Lange Amtszeit : Merkel überholt Adenauer

Angela Merkel lässt sich für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.
Angela Merkel lässt sich für ein Selfie zusammen mit einem Flüchtling fotografieren.

Kanzlerin länger als CDU-Mitbegründer an der Spitze der Partei . Regierungschefin wegen Flüchtlingspolitik stark wie nie

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11. September 2015, 21:00 Uhr

Konrad Adenauer war 90 Jahre alt, als er 1966 den CDU- Vorsitz an Ludwig Erhard abgab. 5633 Tage hatte er die damals junge Partei geführt, zu deren Mitbegründern er zählt. Bekennender und praktizierender Katholik, Verfechter der sozialen Marktwirtschaft, ein Mann, der auf die Wiedervereinigung hoffte und die Kommunisten verachtete. Die Partei und das Land prägte Adenauer, der erste deutsche Kanzler (1949 bis 1963), mit der Bindung an den Westen.

Am heutigen Sonnabend ist Angela Merkel einen Tag länger als Adenauer an der Spitze der Christdemokraten. Die Partei veranstaltet dazu keine Feier, aber Merkel kommt trotzdem mit vielen Mitgliedern zusammen – in Berlin beim ersten CDU-Kongress zur Digitalisierung. Die Zukunft ruft. Merkel ist nun 61 Jahre alt, seit fast zehn Jahren Regierungschefin, nun auch „Flüchtlings-Kanzlerin“ und seit längerem Führungsfigur in Europa. Politisch stark wie nie. Karriere-Ende nicht absehbar. Was von ihrer Ära hauptsächlich in Erinnerung bleiben wird, ist noch nicht ausgemacht. Ihre nun im Ausland als vorbildhaft gelobte Flüchtlingspolitik hätte das Potenzial dazu.

Freunde wie Feinde trauen ihr noch alles zu. Alles – das heißt: Adenauers 14-jährige Amtszeit als Kanzler übertreffen und sogar Helmut Kohl einholen, den Rekordkanzler, der 16 Jahre regierte und für einige Parteimitglieder trotz Spendenaffäre noch der CDU-Übervater ist. Dafür müsste Merkel zur Bundestagswahl 2017 erneut antreten, gewinnen und die volle Legislaturperiode durchmachen. Derzeit mag man sich in der CDU gar nichts anderes vorstellen, als dass es Merkel noch einmal für die Union reißen wird. Ausgerechnet die Frau aus der DDR, die Pfarrerstochter, die Physikerin. Die, die oft als spröde, emotionslos und kühl gilt. Die Kinderlose, in zweiter Ehe Verheiratete, die in der CDU erst spöttisch und dann später anerkennend „Mutti“ genannt wird. Und jetzt, da sie die deutschen Tore für Kriegsflüchtlinge weit aufgestoßen hat, rufen Hilfesuchende fremder Kulturen „Mama“.

Wie hält die Frau diesem Druck stand? Ist es für sie vielleicht schwerer zu schultern, die von ihr selbst geweckten Hoffnungen dauerhaft zu erfüllen, als Anfeindungen zu ertragen? „Das ficht mich nicht an“, sagt Merkel gern, wenn sie verunglimpft wird. Politiker müssten das aushalten können.

Nun aber hat Merkel in kurzer Zeit mit einer großzügigen Flüchtlingspolitik Deutschland zum Vorbild in der Welt gemacht. Die Menschen in und außerhalb Deutschlands sind begeistert. Im Internet regnete es postwendend syrische Liebesbotschaften an Merkel. Gedichte wurden ihr geschrieben.

Noch nie hat Merkel öffentlich so viel Zuneigung erfahren. Ficht sie das auch nicht an? „Ich finde das schon durchaus bewegend“, bekennt Merkel.

Im November ist sie zehn Jahre Bundeskanzlerin. Ins Geschichtsbuch kommt Merkel schon aufgrund der reinen Fakten: Als erste Frau, als erste Ostdeutsche an der Spitze der im Westen groß gewordenen Volkspartei CDU und erste Bundeskanzlerin. Inhaltlich wird hängen bleiben, dass die Protestantin die CDU weit in die politische Mitte gerückt hat. Auch ihr Kampf um die Stabilisierung der europäischen Währung und ihr Bemühen um Frieden in der Ukraine dürften haften bleiben. Die größte Herausforderung könnte aber die Flüchtlingspolitik werden.

Schafft Merkel es mit ihrer großen Koalition nicht, dass Hunderttausende, womöglich sogar Millionen Migranten integriert werden, könnte die jetzt noch so offenherzige und hilfsbereite Stimmung in der Bevölkerung kippen. Damit wäre Merkels Wiederwahl 2017 gefährdet. So wie der Superlativ, Adenauer und Kohl zu überrunden.

Kristina Dunz

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