17. Juni 1953 : Mahnung und Ermutigung

Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen nach sowjetischen Panzern.
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Demonstranten werfen am 17. Juni 1953 in Berlin mit Steinen nach sowjetischen Panzern.

Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen: Erinnerung an den Volksaufstand 1953 bleibt wichtig

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17. Juni 2016, 08:00 Uhr

Beim Volksaufstand am 17. Juni 1953 protestierten bis zu eine Million Menschen gegen das SED-Regime. Berliner Bauarbeiter begannen nach einer Erhöhung der Arbeitsnormen am 16. Juni einen Streik. Am Tag darauf weitete sich der Protest aus. Sowjettruppen und DDR-Volkspolizisten schlugen den Aufstand blutig nieder. Dutzende Menschen kamen ums Leben, Tausende wurden festgenommen. In der Bundesrepublik wurde der 17. Juni bis 1990 als „Tag der deutschen Einheit“ begangen. Heute findet der Tag kaum noch im öffentlichen Bewusstsein statt. Rasmus Buchsteiner sprach mit Roland Jahn, Bundesbeauftragter für die Stasi-Unterlagen, über den Jahrestag.

Welche Bedeutung hat der 17. Juni 1953 für uns heute?

Jahn: Der Tag ist für uns Mahnung und Ermutigung zugleich. Die Niederschlagung des Volksaufstandes macht deutlich, wozu Diktaturen fähig sind. Andererseits ruft uns dieses Datum in Erinnerung, dass Freiheit und Menschenrechte auf Dauer nicht zu unterdrücken sind. Die Menschen in der DDR haben es mit der Friedlichen Revolution von 1989 geschafft, die Träume des 17. Juni in Erfüllung gehen zu lassen.

Wie sehr bedauern Sie, dass dieser Tag kaum noch im öffentlichen Bewusstsein ist?

Es liegt an uns selbst, ob die Ereignisse des 17. Juni in Vergessenheit geraten oder nicht. Ich war gerade in Rheinland-Pfalz bei einer Veranstaltung, bei der die Geschehnisse von 1953 im Mittelpunkt standen. Wir haben diese Woche in der früheren Stasi-Zentrale in Berlin eine Dauerausstellung eröffnet – ganz bewusst vor dem Jahrestag des 17. Juni. Die Auseinandersetzung mit dem Thema bleibt wichtig.

Wäre der 17. Juni der bessere Nationalfeiertag?

Am 3. Oktober 1990 ist der Einigungsvertrag in Kraft getreten, das war ein Verwaltungsakt. Der 17. Juni wäre der bessere Nationalfeiertag, weil er für das Volk steht. Er hat eine größere emotionale Tiefe.

Russische Panzer standen am 17. Juni am Potsdamer Platz: Die Bilder gingen um die Welt und sind in die Geschichte eingegangen. Was weiß man aus den Stasi-Akten über diesen Tag?

In den Akten sind die Abläufe in vielen Details dargestellt. Es wird erkennbar, wie eng die Sowjets und die SED-Spitze zusammengearbeitet haben. Man war von diesen Ereignissen, dem Aufstand der Arbeiter, überrascht worden. Die Führung hatte nicht ernst genommen, was im Volke vor sich ging. Die Unterlagen dokumentieren, mit welcher Härte kurz nach dem Tag gegen die Menschen auf den Straßen vorgegangen worden ist. Auf Befehl der Sowjets gab es kurzfristig Hinrichtungen, mehr als 15 000 Festnahmen und hunderte Verurteilungen. In den Akten erfahren wir etwas über die Menschen und ihre Schicksale. Es geht darum, die Opfer zu würdigen und aufzuklären über Ursachen und Folgen dieses Tages. Die Konsequenz aus dem 17. Juni war ein massiver Ausbau des Stasi-Apparats. Die Stasi bekam den Auftrag, dem Politbüro regelmäßig Berichte über die Stimmung in der Bevölkerung vorzulegen.

Werden die Ereignisse im Geschichtsunterricht ausreichend behandelt und gewürdigt?

Man kann immer mehr machen. Es geht darum, dass wir den Schülerinnen und Schülern interessante Angebote unterbreiten. Wir brauchen eine Erzählweise, die junge Leute anspricht. Der Blick in die Vergangenheit kann die Sinne für den Blick in die Gegenwart schärfen. Das ist auch eine Hilfestellung für die Bewertung aktueller Fragen – zum Beispiel, wie man mit Menschen aus Ländern umgehen soll, die systematisch Menschenrechte verletzen.



 

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