parteichef Sigmar Gabriel, Fraktionschef Thomas Oppermann und Ex-Kanzlerkandidat Peer Steinbrück. Rote Rosen und Gerbera für die schwarze Regierungschefin.

Ein Blick geht hoch auf die Besuchertribüne unter der Kuppel des Reichstages, wo Merkels Mutter Herlind Kasner die Wahl verfolgt hat. Herzliche Umarmung mit CSU-Chef Horst Seehofer, Glückwünsche auch vom Chef der Linksfraktion Gregor Gysi und dem grünen Führungspersonal. Und am Ende gibt es zum Abschied Küsschen von Kanzleramtsminister Ronald Pofalla, Merkels langjährigem Vertrauten und Weggefährten, der sich zurückzieht und angeblich mehr Zeit fürs Private haben will. Ein letztes Mal eng an der Seite der Chefin.

Ein Hauch von erstem Schultag liegt in der Luft. Da werden noch Plätze gesucht, jede Menge Erinnerungsfotos mit dem Handy geschossen. Begehrtestes Motiv fürs private Album oder das Posting im Internet ist ein gemeinsames Bild mit Angela Merkel. Auch Ursula von der Leyen, die Überraschungsministerin im Verteidigungs-Ressort genießt ihren Auftritt, herzt hier, scherzt da und winkt hoch auf die Tribüne, wo auch ihre sieben Kinder aufgeregt zuschauen.

Plötzlich sind da im Plenum die Scheuklappen zwischen Union und SPD verschwunden, die sich noch im Bundestagswahlkampf erbittert bekämpft hatten. Merkel plaudert mit ihrem Vizekanzler Gabriel, Gabriel mit Seehofer, jeder mit jedem. Demonstrative Herzlichkeit vor allem auch für die Kameraleute und Fotografen.

Abschied und Neuanfang – im Schloss Bellevue wird dieser Übergang an diesem Tag besonders deutlich. Die Ab- und Aussteiger erhalten ihre Entlassungsurkunden. Der Bundespräsident überreicht Merkel und ihren Ministern die Ernennungsurkunden, lässt es sich nicht nehmen, an die „wichtige Rolle der Opposition“ und an ihre Rechte zu erinnern und den „Mut zu Reformen“ einzufordern.

Es ist eine Art politischer Wanderzirkus, der sich nach den streng festgelegten Regeln des Grundgesetzes und des Protokolls an diesem Tag im Stundentakt zwischen Bundestag und dem wenige Hundert Meter entfernten Sitz des Bundespräsidenten hin und her bewegt.

Von Aufbruch ist an diesem Dienstag im Bundestag und beim neuen Kabinett noch nicht viel zu spüren, auch wenn die neue Regierungsmannschaft bereits am Nachmittag das erste Mal im Kanzleramt zu einer Sitzung zusammenkommt. Doch gibt es auch bei nicht wenigen eine tiefe Sehnsucht nach ein wenig weihnachtlicher Ruhe und Erholung nach anstrengenden Wochen.




zur Startseite

Gefällt Ihnen dieser Beitrag? Dann teilen Sie ihn bitte in den sozialen Medien - und folgen uns auch auf Twitter und Facebook:

Diskutieren Sie mit.

Leserkommentare anzeigen