Gesundheit : Mehr Druck auf Impfmuffel

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Kitas sollen helfen, Impfberatung durchzusetzen. Wie groß ist die Maserngefahr durch Verweigerer?

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26. Mai 2017, 20:45 Uhr

Erst am Wochenende war eine 37 alte Frau im Ruhrgebiet an Masern gestorben. Zwar ist Bundesgesundheitsminister Hermann Gröhe (CDU) weiter gegen eine Impfpflicht nach italienischem Vorbild, will aber eine härtere Gangart gegenüber Verweigerern. Bereits in der kommenden Woche soll der Bundestag die Regelung auf den Weg bringen. Wie groß ist die Maserngefahr? Gibt es empfindliche Strafen für Impfgegner? Hintergründe von Rasmus Buchsteiner.

Welche Änderungen sind geplant?
Seit Inkrafttreten des Präventionsgesetzes Mitte 2015 ist der Nachweis einer Impfberatung bei der Anmeldung von Kindern in der Kita Pflicht. Wird diese Vorschrift nicht befolgt, können schon jetzt bis zu 2500 Euro Geldbuße verhängt werden. Künftig müssen Kitas die Eltern, die keinen Nachweis einer Impfberatung vorlegen, den Gesundheitsbehörden melden. Bisher lag die Entscheidung in ihrem Ermessen.

Wie sehen die offiziellen Impfempfehlungen aus?
Die erste Masernimpfung wird im Alter ab neun Monaten empfohlen, die zweite ist für 15 bis 23 Monate alte Kinder vorgesehen. Die Ständige Impfkommission (STIKO) rät allen nach 1970 geborenen Erwachsenen, die als Kind nicht oder nur einmal geimpft wurden, zu einer Masern-Impfung. Ausnahme: Schwangere dürfen nicht geimpft werden.

Ist die Zahl der kranken gestiegen?
Im laufenden Jahr sind bislang 695 Erkrankungen gemeldet worden. Zum Vergleich: Im gesamten Jahr 2016 waren es 326 Fälle, 2015 wurden 2464 Erkrankungen gezählt. Aktuell ist Nordrhein-Westfalen mit 361 Fällen am stärksten betroffen, davon gab es allein 306 in der Stadt Duisburg.

In Brandenburg wurde eine Erkrankung gezählt. Mecklenburg-Vorpommern ist das einzige Bundesland, in dem in diesem Jahr noch keine Maserninfektion gemeldet wurde.

Wie gefährlich sind Masern?
Masern können zu Mittelohr-, Lungen- und Gehirnentzündungen führen. Bei Kindern unter fünf Jahren und Erwachsene ab 20 Jahren ist das Risiko von Spätfolgen hoch. Bei schwerem Verlauf können die Masern tödlich sein. 2011 und 2015 gab es jeweils einen Todesfall. Die am Wochenende in Essen verstorbene Frau war lediglich einmal geimpft. Laut Robert-Koch-Institut (RKI) sterben zwei von 1000 Patienten an den Folgen einer Maserninfektion.

Was sind die Gründe für MasernErkrankungen?
Beim Ausbruch in Duisburg nennt das hiesige Gesundheitsamt als Grund, dass in der Stadt viele Südosteuropäer ohne Impfschutz leben. Zuletzt war es auch zu Masernfällen in Flüchtlingsunterkünften gekommen. Zudem machen im Internet Impfgegner mobil und verunsichern Eltern, die das Risiko einer Masernerkrankung schließlich unterschätzen und auf eine Impfung ihrer Kinder verzichten. Ein weiterer Grund für Impflücken der Vergangenheit: Anfang der 70er war die Impfung eingeführt worden, wodurch die Zahl der Erkrankungen sank, was dazu führte, dass nur noch ein kleiner Anteil der Kinder geimpft wurde.

Wie gross sind die ImpfLücken?
Nur 73,7 Prozent des Geburtsjahrgangs 2013 waren Ende ihres zweiten Lebensjahres zweimal gegen Masern geimpft. Im Klartext: Rund 180 000 Zweijährige in Deutschland haben keinen ausreichenden Schutz. Experten zufolge sind die Impflücken bei Erwachsenen besonders hoch. Nur 13,5 Prozent der Frauen beziehungsweise 12,6 Prozent der Männer zwischen 45 und 64 Jahren in Westdeutschland verfügen über einen ausreichenden Impfschutz. Im Osten sind es 25,2 Prozent bei den Frauen sowie 28,6 Prozent bei den Männern.

Laut RKI sind die großen Impflücken der Grund, dass es immer wieder zu größeren Ausbrüchen kommt, wenn Masernviren von außen eingetragen werden.

Kommentar von Rasmus Buchsteiner: Aufklärung ist der Schlüssel
Eigentlich hätten die Masern in Europa längst besiegt sein sollen. Doch das Gegenteil ist der Fall. Die Viren sind wieder auf dem Vormarsch, die Zahl der Erkrankungen in diesem Jahr liegt schon jetzt deutlich höher als 2016, und es gibt bereits den ersten Todesfall. Hermann Gröhe macht Druck, plant niedrigere Hürden für Sanktionen gegen notorische Impfmuffel. Information und Aufklärung sind ein wichtiger Schlüssel für einen besseren Schutz vor Infektionen – zumal, weil Impfgegner im Internet gezielt für Verunsicherung bei Eltern sorgen. Aber auch bei Erwachsenen klafft eine gewaltige Impflücke. Hier gilt es, mit Informationskampagnen und gezielter Ansprache in Arztpraxen anzusetzen. Dabei sollten auch Zuwanderer und Flüchtlinge einbezogen werden. Im besten Fall führt das Gesetz mit der Verpflichtung zur Beratung für Kinder, dass Eltern nicht nur ihre Kinder impfen lassen, sondern auch sich selbst. Gelingt bei der Vorsorge nicht ein Durchbruch, führt wohl auch in Deutschland kein Weg an einer Impfpflicht vorbei.
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