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„Alternative facts“ : Lügen, die Geschichte schrieben

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Diese „alternative Wahrheiten“ haben den Lauf der Geschichte geprägt. Eines haben alle gemeinsam: Sie flogen auf.

svz.de von
erstellt am 24.Jan.2017 | 08:26 Uhr

Im US-Wahlkampf waren sie allgegenwärtig: Lügen. Von fragwürdigen Statistiken über abenteuerliche Verallgemeinerungen bis hin zur direkten und knallharten Lüge. Nach seiner Amtseinführung zeigt Donald Trump: Auch als Präsident scheut er nicht zurück vor „alternativen Fakten“. Doch muss er nicht um sein Amt fürchten, wenn zu viele Unwahrheiten auffliegen? Oder überwiegt am Ende der Nutzen einer verunsicherten Mehrheit? Immer wieder fliegen dreiste Unwahrheiten auf - doch teilweise erst, wenn sie ihre gewünschte Wirkung schon erzielt haben. Eine Auswahl.

Lügen für den Krieg: Angebliche Massenvernichtungswaffen im Irak

Anfang des Jahrtausends war klar: George W. Bush, der damalige US-Präsident, wollte Krieg. Ob er die Lüge, die ihm die Legitimation dafür gab, selbst wirklich glaubte, ist zweifelhaft. Er selbst beteuerte dies zumindest in einem Interview 2010.

Die Lüge war zumindest Teilen der US-Regierung bewusst: Die USA hatten ihren Angriff auf den Irak im März 2003 unter anderem damit begründet, dass der später hingerichtete Diktator Saddam Hussein angeblich Massenvernichtungswaffen herstelle. Im Februar 2003 lieferte der damalige US-Außenminister Colin Powell im UN-Sicherheitsrat mutmaßliche Beweise, dass Bagdad weiter nach Massenvernichtungswaffen strebe und die UN-Waffenkontrolleure systematisch hinters Licht führe.

Die UN-Inspekteure hatten vor dem Beginn des Irakkrieges mehrfach erklärt, dass sie keine Massenvernichtungswaffen gefunden hätten. Nach ihrer Einschätzung hatte Bagdad die Bestände abgebaut, über die es vor dem Golfkrieg von 1991 noch verfügte.

Ein Untersuchungsausschuss des US-Senats kam in einem im Juli 2004 vorgelegten Bericht zu dem Schluss, dass die Rechtfertigung für den Krieg gegen den Irak auf falschen und ungedeckten Analysen des Geheimdienstes beruhte. US-Waffeninspekteure bestätigten wenig später, dass keine Massenvernichtungswaffen gefunden wurden. Allerdings habe Saddam den Ehrgeiz nie aufgegeben, solche Waffen wieder herzustellen. Knapp zwei Jahre nach Beginn des Irakkriegs stellte die Expertengruppe die Suche ohne jeden Fund ein. George W. Bush sagte im Nachhinein dennoch, der Krieg sei richtig gewesen. Powell hingegen bedauerte in einem Fernsehinterview seinen Auftritt im Gremium als „Schandfleck“ in seiner Karriere.

Lüge für die Aufmerksamkeit: Hitlers Tagebücher entdeckt

1983 sorgte der „Stern“ mit der Schlagzeile „Hitlers Tagebücher entdeckt“ für Aufsehen. Der Journalist Gerd Heidemann und der Ressortleiter für Zeitgeschichte Dr. Thomas Walde wandten sich direkt an die Verlagsleitung, die das Projekt mit 9,34 Millionen D-Mark finanzierte. Knapp zwei Wochen nach Präsentation der Tagebücher war klar: Es handelte sich um Fälschungen. Das Bundesarchiv und das Bundeskriminalamt hatten Zeitzeugen befragt und das Papier chemisch analysiert. Der „Stern“ war auf den Fälscher Konrad Kujau hereingefallen. Der Fall war die Vorlage für den Film „Schtonk“ mit Götz George als Skandalreporter und Uwe Ochsenknecht als Fälscher.

Lügen für die Macht: Barschels Ehrenwort

Diese Pressekonferenz ist nicht nur in die Geschichte Schleswig-Holsteins eingegangen, sondern wurde bundesweit zum Skandal. Denn nur kurz darauf wurde klar: Barschel log offen und bewusst – und gab dafür sogar sein Ehrenwort: „Über diese Ihnen gleich vorzulegenden eidesstattlichen Versicherungen hinaus gebe ich Ihnen, gebe ich den Bürgerinnen und Bürgern des Landes Schleswig-Holsteins und der gesamten deutschen Öffentlichkeit mein Ehrenwort – ich wiederhole: Ich gebe Ihnen mein Ehrenwort! – dass die gegen mich erhobenen Vorwürfe haltlos sind.“

Und auch die Vorwürfe selbst zeigen ein systematisches Muster der Lüge zu Wahlkampfzwecken. Für den Landtagswahlkampf ließ sich der damalige Ministerpräsident den Journalisten Reiner Pfeiffer vom Axel Springer Verlag vermitteln. Dieser wurde als Medienreferent in der Staatskanzlei eingestellt, wo er für die Medienbeobachtung zuständig war. Sechs Tage vor der Landtagswahl im September 1987 kam alles ans Licht: Das Nachrichtenmagazin "Der Spiegel" titelte "Waterkantgate: Spitzel gegen den Spitzenmann". Der Spitzenmann war SPD-Ministerpräsidentkandidat Björn Engholm, die Spitzel waren Detektive, die der Medienreferent auf Engholm angesetzt hatte. Pfeiffer hatte zudem den SPD-Mann anonym beim Finanzamt wegen Steuerhinterziehung angezeigt und ihn als angeblicher Arzt angerufen, um ihm mitzuteilen, dass er HIV-positiv sei.

Der schmutzig geführte Wahlkampf sollte verhindern, dass die CDU „ihr“ Bundesland an die SPD verliert. Er zählte sich allerdings nicht aus. Nachdem verstärkt Zweifel an Barschels Unschuld aufkamen, erklärte er seinen Rücktritt – kurz darauf wurde er im Hotel Beau-Rivage in Genf unter nicht vollständig geklärten Umständen tot in der Badewanne seines Zimmers aufgefunden. Er starb an einer Medikamentenvergiftung.

Lüge für... man weiß es nicht: Walter Ulbricht mauert

„Niemand hat die Absicht, eine Mauer zu errichten“ - Diesen Satz sagt DDR-Staats- und Parteichef Walter Ulbricht am 15. Juni 1961 in einer Pressekonferenz. Was Ulbricht zu dem Satz verleitet hat, weiß bis heute niemand – denn die Frage der Journalistin zielte lediglich auf eine Staatsgrenze beim Brandenburger Tor. Ulbricht selbst brachte das Wort Mauer ins Spiel. Er gilt als eine der treibenden Kräfte für die Teilung Berlins. Zuvor hatte er beharrlich die Moskauer Staatsführung von der Notwendigkeit des Mauerbaus überzeugt: Zu viele Ostberliner verließen die DDR in Richtung Westen, in seinen Augen ein „Ausbluten“.

Kurz nach seinem legendär gewordenen Ausruf schuf er Tatsachen: Am 13. August 1961 begann die SED-Führung unter Walter Ulbricht mit dem Bau der Berliner Mauer. Bis zu ihrem Fall im Jahr 1989 starben dort nach wissenschaftlichen Erkenntnissen mindestens 138 Menschen.

Lügen gegen die Rivalen: Lenin und Trotzki wegretuschiert

Zu den bekanntesten Geschichtsfälschungen im Bilddokument zählt ein Auftritt des russischen Revolutionärs Lenin im Jahr 1920 vor dem Moskauer Bolschoi-Theater. Im Original waren die später ermordeten Politiker Leo Trotzki und Lew Kamenew zu sehen, die man als „Verräter“ wegretuschierte. Nach dem Tode Lenins 1924 brach schließlich ein offener Machtkampf zwischen Trotzki und Stalin über die Zukunft der Sowjetunion und die theoretischen Grundlagen für den angestrebten Kommunismus aus. Nachdem Stalin immer mächtiger geworden war, verlor Trotzki 1925 sein Amt als Kriegskommissar und musste in den nächsten Jahren verschiedene untergeordnete Tätigkeiten im Staatsdienst ausüben. Es folgte die Kennzeichnung von „Trotzkismus“ als „Abweichlertum“ und „Verrat“. Alle Schriften und Werke des „jüdischen Verschwörers“ und „Lakaien des Faschismus“ galten als Ketzerei. Stalin ließ Trotzkis Namen und Fotos aus allen offiziellen Dokumenten und Texten tilgen. Außerdem leugnete er dessen Rolle beim Oktoberaufstand und im Bürgerkrieg.

Lüge als Rechtfertigung: Die Dolchstoßlegende

Mit der „Dolchstoß-Legende" wollten die politischen Rechten nach dem Ersten Weltkrieg die Niederlage Deutschlands mit Verrat innerhalb des Reiches selbst erklären. Die Linksparteien sowie die deutschen Juden wurden pauschal dafür verantwortlich gemacht. Erstmals öffentlich erwähnt wurde die Metapher in einem Artikel der Neuen Zürcher Zeitung vom 17. Dezember 1918. Der britische General Sir Frederick Maurice wird dort so zitiert: „Was die deutsche Armee betrifft, so kann die allgemeine Ansicht in das Wort zusammengefasst werden: Sie wurde von der Zivilbevölkerung von hinten erdolcht.“

Diese Aussage wurde immer wieder aufgegriffen und erhielt damit eine weitere Öffentlichkeit, wurde zur anerkannten Interpretation der Ereignisse. Die Lüge hatte den großen Vorteil, dass das besiegte deutsche Heer nach dem Ersten Weltkrieg eine moralische Stütze erhielt. Es sei „im Felde unbesiegt“ geblieben und habe erst durch oppositionelle „vaterlandslose“ Zivilisten aus der Heimat einen „Dolchstoß von hinten“ erhalten. Antisemiten interpretierten das so um, dass es sich in ihre politische Auffassung schmiegte. Sie verknüpften „innere“ und „äußere Reichsfeinde“ dabei zusätzlich mit Propaganda gegen das „internationale Judentum“.

Weiter legitimiert wurde die Lüge durch den angesehenen Hindenburg, der als „Sieger von Tannenberg“ hoch geachtet wurde. Er übernahm dankbar das Erklärungsmuster des von außen unbesiegten Heeres und gab der Dolchstoßlegende großen Auftrieb in den Medien.

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